Vergleich mit Elbhochwasser 2002: „Situation war vollkommen anders“

  • Angesichts der aktuellen Hochwasserkatastrophe kommen Erinnerungen an das Elbhochwasser 2002 auf.
  • Wie sich die beiden „Jahrhundertfluten“ vor allem in der Entstehung unterscheiden, erklärt der Klimaforscher Dr. Andreas Marx.
  • Er spricht von einer neuen Dimension von Wetterlagen, auf die man sich kaum vorbereiten könne.

Hannover. Die Hochwasserkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz mit bis dato rund 160 Toten ist nicht die erste „Jahrhundertflut“, die Deutschland seit Beginn des Jahrtausends ereilt. Mit dem Elbhochwasser im Jahr 2002 ereignete sich ein Flutunglück von damals nicht geahntem Ausmaß im Osten Deutschlands. Elbe, Müglitz und Weißeritz überfluteten vor allem weite Teile Sachsens, 21 Menschen starben an den Folgen der Überschwemmungen. Doch in der Entstehung unterscheiden sich die beiden Katastrophen, wie ein Experte sagt.

„Normalerweise handelt es sich bei Fluthochwassern um eine klassische Vb-Wetterlage“, sagte Klimaforscher Andreas Marx vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Bei einer Vb-Wetterlage (gesprochen: „Fünf-B-Wetterlage“) bewege sich ein von der Adria kommendes Tiefdruckgebiet über die Alpen in Richtung Nordosten. Dabei nehmen diese Tiefs durch das Mittelmeer große Mengen an Feuchtigkeit auf. Bei der Unwetterkatastrophe von 2002 habe sich „das Tief über dem Erzgebirge ausgeregnet“. Da sich die Unwetter aber vor allem im Bereich der großen Flussläufe ereignet hatten, habe es sich um einen relativ eng begrenzten Raum gehandelt, sagt Marx. Außerdem habe es dort über einen längeren Zeitraum hinweg geregnet.

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Eine vollkommen andere Situation

„Letzte Woche war die Situation vollkommen anders“, so Marx. Es habe zwar „schon öfter katastrophale Überschwemmungen in Mittelgebirgsregionen gegeben, aber nicht in dieser Dimension“. Die Ursache für die aktuelle Situation liege darin, dass sich das Gewitter nicht von der Stelle bewegt habe, so wie es normalerweise der Fall sei, sagt Marx. „Ein Gewitter dauert in der Regel circa eine oder eine halbe Stunde, weil es sich fortbewegt.“ Doch dieses Mal sei das Tiefdruckgebiet nicht von der Stelle gewichen.

Zurückzuführen sei dies auf den sogenannten Jetstream, einen Starkwind, der in 10.500 Metern Höhe von West nach Ost weht. Die Intensität dieses Jetstreams habe sich jedoch aufgrund von Effekten des Klimawandels so verändert, dass Hoch- und Tiefdruckgebiete „insgesamt langsamer über uns herüber ziehen“, sagt der Klimaforscher. Dieses Phänomen könne man seit etwa einer Dekade beobachten.

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Bundesinnenminister Horst Seehofer und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet machen sich an der Steinbachtalsperre bei Euskirchen ein Bild von der Lage.  © Reuters

Die Folge: Extreme Wetterlagen seien extremer geworden. Nasse und trockene Phasen hielten länger an. „Zum Beispiel sieht man das an der aktuell immer noch andauernden Dürre im Nordosten von Deutschland“, sagt Marx. Zudem sei der Zeitraum, in dem die extremen Wassermassen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen geflossen seien, sehr kurz gewesen. So sei der Wasserstand der in der Eifel entspringenden Ahr am Morgen des 14. Juli noch bei 40 Zentimetern gelegen. Innerhalb von sieben bis acht Stunden sei dieser auf drei Meter angestiegen, so Marx.

„Wenn Sie mir im Frühjahr 2018 gesagt hätten, dass wir im Sommer 2021 auf diese Schäden zurückblicken, dann hätte ich Ihnen nicht geglaubt“, sagt Marx. Es sei eine vollkommen neue Situation, die uns als Gesellschaft vor neue Fragen stelle, sagt Marx. Auch sei das Ausmaß in dieser Form nicht abzusehen gewesen. „Sie können zwar vorhersagen, dass eine Gefahr besteht, aber nicht so genau“, betont der Klimaforscher. Es sei seiner Meinung nach kaum möglich, sich auf solche nie da gewesenen Situationen vorzubereiten. „Das hat selbst mich als Wissenschaftler überrascht“, betont er.

Ob solche Unwetterkatastrophen in Zukunft öfter auftreten werden, kann der Klimaforscher nicht mit Sicherheit sagen. Die Voraussetzungen für derartige Unwetter seien aber zumindest da und mit steigender Erderwärmung wachse die Gefahr etwa von Starkregen. „Wir werden aber sicher besser vorbereitet sein, wenn solche Situationen in zwei Jahren wieder vor der Tür stehen“, ist Marx überzeugt.

RND/mhs

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