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Hamburg: Wie voll wird es im Kiez durch die Öffnung der Außengastronomie?

  • Am Pfingstwochenende dürfen Restaurants, Cafés und Bars auf St. Pauli zum ersten Mal nach sieben Monaten wieder ihre Außengastronomie öffnen.
  • Kehren dann wieder die Menschenmassen zurück?
  • Das sagen Barbetreiber und die Polizei.
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Hamburg. Dichte Menschenmassen schieben sich über enge Gehwege, Neonlichter flimmern über ihren Köpfen und irgendwo weiter hinten grölen ein paar Angetrunkene. Solch ein Bild vom Hamburger Szenekiez St. Pauli drängt sich auf, wenn man an die Vor-Pandemie-Zeit denkt. Ab Samstag, 22. Mai, darf wieder die Außengastronomie in Hamburg öffnen. Restaurants, Cafés und Bars dürfen Tische und Stühle draußen wieder aufbauen. Alles natürlich unter Einhaltung der geltenden Corona-Bestimmungen. Die da wären: Zwei Haushalte dürfen sich mit maximal fünf Personen an einen Tisch setzen, Kinder unter 14 Jahren werden nicht mitgezählt, Schnelltests sind nicht nötig.

Micky Hensel betreibt seit über 13 Jahren die Bar „Nachtschicht“ auf der Gerhardstraße in der Nähe des Hans-Albers-Platzes. Sie ist nicht unbedingt begeistert von den plötzlichen Öffnungsschritten des Ersten Bürgermeisters Peter Tschentscher. „Erst mal kommt das viel zu schnell. Es ist ja nicht so, dass ich eben nach sieben Monaten wieder in meinen Laden gehen, den Schlüssel umdrehen kann und es geht weiter“, sagt die 55-Jährige im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Einige handwerkliche Arbeiten seien noch nicht fertig und außerdem müsse vor der Öffnung ein Reinigungsteam kommen und alles desinfizieren. „Außerdem gibt es noch das größte Problem: Wir kriegen die Ware gar nicht so schnell ran.“ In den ersten paar Wochen könne es zu Lieferengpässen kommen, mutmaßt die Barbetreiberin. „Mit dem, was ich noch hier habe und das noch nicht abgelaufen ist, könnte ich höchstens einen Tag lang öffnen“, glaubt Hensel. Deswegen: „Ich mache am Samstag noch nicht auf.“

Bars öffnen auf St. Pauli nur zögerlich

Aber dann, sobald es geht, will sie auch wieder Tische und Stühle vor die Bar stellen. Denn auch wenn die Entscheidung des Hamburger Senats etwas plötzlich kommt, will sie so schnell wie möglich öffnen. Fünf Tische haben mit den geltenden Abstandsregeln Platz, sie rechnet mit 20 Gästen, die sie gleichzeitig bewirten kann. Lohnt sich das? „Naja, wenn du sieben Monate lang schließen musstest, nimmst du, was du kriegen kannst“, sagt Micky Hensel. Zum ersten Juni-Wochenende soll es dann auch bei ihrer Bar „Nachtschicht“ so weit sein. „Selbst wenn die 20 Personen sehr trinkfreudig sind, werde ich da keine großen Gewinne machen. Wenn ich Glück habe, kann ich im Juni kostendeckend arbeiten“, sagt Hensel, die ihre Bar als Nebenjob betreibt.

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Dass sich am Pfingstwochenende wieder dichte Menschenmassen zwischen den Bars entlangschieben, glaubt Micky Hensel nicht. „Am Anfang wird es nicht so voll sein wie früher. Die einen oder anderen haben noch Bedenken.“ Alle Regeln einzuhalten sei kein Problem. „Die Betreiber müssen Ordner stellen, die darauf achten“, erklärt die 55-Jährige. Hinzu kommt: Am Wochenende soll es in Hamburg viel regnen. Dann sei sowieso weniger los.

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Andere Bars wie der legendäre „Goldene Handschuh“, der durch den Roman des Hamburgers Heinz Strunk über die Kiezgrenzen hinaus berühmt geworden ist, öffnen erst, wenn die Gäste auch wieder drinnen Platz nehmen dürfen. Draußen sei zu wenig Platz, teilen die Betreiber in einem Instagram-Post mit.

Hamburger Polizei sieht dem Pfingstwochenende entspannt entgegen

Auch die Polizei sieht die Lage an diesem Pfingstwochenende recht entspannt: „Wir bereiten uns jetzt nicht ganz speziell auf das Pfingstwochenende vor“, sagt Polizeipressesprecherin Evi Theodoridou dem RND. Auf St. Pauli erwarte die Polizei keinen größeren Ansturm oder gar Probleme – trotz der Öffnung der Außengastronomie. „Wir gehen davon aus, dass die Betreiber die Maßnahmen sehr umsichtig umsetzen“, so Theodoridou. Doch gesteht sie auch ein: „Manchmal ist so ein Ansturm schwer zu prognostizieren.“ Es habe Wochenenden gegeben, da sei es trotz anderweitiger Erwartung recht ruhig geblieben, an anderen Tagen hätten sich dann Jugendliche per Chatgruppen verabredet und es sei plötzlich viel zu tun gewesen.

„Wir haben am Pfingstwochenende noch eine Demo-Lage. Deswegen sind sowieso Kollegen zusätzlich im Einsatz, die wir flexibel einsetzen können.“ Und wenn gegen Maßnahmen verstoßen wird? Dann greift die Polizei auf bewährte Mittel und ihre nun über einjährige Erfahrung zurück: „Die Kollegen weisen dann in einem sensibilisierenden Gespräch auf den Verstoß hin. Wenn der Verstoß sehr schwerwiegend ist oder sich Personen ganz bewusst weiterhin über die Maßnahmen hinwegsetzen, wird ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet“, erklärt die Polizeisprecherin.

Doch die meisten Menschen würden ganz positiv auf die Gespräche reagieren. „Bei den meisten funktioniert das ganz gut, auch wenn alle genervt sind“, sagt Theodoridou. Doch noch nicht alle Regeln sind geklärt. Am Freitag läuft die aktuelle Eindämmungsverordnung aus. So werden weitere Regeln, die die Gastronomie betreffen, zum Beispiel, ob es eine Sperrstunde wie im vergangenen Jahr geben wird, auch erst dann bekannt gegeben, heißt es auf Anfrage des RND beim Hamburger Senat.

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Was jedoch feststeht: Es gilt die Pflicht zum Tragen einer medizinischen Maske, solange man nicht an seinem Platz sitzt. Für das Einhalten der Maskenpflicht seien Betriebsinhaberin oder Betriebsinhaber zuständig, so Martin Helfrich, Pressesprecher der Hansestadt Hamburg, zum RND. Selbstverständlich werde die Einhaltung der Maßnahmen aber auch durch städtische Kräfte kontrolliert, darunter Polizei- und Ordnungskräfte. „Die Eindämmungsverordnung wird auch eine dahingehende Regelung treffen, dass Tanzgelegenheiten, ‚insbesondere eine laute Musikbeschallung oder Wechsellichteffekte, nicht angeboten werden‘ dürfen“, sagt er weiter.

Auf St. Pauli brennt immer Licht

Barbetreiberin Micky Hensel glaubt, dass es nicht mehr lange dauert, bis die Kneipen die Gäste wieder nach drinnen einladen können: „Nach meiner ganz persönlichen Einschätzung würde ich sagen, dass wir Ende Juni wieder komplett öffnen können“, glaubt Hensel. Und so wirklich hemmungslos könne wieder ab Herbst gefeiert werden, wenn genug Deutsche geimpft sind. Darauf freut sie sich am meisten: Feiern ohne Mindestabstand, ohne Kontrollieren, ohne Bedenken. „Die Leute lechzen nach Kontakt“, sagt Hensel. Ihre Kneipe sei klein, da gehe es um den persönlichen Austausch. „Musik hören, Schnäpschen trinken, ein bisschen herumtanzen. Darauf freue ich mich am meisten“, so die Barbetreiberin. Seit ein paar Monaten macht sie mit ihren Barnachbarn rund um den Hans-Albers-Platz jeden Samstagabend Licht an in ihrer Bar, dreht die Musik auf. „Damit wollen wir zeigen, dass hier auf St. Pauli immer Licht brennt.“ Nur den Ausschank gibt es dann nicht.

Und so wird Micky Hensel selbst auch an diesem Samstag in der „Nachtschicht“ stehen und zeigen, dass sie da ist. In zwei Wochen kommen bei ihr die Gäste wieder – bis dahin feiert sie allein.

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