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Experte zu Hochhauseinsturz bei Miami: „So gut wie ausgeschlossen, dass noch ein Verschütteter lebt“

  • Das teilweise eingestürzte Hochhaus bei Miami hat für Bestürzung gesorgt. Mittlerweile gehen die Behörden davon aus, keine Überlebenden mehr zu finden.
  • Doch gibt es wirklich keine Chance mehr, jemanden zu finden? Und was macht das mit Helferinnen und Helfern?
  • Ein Gespräch mit Krisen- und Katastrophenforscher Henning Goersch.
Maximilian Hett
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Ende Juni kam es bei Miami im US-Bundesstaat Florida zu einem dramatischen Unglück. Ein Wohnkomplex mit rund 130 Einheiten war aus zunächst ungeklärten Gründen teilweise eingestürzt. Retterinnen und Retter hatten seitdem nach Überlebenden gesucht. Nun, zwei Wochen später, besteht für die Behörden quasi keine Hoffnung mehr, noch Überlebende zu finden. Die Suche wurde eingestellt. Was bedeutet das für die Einsatzkräfte? Und wie läuft solch ein Rettungseinsatz ab? Henning Goersch ist Krisen- und Katastrophenforscher und Professor an der Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) schätzt er ein, ob es noch Hoffnung auf Überlebende gibt und erklärt, wie Helferinnen und Helfer nach Verschütteten suchen und wie die Einsatzkräfte mit der psychisch belastenden Arbeit umgehen.

Herr Goersch, vor zwei Wochen ist bei Miami ein Wohnhaus teilweise eingestürzt. Noch immer werden 86 Menschen vermisst. Dennoch wurde die Rettungsaktion jetzt eingestellt. Ist damit jede Hoffnung verloren?

Zumindest zu 99 Prozent. Mir ist kein Fall bekannt, bei dem jemand länger als zwölf Tage unter solchen Bedingungen wie in Florida überleben konnte. Meistens verdurstet man schon früher. Nur bei besonderen Konstellationen, wenn man durch Regen an Wasser kommt, kann man länger am Leben bleiben. In der Regel sinkt die Wahrscheinlichkeit schon nach 72 Stunden deutlich, dass Menschen noch am Leben sind. Aber nach zwei Wochen ist es so gut wie ausgeschlossen, dass noch jemand am Leben ist.

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„Manchmal muss priorisiert werden“

Wie gehen Helferinnen und Helfer in der Regel vor, wenn sie in Katastrophenfällen nach Überlebenden suchen?

Das fällt unter die Rubrik Search and Rescue. Das ist ein weltweites Vorgehen und besteht aus zwei Vorgehensweisen. Das ist zum einen der Search-Teil, die Ortung. Hier stellt sich die Frage: Werden noch Leute vermisst in dem Gebäude? Ist schon bekannt, dass Leute vermisst werden, setzt die Suche ein. Wenn man das nicht genau weiß, beginnt man mit der Ortung. Das geschieht etwa durch die biologische Ortung mit Hunden. Diese sind speziell darauf trainiert, Menschen zu finden. Die Hunde schlagen dann an, wenn sie Verschüttete zum Beispiel in Hohlräumen entdecken. Daneben gibt es die technische Ortung. Hier wird mit Hochleistungsmikrofonen und Sonaren nach Zeichen von Leben gesucht. Damit kann man sogar Herzschlag oder das Kratzen von Fingernägeln an Beton hören und orten. Außerdem werden auch Wärmebildkameras und Radare eingesetzt.

Dazu wird dann beim Rescue-Teil auch mit technischer Unterstützung versucht, die Menschen zu retten. Um zu den Opfern vorzudringen, ist es Ziel der Helfer, möglichst erschütterungsfrei vorzugehen. Man versucht, Stein für Stein abzutragen und zu den Personen zu kommen. Bei vielen Einsätzen müssen Helfer abwägen: Wer hat eine vernünftige Überlebenschance? Manchmal muss priorisiert werden, wem schneller geholfen werden kann. Als letztes geht es dann darum, die Toten zu bergen. Da sind wir jetzt im Fall von Miami angelangt.

Weil ein noch stehender Teil des Gebäudes drohte, umzustürzen, musste er am Sonntag gezielt gesprengt werden. War das eine Gefahr für mögliche Überlebende?

Ich glaube nicht, dass das die Überlebenschancen von möglicherweise Verschütteten verändert hat. Die Überlegung, die hinter dieser gezielten Sprengung steckt, ist, die Einsatzkräfte zu schützen.

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Nach Hauseinsturz in Florida: Gebäude in Miami vollständig abgerissen
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Die Such- und Rettungsarbeiten waren bereits am Donnerstag vorerst beendet worden.  © Reuters

Die Alternative wäre gewesen, das Search and Rescue einzustellen, weil die Gefahr für Rettungskräfte zu groß ist. Außerdem hätte das Gebäude auch so einstürzen können. Durch die gezielte Sprengung konnten die Maßnahmen noch ein paar Tage fortgeführt werden.

„Natürlich will jeder lieber, jemanden lebend retten“

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Im Falle von Miami wurde nach 14 Tagen entschieden, die Rettungsaktion einzustellen. Ist das ein üblicher Zeitrahmen?

In diesem Fall gab es sehr viele Personen, die vermisst waren und es gab sehr starke Hinweise, dass viele Menschen im Moment des Zusammenbruchs in dem Haus waren. Das hat dafür gesprochen, über einen so langen Zeitraum die Rettungsaktion durchzuführen. Dazu kommt, dass der Zugang für die Rettungskräfte zum Unglücksort relativ einfach war. Bei riesigen Erdbebenkatastrophen, wo auf größerem Raum nach Vermissten gesucht werden muss, sind es oft kürzere Zeiträume, weil die Rettungsarbeiten viel aufwändiger und schwieriger sind. Im Vergleich dazu ist das in Miami örtlich ein relativ kleiner Fall, der auch noch ein paar günstige Voraussetzungen zur Rettung hat, so schrecklich das Unglück natürlich ist. Bei anderen Katastrophen muss man zum Teil mehr priorisieren und die Überlebenschancen abwägen.

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Was macht das mit den Einsatzkräften, wenn die Hoffnung auf Überlebende schwindet? Wie verarbeiten sie eine solch belastende Situation?

Das ist ein mehrstufiger Prozess, der schon lange vor einem konkreten Einsatz beginnt. Das fängt an bei der Auswahl der Mitarbeiter. In Auswahlverfahren wird geguckt, wie mögliche Mitarbeiter mit belastenden Situationen umgehen. Es werden zum Beispiel Sicherheitsprobleme simuliert, um zu schauen, ob Personen geeignet sind. Außerdem gibt es regelmäßige Übungen und Trainings, auch gegen Stress und Traumata. Im Einsatz selbst ist es wichtig, sich als Team zu finden und aufeinander zu achten. All das führt dazu, dass es bei Helfern gar nicht zu einem so großen Wandel kommt, wenn sich die Aussichten auf Rettung verschlechtern. Natürlich will jeder lieber jemanden lebend retten, aber die Helfer sind gut darauf vorbereitet. Immerhin wollen auch die Angehörigen Sicherheit haben, was mit einem geliebten Menschen geschehen ist und sei er auch tot. Und das motiviert die Helfer, hier Klarheit zu schaffen.

„Angehörige nicht alleine lassen“

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Der Bürgermeister des Ortes sagte am Mittwoch, er habe die Hoffnung auf ein Wunder nicht verloren. Wie ehrlich können und müssen Einsatzkräfte in solchen Situationen mit Angehörigen sein?

Es hat sich gezeigt, dass Offenheit der richtige Weg ist. Die Helfer haben schon sehr lange gesucht. Es kann zwar immer theoretisch noch sein, dass jemand noch am Leben ist. Man sollte die Hoffnung aber nicht zu hoch hängen, sondern versuchen, in den Trauerprozess einzusteigen. Das wichtigste ist, die Angehörigen nicht alleine zu lassen.

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