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Helferin nach Erdbeben in Haiti: „Kinder sind immer die ersten Opfer solcher Katastrophen“

  • „Erst mal wollten die Kinder nur noch draußen schlafen“, berichtet Faimy Loiseau dem RND über die Angst der jungen Bewohnerinnen und Bewohner des SOS-Kinderdorfs von Les Cayes in Haiti.
  • Auch acht Tage nach dem Erdbeben der Stärke 7,2 sitzt der Schock bei ihnen noch tief.
  • Die Not vieler Kinder, die ihr Zuhause oder ihre Eltern verloren haben, ist groß.
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Faimy Loiseau befindet sich in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince im Norden, als das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) sie morgens um 10 Uhr (Ortszeit) erreicht. Das Erdbeben der Stärke 7,2, das den Süden des Landes erschütterte und mehr als 2000 Todesopfer forderte, ist da gerade acht Tage her. Sie stehe in ständiger Verbindung zu den Mitarbeitenden des SOS-Kinderdorfs in der vom Beben besonders getroffenen Stadt Les Cayes, sagt die Direktorin der „SOS-Kinderdörfer weltweit“ in Haiti. Im Gespräch erzählt sie vom Stand der Dinge im Erdbebengebiet. Wichtig ist ihr, dass es den Kindern gut geht, dass ihnen geholfen wird, auch denen, die jetzt in Stadt und Land umherirren, weil sie durch die Katastrophe von ihren Eltern getrennt wurden oder diese verloren haben. „Die Kinder sind die Zukunft des Landes“, sagt die 41-Jährige, die auch einer medialen Sicht entgegenwirken möchte, dass Haiti „von Gewalt regiert“, „hoffnungslos“ oder gar ein „gescheiterter Staat“ sei.

Faimy Loiseau, wie geht es den 95 Kindern im SOS-Kinderdorf in Les Cayes eine Woche nach den schlimmen Erdbeben?

Sie sind alle unverletzt geblieben, kein Dach ist uns über dem Kopf zusammengebrochen. Gott sei Dank. Beschädigt wurde im Dorf nur ein Wassertank, die Gebäude und alles sonst sind heil geblieben. Natürlich waren unsere Kinder nach den Beben in einem Schockzustand. Am Anfang wollten sie gar nicht mehr in die Häuser.

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Sie hatten Angst, das Unheil könne wieder über sie hereinbrechen.

Direkt nach dem schweren Beben kamen drei oder vier heftige Nachbeben und über den Tag verteilt gab es dann noch weitere. So etwas hatten sie noch nie erlebt, und während des Tages waren alle Kinder mit Kinderdorfmüttern und Betreuern erst mal draußen. Dort fühlten sie sich sicher, und sie schliefen dann auch die ersten beiden Nächte draußen. Es gab sofort psychologische Hilfe, ein Expertenteam wurde ins Dorf geschickt, sprach mit ihnen, beruhigte sie, gab ihnen das Vertrauen, dass es sicher sei wieder unter ein Dach zu treten. Das war wichtig, denn dem Erdbeben folgte ja schon am Montag darauf ein Hurrikan.

Sind die Gebäude im Kinderdorf besonders erdbebenfest?

Nun, es ist sicher von Vorteil, dass unser Kinderdorf etwas außerhalb der Stadt liegt. Die Anlage ist nicht von anderen Häusern umgeben, das war gut. Und unsere Lage hatte auch psychologische Vorteile. So wurden unsere Kinder nicht direkt mit den schrecklichen Bildern konfrontiert, den Zerstörungen, die das Beben in Les Cayes angerichtet hatte. Sie haben nur dieselben Bilder und Videos aus Nachrichten gesehen, die man im unversehrten Port-au-Prince oder bei Ihnen in Deutschland gesehen hat. Viel, sehr viel wurde zerstört – Häuser, Kirchen, auch viele Schulen.

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Faimy Loiseau ist Leiterin der SOS-Kinderdörfer in Haiti. © Quelle: SOS-Kinderdörfer

Was ist jetzt besonders wichtig für die Kinder?

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Natürlich sitzt der Schrecken immer noch tief drin. Seelische Betreuung ist weiterhin dringend geboten nach einer solchen Erfahrung. Es ist vielen Kindern trotz all unserer Versuche noch immer nicht gelungen, Kontakt zu Familienmitgliedern herzustellen. Besonders tragisch ist, dass eins unserer Kinder seinen Vater verloren hat. Wir haben noch keine Informationen, was genau passiert ist und ob man den Toten überhaupt geborgen hat. Und es könnte sogar sein, dass das Kind nicht einmal an der Beerdigung teilnehmen kann. Damit muss dieses Kind leben, und dabei müssen wir ihm helfen.

Video
Haiti: Mehr als 500.000 Kinder gefährdet
1:26 min
Nach dem Erdbeben vom 14. August fehlt es an Wasser, Nahrung und Medikamenten. Das ist besonders für Kinder eine gefährliche Situation.  © Reuters

Versuchen jetzt Menschen, die alles verloren haben, in die Sicherheit des Kinderdorfs zu gelangen? Oder gibt es Kriminelle, die im Schutz des Chaos plündern?

Bislang hat es das nicht gegeben. Und ich glaube auch nicht, dass es passieren wird. Denn wir sind nicht isoliert hinter den Mauern des Kinderdorfs. Wir wirken seit vielen Jahren in die Öffentlichkeit Haitis hinein. Wir unterstützen Familien außerhalb des Kinderdorfs in den Gemeinden, helfen der Bevölkerung, wo immer es geht. Wir haben einen guten Ruf, wir sind kein Ziel.

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Wie ist das Kinderdorf geschützt, wie wird es beschützt?

Die Mauern sind nicht allzu hoch, man kann hineinschauen, es soll ja freundlich wirken und familiär. Wir haben eine Vereinbarung mit der hiesigen Polizeibehörde. Immer wieder schaut jemand von der Polizei vorbei. Im Inneren des Dorfes gibt es gut ausgebildete Securityleute – drei tagsüber, vier bei Nacht. Bis jetzt ist noch nie etwas vorgefallen.

In den Medien wird besonders der Süden von Haiti als quasi von Banden kontrolliert dargestellt.

Nein. Wie überall auf der Welt gibt es bei uns auf Haiti Orte, wo es schlimmer zugeht als an anderen. Und so gibt es im Department du Sud natürlich unsichere Gegenden. Aber es wäre falsch zu sagen, dass die Kriminalität im Süden extrem hoch ist. Durch das Erdbeben wurde allerdings auch ein Gefängnis zerstört und Häftlinge konnten fliehen. Keiner weiß, wo sie jetzt stecken.

Wie geht es den Kindern außerhalb des Kinderdorfs in Les Cayes und im Umland?

Die Kinder sind immer die ersten Opfer von Katastrophen wie dieser. Und jetzt sind die, die von ihren Familien getrennt wurden oder sie verloren haben, in Gefahr, Opfer von Gewalt oder sexuellem Missbrauch zu werden. Oft stehen sie unter Schock, sie können nicht ausdrücken, was sie fühlen, wie sehr sie sich fürchten und dass sie unter einem unvorstellbaren Stress stehen. Außerdem brauchen sie jetzt dringend Kleider, Essen, Milch, trinkbares Wasser...

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Wie wird diesen Kindern geholfen?

Direkt nach dem Erdbeben und dem Hurrikan haben viele Non-Government-Organisationen wie wir, aber auch die Regierung sofort alles in die Wege geleitet. Die Kinder sind nicht nur in Les Cayes in dieser schlimmen Situation, sondern im ganzen Süden. Uns fehlt eine genaue Zahl, aber es sind unglaublich viele, auf jeden Fall mehr als 1000, die offensichtlich schutzlos sind. Wir geben ihnen alles, was sie brauchen: zunächst Nahrungsmittel, Kleidung, Wasser. Aber was am wichtigsten ist – ein Dach über dem Kopf. Die Kinder, aber auch die Eltern, müssen runter von der Straße. Manche gehen aus lauter Not tatsächlich wieder in ihre einsturzgefährdeten Häuser zurück. Auch das darf nicht sein. In Kinderschutzzentren sollen Kinder Sicherheit bekommen, später auch Unterricht. Die SOS-Mitarbeiter tun alles, damit Familien wieder zusammenkommen, und sehen zu, dass Kinder, die ihre Eltern verloren haben, in den SOS-Kinderdörfern ein neues Zuhause finden können.

Haben Sie den Eindruck, dass die Welt Anteil nimmt.

In einer solchen Lage hat man immer das Gefühl, dass die Hilfe nicht schnell genug kommt. Ich habe jetzt keine Ahnung, was die internationale Hilfe betrifft, die direkt über die Regierung läuft. Aber ich weiß, dass auch sehr viele internationale Hilfsorganisationen tun, was sie können. Hilfe kommt, wir können aber auch jede helfende Hand brauchen, denn die Situation ist immer noch höchst unsicher. Wobei es natürlich auch immer andere Länder gibt, die in einer misslichen Lage sind und Beistand brauchen. Ich denke da etwa an Afghanistan.

Helfen die Haitianer einander – komm in mein Haus, weil deines nicht mehr steht?

In Haiti gibt es traditionell viel Solidarität. Die Menschen stehen einander bei. So sind wir.

Man könnte es den Haitianern nicht verdenken – nach dem schlimmen Erdbeben 2010, dem Hurrikan „Matthew“ 2016 und dem Erdbeben vom 14. August – wenn sie verzweifeln und sagen „Ich will nicht mehr, denn wenn alles wieder steht, kommt der nächste Sturm, das nächste Beben“. Ist die Stimmung trotzdem eine: „Packen wir’s an! Bauen wir es wieder auf!“?

Wir müssen uns aufraffen zu einem „Packen wir’s an!“, wir müssen wieder und wieder neu aufbauen. Denn es ist nun mal die geografische Region, in der wir leben. In der oft Hurrikane auftreten, in der es oft Erdbeben gibt. Leute schauen auf Haiti und sagen: „Mein Gott, was ist mit diesem Land los? Alle naslang gibt es da irgendwas Schlimmes.” Im Juli wurde beispielsweise unser Präsident ermordet. Auch ist unser Land eines der ärmsten der Welt. Aber deswegen aufgeben und nichts mehr tun? Wir müssen weitermachen und daran glauben, dass es eines Tages besser wird. Wir müssen immer wieder alles geben. Schon – ich wiederhole mich da – wegen der Kinder. Kinder sind die Zukunft des Lebens. Deswegen kann man nicht einfach alles stehen und fallen lassen. Man muss weiterkämpfen für sie.

Was passiert mit den Kindern der Kinderdörfer? Sind sie dort geborgen bis zur Volljährigkeit und müssen dann hinaus in ein chancenarmes Leben?

Nein, niemand wird fallen gelassen. Wir begleiten die Kinder nach ihrer Zeit im Kinderdorf auch während ihrer Ausbildung oder ihres Studiums. Sie verlassen unser Programm erst mit etwa 25 Jahren, wenn sie erwachsen sind und eine Karriere begonnen haben. Wir begleiten sie auch in den Beruf hinein. Sie sollen etwas mit ihrem Leben anfangen. Sie sind die Zukunft unseres Landes, eines Tages bringen sie unser Land vielleicht nach vorn und ermöglichen ein besseres Leben – nicht nur für sich selbst, sondern für alle.

Faimy Carmelle Loiseau (41) ist seit April 2021 Leiterin aller Einrichtungen und Projekte von „SOS Kinderdörfer weltweit“ auf Haiti. In den drei von ihr verwalteten Kinderdörfern auf Haiti leben 382 Jungen und Mädchen im Alter von drei bis 18 Jahren. Sie ist die Nachfolgerin von Celigny Darius, der zweimal Direktor der „SOS Kinderdörfer weltweit“ war, und sie ist die erste haitianische Frau, die das Amt bekleidet. Zuvor war sie seit Oktober 2016 als „Assistentin für Humanressourcen und Organisationsentwicklung“ in der Organisation von „SOS Kinderdörfer weltweit“ auf Haiti tätig. Die gebürtige Haitianerin Loiseau lebt in Port-au-Prince, ist unverheiratet und hat keine eigenen Kinder. Sie spricht vier Sprachen fließend (Französisch, Kreolisch, Englisch und Spanisch).

Die Organisation „SOS Kinderdörfer weltweit“ ist seit 1978 in Haiti aktiv. Insgesamt werden derzeit 11707 Kindern und Erwachsenen ein familienartiges Leben und Bildung ermöglicht. Über die drei festen Standorte inaus arbeitet „SOS Kinderdörfer weltweit“ mit lokalen Gemeinden und Organisationen zusammen, um Familien vor Zerrüttung zu bewahren und deren Zusammenbleiben sicherzustellen.

Spendenkonto: „SOS-Kinderdörfer weltweit“ Haiti, IBAN: DE69 7007 0010 0111 1111 00 Deutsche Bank München BIC: DEUTDEMM

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