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Häusliche Gewalt: Beratungsstellen schlagen im zweiten Lockdown Alarm

  • Die Corona-Einschränkungen belasten im zweiten Lockdown Partnerschaften und Familien.
  • Es kommt vermehrt zu Angst- und Panikattacken. Beratungsstellen sind besorgt.
  • Die Pandemie schränkt auch ihre Arbeit ein.
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Kein Stadtbummel, kein Kneipenbesuch, keine Treffen mit Freunden und kein Urlaub – die Einschränkungen der Corona-Situation haben nach Einschätzung von Beratungsstellen in Rheinland-Pfalz seit Herbst zu einer spürbaren Zunahme von häuslicher Gewalt geführt. „Der zweite Lockdown haut so richtig rein – leider im wahrsten Sinne des Wortes“, sagt Julia Reinhardt vom Koordinationsbüro „Contra häusliche Gewalt“ in Koblenz. „Wenn in einer engen häuslichen Situation Kinder schulisch betreut werden müssen, sehen manche keine Chance mehr, sich aus dem Weg zu gehen“, sagt auch der Landesvorsitzende der Opferschutzorganisation Weißer Ring, Werner Keggenhoff.

Beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 habe es keine Zunahme von Beratungsgesprächen zu Fällen häuslicher Gewalt gegeben, sagt Keggenhoff. „Im Herbst ist das nach oben gegangen.“ Die Zahl der Fälle, in denen nach einer Beratung finanzielle Hilfen geleistet wurden, stieg im vergangenen Jahr in Rheinland-Pfalz um 9,3 Prozent auf 129. „Das Dunkelfeld ist deutlich größer anzunehmen.“

Erst nach Corona-Lockerungen erstatten die Frauen Anzeige

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In den Frauenhäusern sei es in den ersten Wochen dieses Jahres zu keiner erhöhten Nachfrage im Vergleich zum Vorjahr gekommen, teilte das Familienministerium mit. Eine abschließende Bewertung zur Frage der Zunahme von häuslicher Gewalt gegen Frauen sei aber erst nach dem Ende der Corona-Krise möglich. Die Erfahrungen aus dem ersten Lockdown hätten gezeigt, „dass Frauen häufig erst mit Lockerungen Anzeige gegen die Täter erstatten“.

Die 19 über das Land verteilten Interventionsstellen zu häuslicher Gewalt zählten bereits 2019 rund 3800 Fälle – meist war da auch schon die Polizei eingeschaltet. Im vergangenen Jahr sei die Zahl weiter gestiegen, sagt die Sozialpädagogin Christine Grundmann, die die Arbeit der Interventionsstellen koordiniert. Dabei lasse sich letztlich nicht sagen, inwieweit der Anstieg auf die Corona-Situation zurückzuführen sei. So meldeten sich tendenziell mehr Frauen, weil es inzwischen kein großes Tabu mehr sei, von Gewalt in der Partnerschaft zu sprechen. Allerdings habe es die Corona-Situation schwieriger gemacht, sich sozialen, finanziellen oder juristischen Beistand zu holen.

Häufig suchen die betroffenen Frauen erst die Schuld bei sich

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„Viele Frauen kommen in die Beratung und fragen: ‚Was kann ich machen, damit mein Mann mit der Gewalt aufhört?‘“, sagt Grundmann im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Frauen suchten zuerst die Schuld bei ihrem eigenen Verhalten und seien bereit, alles zu tun, um die Beziehung zu retten.

Aus der Beratungsarbeit mit den Tätern sagt Julia Reinhardt von der Initiative „Contra Häusliche Gewalt“: „Der zweite Corona-Lockdown spielt eine große Rolle.“ Aufgrund der Einschränkungen gebe es mehr Stressfaktoren. Hinzu kämen vielfältige Befürchtungen bis hin zu Existenzangst aufgrund von Kurzarbeit oder Jobverlust. „Dass unsere Klienten oder ihre Partnerinnen überproportional viele Angst- und Panikattacken bekommen, war früher nicht so oft Thema, aber jetzt nimmt das sehr zu.“

Beratungsarbeit bei den Tätern

In den Beratungsstellen der Täterarbeit wird versucht, den zu Gewalt neigenden Menschen, meistens sind es Männer, zunächst einen Notfallplan in die Hand zu geben – damit in potenziell gewaltträchtigen Situationen andere Wege offen stehen. Für eine dauerhafte Abkehr von der gewaltsamen Eskalation führen die Beraterinnen eingehende Einzelgespräche und organisieren Gruppensitzungen für den gemeinsamen Austausch. Ziel ist, die verhärteten Konfliktlösungsstrategien ebenso zu verändern wie eingeschränkte Rollenbilder von Mann und Frau. Vor allem dieser Austausch habe den Männern wegen der Corona-Einschränkungen sehr gefehlt, sagt Reinhardt.

„Fast alle gewalttätigen Männer haben gewaltsame Kindheitserfahrungen erlebt.“ Dazu gehöre nicht nur die am eigenen Körper erfahrene Gewalt, sondern auch das Miterleben von Gewalt bei den eigenen Eltern. „Wir übernehmen so viel von unseren Eltern, wir lernen vom Modell, auch das Bild von Beziehung und Zusammenleben.“

In der Täterarbeit werde deutlich, dass Gewalt für die Männer nicht das Problem, sondern ein Weg zur Lösung eines Problems sei, etwa für einen aus Sicht der Täter drohenden Kontrollverlust. Daher, so erklärt Julia Reinhardt, gehe es darum, im Blick auf Kindheit und vermeintliche Ohnmachtserfahrungen deutlich zu machen, dass die Gewaltausübung das eigentliche Problem sei.

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Ausgangsbeschränkung können Arbeit erschweren

Neben direkter körperlicher Gewalt gebe es auch strukturelle Gewalt in sozialen Beziehungen, die sich etwa in der Kontrolle von „Haushaltsgeld“ oder in der Kontrolle von persönlichen Kontakten des Partners äußern könne. „Diese weniger sichtbaren und leiseren Formen von Gewalt haben viele Frauen nicht auf dem Schirm“, sagt Reinhardt.

Als Beispiel für die durch die Pandemie erschwerte Arbeit nennt die Erziehungswissenschaftlerin und Kriminalsoziologin den Fall eines Paares in einer Kleinstadt, in der es Ende Januar eine coronabedingte Ausgangsbeschränkung ab 21 Uhr gab. Der damals im Einzelkontakt von ihr beratene Mann sei erneut gewalttätig geworden und habe sie dann angerufen, berichtet Reinhardt. „Er wollte alles richtig machen, was wir besprochen haben und die sich eskalierende Situation verlassen.“ Dazu gehörte nach dem besprochenen Notfallplan, nicht nur aus dem Zimmer, sondern aus der Wohnung zu gehen. „Es war aber 21.15 Uhr und er wusste nicht, was er machen soll.“ Sie habe ihm dann gesagt, er solle trotz der Kälte in den Keller gehen. „Das hat er dann auch gemacht.“

RND/dpa

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