Hitzewelle und Borkenkäfer: Verlieren wir unsere Wälder?

  • In der Region rund um Warstein (NRW) trauern Anwohner um ihren Wald.
  • Seit den Hitzesommern 2018 und 2019 ist davon praktisch nichts mehr übrig – und in anderen Teilen Deutschlands geht das Waldsterben gerade erst los.
  • Was, wenn es jetzt noch mal wochenlang heiß und trocken bleibt?
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Warstein. Wer die Sauerlandstraße L856 entlangfährt, traut seinen Augen kaum. Genau hier, zwischen Warstein und Arnsberg, stand einst ein stolzer Fichtenwald. Dicht bewachsen, ein Ort der Erholung für viele Ausflügler aus der Umgebung und aus ganz Nordrhein-Westfalen.

Heute bietet sich Auto- und Fahrradfahrern entlang der Straße ein apokalyptisches Szenario: Baumstümpfe, wohin das Auge blickt. Die wenigen noch vorhandenen Fichten sind braun und vertrocknet. Über Hunderte Meter derselbe Anblick. Von dem einst so stolzen Waldgebiet ist fast nichts mehr übrig.

Der Wald als Altersvorsorge

Was Tagestouristen schockieren mag, trifft Anwohner aus der Region mitten ins Herz. Als eine “zutiefst deprimierende Situation” beschreibt Edgar Rüther das Waldsterben in seiner Heimat. Rüther ist Forstamtsleiter in Warstein – eine Region, die in Deutschland vom Waldsterben mit am stärksten betroffen ist. Ausgelöst wurde es durch eine Kettenreaktion, die nicht zuletzt mit dem Klimawandel zusammenhängt. “Zuerst waren die Leute noch sauer. Irgendwann setzte dann die Trauer ein. Da war die Erkenntnis da: Wir haben den Wald verloren.”

Und an dem Wald hängt viel hier im Sauerland – nicht nur die gute Luft. “Für viele stellt der Wald eine Altersvorsorge dar”, erklärt Rüther gegenüber dem RND. “Diese wirtschaftliche Grundlage ist jetzt komplett weggebrochen.” Die Holzverarbeitungsunternehmen könnten sich zwar momentan kaum vor Holz retten – doch perspektivisch könnte auch sie das Waldsterben hart treffen. Und dann wäre da noch der Tourismus: Bislang kamen Tagesausflügler gerade wegen der dichten Wälder ins Sauerland. Was, wenn sie verschwinden?

Blick von oben auf den Arnsberger Wald. Die meisten Fichten sind inzwischen abgestorben. © Quelle: picture alliance / Jochen Tack
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Mit Sturm “Friederike” begann die Katastrophe

Alles beginnt vor mehr als zwei Jahren mit dem verheerenden Sturm “Friederike”: Als dieser am 18. Januar 2018 durch den Arnsberger Wald fegt, vernichtet er rund 10 Prozent der Baumbestände. “Eigentlich gar nicht so viel”, bemerkt Rüther – Orkan “Kyrill” beispielsweise hätte elf Jahre zuvor deutlich mehr Schäden angerichtet. “Allerdings war es uns praktisch unmöglich, die umgestürzten Bäume in den Wäldern zu identifizieren und herauszuschaffen”, erklärt der Forstamtsleiter. Der Beginn einer Katastrophe.

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Denn nur wenige Monate nach “Friederike” folgt der Rekordsommer von 2018. Und in den umgestürzten, toten Bäumen beginnt der größte Feind des Waldes an zu knabbern: der Borkenkäfer. Er liebt die Hitze, die Trockenheit und tote Bäume – und in diesem Sommer vermehrt er sich rasant. Schnell springt er von den umgestürzten Bäumen auch auf die lebenden über – und hat hier ein leichtes Spiel. Weil die Fichten wegen der Dürre kaum Harz produzieren, um den Angreifer zu verkleben, knabbert er sich von einem Baum zum nächsten. Ein Todesurteil für den Wald.

Schon damals schlagen Förster im Sauerland Alarm. Doch das ganze Ausmaß der Katastrophe wird erst ein Jahr später deutlich: Auch 2019 ist viel zu trocken, wochenlang brennt die Sonne auf den Arnsberger Wald. “Auch der Borkenkäfer hat sich nicht ans Lehrbuch gehalten”, sagt Rüther. Er habe den milden Winter gut überstanden, pflanzt sich anschließend wieder rasant fort – gleich mehrere Generationen entstehen. Das Sterben der Waldflächen ist nicht mehr zu stoppen.

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Die Klimakatastrophe, über die kaum jemand spricht
4:28 min
In Sibirien taut der Permafrostboden. Erste Folgen hat das bereits: Ein Kraftwerk wurde beschädigt, Öl gelangte in die Umwelt.  © RND

Waldgebiet ist nicht mehr zu retten

Zwei Jahre nach Beginn der Katastrophe ist das Waldgebiet zwischen Warstein und Arnsberg praktisch nicht mehr zu retten. “Wir gehen davon aus, dass sämtliche Fichten sterben werden. Das können wir gar nicht mehr verhindern”, sagt Rüther. Und genau das bringt gleich die nächste Problematik mit sich: Findet der Borkenkäfer keine Fichten mehr, dann springt er auch auf andere Bäume über. Genau das sei hier bereits geschehen.

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Die aktuelle Hitzewelle beobachtet Rüther mit großer Sorge: “Bleibt es jetzt erneut den ganzen August so heiß und trocken, ist klar, was passieren wird”, so der Forstamtsleiter. “Dann wächst eine weitere Generation Borkenkäfer heran.” Eine weitere Kettenreaktion könnte die Folge sein.

Noch dramatischer ist allerdings, dass der Borkenkäfer sich auch in anderen Belangen nicht an das “Lehrbuch” hält. Denn: Er zieht weiter, Richtung Süden. Inzwischen befällt er auch die Höhenlagen des Sauerlands, etwa in der Region Schmallenberg. “Hier, in Höhen von 700, 800 Metern kommt es eigentlich nicht zu solchen Massenvermehrungen”, weiß Frank Rosenkranz, Leiter des Regionalforstamtes Oberes Sauerland. Die Vermutung besteht, dass der Käfer mit dem Wind in die höheren Lagen getragen wurde.

Der warme Mai habe dies begünstigt. “Förster, deren Wälder noch im Winter borkenkäferfrei waren, stellten plötzlich Löcher in den Bäumen fest”, erinnert sich Rosenkranz. Nun sterben auch in seiner Region massenhaft die Fichten. Spätestens ab Herbst sei das auch für den Laien erkennbar: Dann erwartet der Forstamtsleiter die prägnanten braunen Fichten, die Baumstümpfe entlang der Straßen, die Löcher im Wald.

Auch in anderen Regionen sterben Wälder

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Das massive Waldsterben ist jedoch kein regionales Phänomen des Sauerlands. Nur wenige Kilometer weiter, im Ruhrgebiet, sterben seit den beiden Hitzesommern Hunderte Buchen ab. Noch dramatischer ist die Lage im benachbarten Ostwestfalen, hier sterben ganze Buchenbestände. Wer über die A2 von Bielefeld Richtung Niedersachsen fährt, sieht hier bereits die großen, braunen Lücken in den Wäldern der dortigen Erhebungen.

Doch auch die Wälder in Bayern sind betroffen. In Franken gibt es laut einem Bericht des Bayerischen Rundfunks Waldgebiete, in denen die Hälfte aller Bäume beschädigt ist. In Thüringen starben 2019 rund 20.000 Hektar Wald ab. In diesem Jahr ist es noch dramatischer: Bereits bis Juni seien 40.000 Hektar Wald durch Trockenheit und Schädlinge abgestorben, berichtet der MDR.

Die Zahlen für ganz Deutschland klingen ähnlich beunruhigend: Der Anteil von Bäumen mit “deutlichen Kronenverlichtungen” ist dem Landwirtschaftsministerium zufolge auf 36 Prozent gestiegen, also mehr als ein Drittel. Um den Rest steht es kaum besser: Nur noch rund ein Fünftel aller Bäume in Deutschland hat eine intakte Krone.

Nach Einschätzung des Waldschutzexperten Michael Müller von der TU Dresden haben die Schäden in deutschen Wäldern ein historisches Ausmaß erreicht. “Wir erleben gerade die schwerwiegendste Waldschadensituation (...) seit Beginn der geregelten nachhaltigen Waldbetreuung und Waldbewirtschaftung, das heißt also seit mehr als 200 Jahren”, sagte Müller im Juli.

Das sogenannte "Käferholz" aus dem Arnsberger Wald wird nach China exportiert. © Quelle: picture alliance / Jochen Tack

Was tun?

Doch was tun? Experten sind sich uneins: Manche fordern, den Wald einfach in Ruhe zu lassen, den Borkenkäfer knabbern zu lassen und die Natur machen zu lassen. Andere halten das für Blödsinn: Der Klimawandel schreite so schnell voran, dass sich das Ökosystem unmöglich von alleine anpassen könne.

Im Sauerland probiert man nun eine Mischung aus beidem. Frank Rosenkranz und sein Team haben viele Fichtenwälder im Schmallenberger Land längst aufgegeben. An anderen Stellen, da, wo die Fichten eine reelle Überlebenschance hätten, versuche man gerade, mit gezieltem “Waldschutzmanagement” gegenzusteuern. “Aber nur da, wo es sich lohnt”, sagt der Forstamtsleiter. Ansonsten würde man die Waldflächen gezielt absterben lassen und später neue Wälder pflanzen. Dann allerdings nicht mehr mit Fichten.

“Die Fichte ist für diese klimatischen Bedingungen nicht mehr gemacht”, weiß Rosenkranz. “Die braucht es kühl.” In Zukunft könnten hier im Sauerland neue Mischwälder entstehen, statt Fichten stünden dann hier Douglasien. Die Baumart soll besser mit dem sich wandelnden Klima zurechtkommen – doch auch da ist man sich inzwischen nicht mehr so sicher. “Es ist momentan kaum möglich, den Waldbesitzern handfeste Empfehlungen an die Hand zu geben”, sagt Rosenkranz.

Holzexport treibt CO₂-Ausstoß in die Höhe

Außerdem sei es gar nicht so einfach, neue Wälder zu pflanzen. Edgar Rüther weist auf die gestiegene Wildpopulation hin. “Wenn die Rehe die Bäume anknabbern, ist es kaum möglich, sie großzuziehen. Wir können ja nicht den gesamten Arnsberger Wald einzäunen.”

Die Bewohner rund um das abgestorbene Waldgebiet im Sauerland müssen sich nun erst einmal ohne Bäume arrangieren. Das könnte auch lokale Klimaveränderungen hervorrufen, vermutet Rüther – etwa höhere Temperaturen in den Orten um das ehemalige Waldgebiet.

“Hinzu kommen noch die globalen Auswirkungen”, so Rüther. Bislang haben die Bäume das CO₂ aufgenommen – jetzt passiere im Prinzip genau das Gegenteil. Das tote Käferholz werde nämlich in großen Mengen nach China exportiert – das heize den CO₂-Ausstoß also noch mal weiter an. Ein Teufelskreis.

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