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Heinsberger Pflegeheimchefin: “Man kann Infektionen nie verhindern – die Ausbreitung schon”

  • Ursula Hönigs leitet ein Altenheim im Kreis Heinsberg – dem Epizentrum des Coronavirus in Deutschland.
  • Im RND-Interview erzählt sie, wie sie es in ihrer Einrichtung geschafft haben, dass sich bislang niemand mit Covid-19 infiziert hat.
  • Andere Einrichtungen könnten aus diesen Erfahrungen lernen.
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Als “deutsches Wuhan” gilt der Kreis Heinsberg im westlichen Nordrhein-Westfalen längst; als Versuchslabor für Virologen inzwischen auch, als Lernort für ganz Deutschland im Umgang mit der Corona-Pandemie. In dem ländlichen Kreis, in dem kurz nach Karneval die Zahl der Infizierten explodierte, gibt es inzwischen mehr als 1400 bestätigte Infektionen. Das Hermann-Josef-Altenheim in Erkelenz mitten im Kreis Heinsberg blieb von Corona bislang komplett verschont. Heimleitung Ursula Hönigs erklärt, woran das liegt, wie sie mit der Krise umgehen, warum Skype nicht alle Probleme löst und dass bei Ihnen niemand einsam sterben soll.

Frau Hönigs, wie hat sich die Lage für Sie in den vergangenen sechs Wochen entwickelt?

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Im Grunde ist der Kreis Heinsberg seit Aschermittwoch im Ausnahmezustand. Am Veilchendienstag hat es hier den ersten Corona-Befund gegeben, die Maßnahmen seitdem sind ein gewaltiger Einschnitt. Keine Schule hat geöffnet, kein Kindergarten, das ist vor allem für unser Personal heftig, da der Frauenanteil in Pflegeberufen immer noch enorm ist. Die Kolleginnen müssen seit Wochen ihr Privatleben stemmen und sich täglich der Infektionsgefahr stellen. Die Doppelbelastung ist vielen gar nicht klar. Man muss vor ihnen doppelt den Hut ziehen.

Wie würden Sie den Alltag in Ihrer Einrichtung beschreiben?

Normal ist gerade nichts. Wir haben 95 Bewohnerplätze, 94 davon sind zurzeit belegt. Die Personaldecke zur dieser Jahreszeit ist durch Grippewellen ohnehin dünn. Als Corona hinzukam, wussten wir schnell: Da ist eine Riesenaufgabe zu stemmen. Bevor es überhaupt im Rest der Republik zum Thema wurde, war hier sehr schnell klar: Wir müssen Strukturen aufbauen. Es hat von Anfang an eine gute Zusammenarbeit mit dem Krisenstab des Kreises und dem Krankenhaus gegeben.

Ursula Hönigs leitet das Hermann-Josef-Altenheim in Erkelenz im Kreis Heinsberg.
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Kein einziger Bewohner bei Ihnen ist bisher an Corona erkrankt – wie haben Sie das geschafft?

Wir wussten anfangs nicht viel, aber was wir wussten, war: Es handelt sich um eine Tröpfcheninfektion. Das hieß für uns, Maßnahmen ergreifen, die bei jeder Tröpfcheninfektion helfen. Ich habe den Mitarbeitern ständig gesagt: Wascht euch die Hände, wascht sie euch oft, desinfiziert sie – ganz pragmatische Dinge eben. Man kann Infektionen in Pflegeheimen nie verhindern, die Ausbreitung schon. Dass hier niemand an Corona erkrankt ist, ist ein Stück weit aber auch Glück.

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Einen Besucherstopp gab es von Anfang an. Wie waren die Reaktionen der Angehörigen?

Auch da hatten wir vielleicht großes Glück. Wir erfahren viel Unterstützung und Verständnis von den Angehörigen. Wir haben von Anfang an viel Zeit in Kommunikation gesteckt, wollten ganz transparent sein, ehrlich und offen. Mit Bewohnern, wie mit Angehörigen. Es gab niemanden, der einen Bewohner aus Angst vor Corona lieber zu sich nach Hause nehmen wollte.

Und die Bewohner, haben die Verständnis?

Das ist unterschiedlich von Bewohner zu Bewohner, der Umgang ist sehr individuell. Nicht jedem erklären wir die Situation genauso wie den Angehörigen. Bei Menschen mit dementiellen Veränderungen geht das oft gar nicht. Wir versuchen, einfache Botschaften zu formulieren, uns Zugang zu verschaffen, das klappt am besten auf emotionaler Ebene.

Viele warnen jetzt vor emotionaler Verwahrlosung der Senioren durch das Besuchsverbot.

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Ja, wir können nur versuchen, dem entgegenzuwirken. Das ist für niemanden gerade befriedigend. Skypen mit der Familie zum Beispiel ist nur vereinzelt hilfreich. Es gibt Bewohner, die können auch mit diesen Bildschirmgesprächen nichts mehr anfangen. Es gibt keine allgemeingültige Empfehlung, was man jetzt tun kann, auch wenn man die gerne hätte. Es gibt nur individuelle Lösungen.

Was tun Sie, um die Senioren in der schweren Situation aufzuheitern?

Manches machen wir weiter, nur in kleineren Gruppen mit größerem Abstand, zum Beispiel Bingo spielen, Gymnastikübungen und so weiter. Gestern ist unser Alleinunterhalter im Garten aufgetreten, er hat die Anlage aufgedreht, die Bewohner haben von ihren Balkonen zugeschaut, manche haben unten getanzt. Aber nicht alles erreicht alle.

Jeden Bewohner nimmt die Situation anders mit. Letztens sagte jemand: “Es ist schlimmer als der Zweite Weltkrieg. Da konnten wir wenigsten abends zusammensitzen und uns trösten.”

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Was tun Sie im Härtefall?

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Es gibt auch Ausnahmeregelungen, die die Leitung in ganz akuten Fällen machen kann. Wir haben ja fast ausschließlich Einzelzimmer, da kann es Einzelfallentscheidungen geben. Auch zu Ostern. Angehörige müssen strikte Vorgaben einhalten wie Abstand und Händehygiene. Aber es ist unvorstellbar für mich, dass Menschen hier alleine sterben. Das passiert bei uns nicht, zumindest bisher ist das unvorstellbar.

Das Thema Corona wird den Pflegebereich noch lange beschäftigen. Was können Sie anderen Einrichtungen raten?

Wir sind sicher nicht allwissend hier. Aber uns hat geholfen, sich die Einzelfälle anzugucken und Lösungen zu suchen. Vor allem sollten wir alle aufpassen, dass Corona-Infektionen nicht zum Stigma werden, nach dem Motto: Das Heim hat schlecht gearbeitet. Offenheit ist wichtig. Angst führt immer dazu, dass wir an unsere Grenzen kommen.

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