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Nach Hochwasser: Fachmann fordert Stresstest für Talsperren in NRW

  • Bei der Flut Mitte Juli sind in Nordrhein-Westfalen mehrere Talsperren übergelaufen.
  • Brauchen sie angesichts zunehmender Wetterextreme mehr Sicherheitspuffer?
  • Ein Fachmann fordert eine gründliche Bestandsaufnahme.
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Bochum. Gut vier Wochen nach dem katastrophalen Hochwasser mit allein 47 Toten in Nordrhein-Westfalen fordert der Wasserfachmann Christoph Mudersbach von der Hochschule Bochum einen Stresstest für alle NRW-Talsperren. Die Bewirtschaftungsstrategien aller 65 Talsperren im Bundesland müssten neu bewertet und durchgerechnet werden, so der Professor.

Es gehe um die Frage, ob Talsperren mit einer ausgewiesenen Hochwasserschutzfunktion angesichts der voraussichtlichen Zunahme von Starkregenereignissen zukünftig ganzjährig, also auch im Sommer, einen Sicherheitsspeicherraum für Regenwasser freihalten müssten und ob sie dafür die Kapazitäten hätten. Bei kleineren Talsperren, die bisher keine besonderen Aufgaben im Hochwasserschutz leisten, müsse zudem geprüft werden, ob hier ein zusätzliches Volumen für Hochwasserschutzzwecke freigehalten werden könne, sagte Mudersbach.

Experte: „Effektiver Hochwasserschutz geht nur dezentral”

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Da die Talsperren zugleich als Speicher die ausreichende Wasserversorgung in trockenen Sommern wie 2018-2020 garantieren und dafür normalerweise im Frühjahr möglichst voll gefahren werden, könne ein solcher ganzjähriger Sicherheitspuffer möglicherweise zu Wassermangel in trockenen Jahren führen, sagte Mudersbach. Um beide Aufgaben - Hochwasserschutz und Schutz gegen Trockenheit - gleichzeitig zu erfüllen, könne als Ergebnis der Berechnungen auch die Erweiterung von Talsperren, Errichtung von zusätzlichen Regenrückhaltebecken oder sogar der Bau einer ganz neuen Talsperre herauskommen.

Dabei denke er nicht an eine neue Großtalsperre für NRW, eher an kleinere Einheiten. „Effektiver Hochwasserschutz geht nur dezentral“, betonte der Experte. Das habe die Juli-Flut gezeigt, bei der nicht die großen Flüsse, sondern kleine Nebenflüsse in engen Tälern überflutet worden seien. Ihm sei auch klar, dass der Bau einer neuen Talsperre einen massiven Eingriff in die Natur erfordern würde.

Auf Folgen des Klimawandels einstellen

Andererseits belege der jüngste Bericht des Weltklimarates, dass Wetterextreme zunähmen. Jedes Grad Lufterwärmung bringe nun mal sieben Prozent mehr Aufnahmefähigkeit für Wasser in der Atmosphäre und damit mehr Wasser bei starken Regenfällen. Darauf müsse sich das NRW-Talsperrensystem vorbereiten.

Normalerweise kommt es vor allem im Winter zu Hochwasser. Die Wasserverbände planen das ein und lassen rechtzeitig Wasser aus den Talsperren ab. Zum Sommer hin bemühen sie sich aber, die Talsperren wieder zu füllen.

In diesem Jahr waren wegen der extremen Regenfälle Mitte Juli mehrere Talsperren in NRW wie etwa die Bever- und die Wuppertalsperre übergelaufen - sie konnten die Wassermengen nicht mehr aufnehmen. Die Steinbachtalsperre nahe Euskirchen geriet nach Rissen am Bauwerk sogar zeitweise in eine kritische Lage und drohte zu brechen.

Mehr als 180 Tote bei Hochwasserkatastrophe

Bei der Unwetterkatastrophe in NRW und Rheinland-Pfalz waren Mitte Juli mehr als 180 Menschen gestorben, darunter 47 in NRW. Hinzu kamen enorme Sachschäden. Die NRW-Landesregierung geht von Sachschäden in zweistelliger Milliardenhöhe aus.

RND/dpa

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