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Von Zusammenhalt und Wut

Über zwei Wochen Regen: Australiens Jahrtausendkatastrophe

Australien, Sydney: Ein Straßenschild steht im Hochwasser einer überfluteten Straße. Zwei Wochen später beginnen nun das Aufräumen.

Australien, Sydney: Ein Straßenschild steht im Hochwasser einer überfluteten Straße. Zwei Wochen später beginnen nun das Aufräumen.

Am Ende der Woche schien in Sydney wieder die Sonne. Der strahlend blaue Himmel täuschte hinweg über das, was sich Anfang der Woche in der Fünfmillionenstadt abgespielt hat. Über zwei Wochen hatte es am Stück geregnet und viele ahnten schon, was ihnen bevorstehen würde.

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Denn das Wettersystem hatte zuvor im Nordosten des Landes schon so viel Regen gebracht, dass die Flüsse über die Ufer traten. Brisbane, die Hauptstadt des Bundesstaates Queensland, erhielt 80 Prozent ihrer jährlichen Niederschläge innerhalb von nur drei Tagen. Mindestens 15.000 Häuser wurden überschwemmt, der Hafen der Stadt musste aus Sicherheitsgründen geschlossen werden. Zuletzt war der Bundesstaat 2011 von ähnlich starkem Hochwasser heimgesucht worden.

Kurz danach wurde die Kleinstadt Lismore im Norden von New South Wales, dem Bundesstaat, in dem auch Sydney liegt, großflächig zerstört. Der lokale Fluss erreichte dort zeitweise einen Wasserstand von über 14 Metern, mehr als zwei Meter höher als beim vorherigen Höchststand im Jahr 1954. Hunderte Menschen mussten evakuiert werden. Das Wasser stand hier bei den meisten Häusern bis zum Dach. Viele Menschen verloren ihr gesamtes Hab und Gut.

„Der Zusammenhalt ist groß“: Die Lage in Sydney nach der Flut

RND-Korrespondentin Barbara Barkhausen berichtet aus Manly, einem Vorort von Sydney, von der Situation nach den schweren Überschwemmungen.

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Dramatische Rettungsaktionen

In Lismore kam es zudem zu einigen recht dramatischen Rettungsaktionen. Beispielsweise wurde eine 93-jährige Frau gerade noch rechtzeitig aus ihrem Haus geholt – mit gerade mal 20 Zentimetern Freiraum über ihrem Kopf, nachdem ihr gesamtes Haus bereits mit Wasser vollgelaufen war. Ein Mann in Lismore, dessen Haus zuvor noch nie überflutet war, berichtete lokalen Medien, wie er noch vor Tagesanbruch aufwachte, nachdem Wasser in sein Haus strömte. Aidan Ricketts schaffte es, seine eigene Familie per Boot in Sicherheit zu bringen.

Obwohl er schnell erkannte, dass sein Haus nicht mehr zu retten war, kehrte er zurück, um Nachbarn aus den umliegenden Straßen zu retten. Insgesamt brachte er 16 Menschen und fünf Hunde in Sicherheit. „Als wir unser Haus verließen, saßen Nachbarn auf ihren Dächern und wir hörten Leute in einem Dachhohlraum, die versuchten, ein Loch in ihr Metalldach zu schlagen und so herauszukommen“, sagte er der australischen Ausgabe des „Guardian“.

Straßen verwandelten sich in Flüsse

Der Premier von New South Wales, Dominic Perrottet, bezeichnete schon da die Überschwemmungen als eine der schlimmsten Naturkatastrophen überhaupt in Australien. In einer Pressekonferenz sprach er von einem „Jahrtausendereignis“. New South Wales war auch einer der Bundesstaaten gewesen, der von den katastrophalen Buschfeuern 2019/20 betroffen war. Inzwischen wurde für den Osten des Landes auch der nationale Notstand ausgerufen. Bisher haben die Überschwemmungen über 20 Tote gefordert, ob die Aufräumarbeiten, die inzwischen begonnen haben, noch weitere Opfer zu Tage bringen werden, bleibt abzuwarten.

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In Sydney verwandelten starke Niederschläge am Dienstag Straßen in Flüsse. 40.000 Sydneysider mussten evakuiert werden, weitere 20.000 waren in Alarmbereitschaft versetzt, nachdem ein Wasserspeicher überfloss. In dem luxuriösen Stadtteil Mosman gegenüber der Innenstadt wurden am Dienstagvormittag innerhalb von sechs Stunden 128,5 Milliliter Regen gemessen. Vor allem im Norden der Stadt mussten etliche Straßen gesperrt werden.

Mitten im Wohnviertel: Wellen wie am Meer

Der beliebte Strandvorort Manly stand teilweise völlig unter Wasser. „Es war hier wirklich besonders schlimm“, berichtete Christiane Cohnen, eine deutsche Auswanderin, die mit ihrem Mann in Manly lebt. Ihre Straße stand komplett unter Wasser, die unteren Wohnungen in ihrem Apartmentgebäude überfluteten. „Vor unserem Haus waren Wellen wie direkt am Meer“, sagte sie. „Ich war sehr emotional – eine Mischung aus Angst, aber auch Mitleid mit den Nachbarn, die in der unteren Etage wohnen, wo alles voller Wasser war“, sagte Cohnen.

Ein Stockwerk höher habe sie sich sicherer gefühlt. „Aber dann sieht man, wie das Wasser steigt und wir kannten ja schon die Bilder aus Lismore und wussten, wie schnell es gehen kann.“ Cohnen berichtete, wie sie bereits Sachen gepackt habe, falls sie mit dem Boot evakuiert hätten werden müssen. Letztendlich hielt der Wasserspeicher, der Regen stoppte und am Mittwoch versickerte das Wasser genauso schnell wie es am Dienstag gestiegen war. Zurück blieben eine Menge Schmutz, Geröll und Sand, kaputte Autos, durchnässte Möbel, Bücher und Kleidungsstücke. „Der Zusammenhalt war groß, alle haben ihre Sachen bei anderen untergestellt, sich mit Essen ausgeholfen, beim Aufräumen geholfen“, berichtete die Deutsche. „Das Unglaubliche ist, dass die Leute immer noch gut drauf sind und Witze machen, obwohl sie die meisten ihrer Habseligkeiten verloren haben.“

Hilfsbereitschaft vermischt mit Wut

Die große Hilfsbereitschaft im Land zeigte sich auch dadurch, dass es trotz der Verwüstungen in Sydney etliche Menschen in der vergangenen Woche immer noch schafften, den noch schlimmer betroffenen Mitbürgern in Lismore im Norden des Bundesstaates zu helfen. Nach einer Sammel- und Spendenaktion fuhren zwei Sydneysider beispielsweise mit dringend benötigten Putzmitteln, Bettzeug, Unterwäsche und Gummistiefeln nach Lismore, um in der großflächig zerstörten Stadt vor Ort Hilfe zu leisten. Ein Aufruf per Whatsapp in der Nachbarschaft löste eine Welle der Hilfsbereitschaft aus: „Es ist wirklich erstaunlich, was ganz normale Australier bereit sind zu tun, um sich gegenseitig zu helfen“, kommentierte Nicola Skinstad, deren Mann die Aktion mit einem Freund ins Leben gerufen hat.

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Bei aller Hilfsbereitschaft hat das extreme Hochwasser viele Menschen im Land aber auch wütend gemacht. Premierminister Scott Morrison, der Lismore besuchte, wurde von demonstrierenden Bürgerinnen und Bürgern begrüßt, die Schilder hochhielten mit Worten wie: „Hör mit dem Mist auf! Ruf den Klimanotstand aus!“ Seiner liberalkonservativen Regierung wird immer wieder vorgeworfen, beim Klimaschutz inaktiv zu sein. So war Australien einer der Nachzügler, ein Nullemissionsziel bis 2050 zu vereinbaren. Außerdem setzt das Land bei der Energiegewinnung nach wie vor auf Kohle und Gas.

Laut Douglas Bardsley, einem Experten der Universität von Adelaide, muss sich Australien nach der aktuellen Katastrophe nun endlich der Realität der globalen Erwärmung stellen. Die Idee, dass solche Überschwemmungen oder Brände „nur alle 100 Jahre einmal vorkommen“ würden, müsse in einem sich schnell ändernden Klima „ernsthaft infrage gestellt“ werden, meinte er. Stattdessen müsse das Land mit mehr Wettersystemen rechnen, die Hochwasser produzieren sowie mit heißeren und trockeneren Sommern und damit heftigeren Buschfeuern.

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