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Ortsbesuch in Schuld: zwischen Chaos, Schadensbeseitigung und Hoffnung

  • Der kleine Ort Schuld in Rheinland-Pfalz wurde schwer von den Unwettern getroffen.
  • Während die einen Anwohner noch Schlamm aus den Häusern entfernen, schauen die anderen, was noch von ihrem Hab und Gut übrig geblieben ist.
  • RND-Reporter Frank Thomas Wenzel war vor Ort.
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Schuld. Beim Blick auf die Ahrschleife, wo einst der Kern der Gemeinde Schuld lag, fallen zuerst die zwei Bergepanzer auf. Doch die haben ihre Arbeit schon getan. An diesem Sonntagmorgen wird versucht, zu retten, was zu retten ist. Helfer, Bewohner, Journalisten, Bagger, Traktoren mit großen Anhängern.

Es riecht nach Heizöl und nach dem Schlamm, der überall ist. „Es wird immer chaotischer“, sagt ein Polizist in sein Mikrofon. Eine Frau gibt vor der Ruine ihres Hauses einem türkischen TV-Sender ein Interview. Das Haus sei einsturzgefährdet. Sie sei trotzdem reingegangen und habe ein paar Sachen rausgeholt. Hinter ihr stehen drei Plastiktüten mit Kleidungsstücken. Dem Haus fehlt die Vorderfront. Das Wrack eines Großbildfernsehers ist im ehemaligen Wohnzimmer zu erkennen. Und es ist zu erkennen, dass die schiefen Wände bis ins Obergeschoss durchgeweicht sind. Sie und ihr Partner hätten sich gerade so nach oben retten können, als das Wasser kam. Den Hund auch.

Im kleinen Ort Schuld im Ahrtal laufen die Aufräumungsarbeiten auf Hochtouren. © Quelle: Thomas Frey/dpa

„Mach dich fort“, ruft nebenan ein Mann einem Fotografen hinterher. Der Mann bildet das Ende einer Eimerkette, mit der Schlamm aus einem Keller geholt wird. In einer Garage steht ein Ford-Mustang-Oldtimer. „Der war vor einer Woche fertig restauriert worden. Ist alles futsch“, sagt sein Eigentümer. Vollgelaufen sei er. Wasser und Schlamm kamen durch alle möglichen Dichtungen und den Motorraum.

Ein paar Häuser weiter fliegen Holzteile durch ein offenes Fenster. Das muss mal eine Schrankwand gewesen sein. Von mehreren Häusern sind nur noch Grundmauern zu erkennen. Die befanden sich mitten in der Flutwelle, die in gerader Linie durch die Ahrschleife geschossen ist. Die Ahr hat viele Schleifen. Sie ist 85 Kilometer lang und sie hat mehr als 60 Zuflüsse. Schwere Überschwemmungen mit gewaltigen Wassermassen hat es immer wieder gegeben. Eine Sturzflut wie in dieser Woche hat es noch nie gegeben. „Kollegen, die schon viel gesehen haben, sagen, das sei wie Japan“, erläutert Alexander Steinruck vom Technischen Hilfswerk (THW). Er meint damit den Tsunami von 2010. Steinruck und seine Leute sind Experten für Wasseraufbereitung. Samstagabend sind sie angerückt, um eine Trinkwasseranlage aufzubauen. Es gibt in Schuld keinen Strom, kein Trinkwasser, kein Festnetz. Mobilfunkverbindungen sind wackelig. Am Ufer der Ahr, die wieder in ihr Bett zurückgekehrt ist, hat das THW zwei knallrote Bassins aufgebaut, die an Swimmingpools erinnern. Dort hinein soll das Wasser gepumpt werden, damit sich Schlamm und Schwebstoffe absetzen können. Dann wird es durch Filter und keramische Membrane geführt, um auf Trinkwasserqualität zu kommen. Das Gesundheitsamt soll die Anlage eigentlich noch abnehmen. Das wird wohl ausfallen. Am Sonntagnachmittag soll die Anlage laufen und 15 Kubikmeter Trinkwasser pro Stunde erzeugen, das dann auch zum Duschzelt geleitet wird, das die Feuerwehr am Vormittag aufgebaut hat. „Alle, die hier sind, sollen sich hier duschen können“, sagt ein Sprecher der Feuerwehr. Es könne noch Wochen dauern, bis die reguläre Trinkwasserversorgung wieder funktioniere.

Am späten Vormittag rauschen schwarze Limousinen durch den Ortskern von Schuld und wirbeln viel Staub auf. Kanzlerin Angela Merkel (CSU) und Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) werden erwartet. Polizei, die die Sicherheitslage überprüft, sei das gewesen, heißt es. Zur selben Zeit trifft ein vierköpfiges Kriseninterventionsteam des Deutschen Roten Kreuzes ein. Sie sind an ihren lilafarbenen Leibchen zu erkennen. Mit Journalisten wollen sie nicht reden – „wir arbeiten lieber im Hintergrund“. Ihre Aufgabe ist, Betroffenen dabei zu helfen, das traumatische Erlebnis zu bewältigen. Die Katastrophe in Schuld wird von dem Team in die höchste Kategorie eingestuft. Weil die Zerstörungen so groß sind, dass es in vielen Fällen nichts mehr zum Wiederaufbauen und Reparieren gibt. Und das Team weiß schon von mehreren Fällen, wo dringend Hilfe nötig ist.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (Mitte links) und Malu Dreyer (Mitte rechts, SPD), Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, sprechen mit Helfern und Betroffenen bei ihrem Besuch in dem vom Hochwasser verwüsteten Schuld bei Bad Neuenahr-Ahrweiler. © Quelle: Christof Stache/AFP

Über die schmale Straße kommen gegen Mittag immer mehr Freiwillige. Zu Fuß. Mit Schaufel und Eimer wollen sie unten im Ortskern helfen. Als Merkel und Dreyer Schuld erreichen, gehen sie in die falsche Richtung. Nicht nach unten in den Schlamm, sondern nach oben. Zu einem Aussichtspunkt, der einen guten Überblick über die Ahrschleife gibt.

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