Haft wegen Rammstein-Video: Leadsänger Till Lindemann schweigt

  • Der Oppositionelle Andrej Borowikow wurde in Russland zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt, weil er 2014 den Videoclip zum Rammstein-Song „Pussy“ in sozialen Netzwerken verbreitet hatte.
  • Der Band ist der Fall bekannt, sie weigert sich allerdings, dem Inhaftierten offiziell beizustehen.
  • Die fehlende Solidarität könnte finanzielle oder politische Gründe haben: Leadsänger Lindemann hat sich 2016 in der russischen Presse als Putin-Fan zu erkennen gegeben.
|
Anzeige
Anzeige

Moskau. Im März dieses Jahres kam es im nordwestrussischen Archangelsk zu einer Gerichtsverhandlung, deren Protokoll sich wie das Drehbuch einer schwarzen Komödie liest: „Kommt es öfters vor, dass Sie sich Pornos ansehen?“, will der Staatsanwalt vom Angeklagten Andrej Borowikow wissen. „Das ergibt sich schon mal“, antwortet der Beschuldigte. Der Ankläger hakt nach: „Das haben Sie der Polizei nicht schriftlich angezeigt. Warum haben Sie es jetzt getan?“ Borowikow wendet ein: „Ich habe keine Anzeige erstattet. Die Polizei rief mich an und forderte mich zu einer Aussage auf. Wie sie überhaupt darauf kam, dass ich mir diesen Clip angesehen habe, weiß ich nicht.“ Neuer Anlauf des Staatsanwalts: „Kommt es öfters vor, dass Sie von der Polizei zu Aussagen vorgeladen werden?“. Antwort: „Es passiert.“ …

Was sich am Lomonossow-Gericht in der Hafenstadt in diesem Verfahren abspielte, wirkte wie Realsatire, die der Angeklagte mit seinen Antworten ganz bewusst noch mehr ins Lächerliche zog. Dabei war die Angelegenheit für Borowikow selbst todernst, wie sich kurz darauf im April herausstellte. Da wurde der 33-Jährige zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Er habe Pornografie verbreitet, heißt es in der Urteilsbegründung, weil er 2014 den Videoclip zu dem Song „Pussy“ der Neue-Deutsche-Härte-Band Rammstein in seinem Profil auf dem sozialen Netzwerk VK, dem russischen Pendant zu Facebook, abgespeichert hatte.

Anzeige

Ein Spitzel der Polizei

Ein aberwitziges Urteil, allein schon deswegen, weil Hunderte andere Rammstein-Anhänger den Clip, der sexuelle Handlungen darstellt, in Russland aber unzensiert ist, ebenfalls völlig straffrei gepostet hatten. Immerhin erfuhr Borowikow während des Verfahrens, wie die Polizei überhaupt davon wissen und es belegen konnte, dass er das vor mehr als einem Jahr gelöschte Video einst einmal veröffentlicht hatte. Denn im Gerichtssaal trat der Zeuge Alexandr Durjnin auf, der bestätigte, dass Borowikow den Clip vor „mindestens zwei Leuten“ aufgerufen und abgespielt habe.

Anzeige

In einem halbwegs rechtsstaatlichen Verfahren hätte die Aussage des Hafenarbeiters allerdings wohl niemals berücksichtigt werden dürfen. Denn Durjnin war von der Polizei offensichtlich auf Borowikow angesetzt worden, um an kompromittierende Informationen über diesen zu gelangen. Warum? Der Vertriebsspezialist war schon längere Zeit für den russischen Oppositionsführer Alexej Nawalny aktiv und koordinierte seit 2019 dessen Regionalstab in Archangelsk.

Im Februar 2020 sei Durjnin mit einer versteckten Kamera bei Borowikow aufgekreuzt, sagte seine Ehefrau Darja dem Metal-Portal „Musikreviews“: „Er hat zu ihm gesagt: ‚Ich habe gesehen, dass du ein seltsames Video in deinem VK-Profil hast, befürchtest du nicht, dass du wegen Verbreitung von Pornografie ins Gefängnis kommst?‘“ Borowikow habe längst vergessen gehabt, dass das Video in seinem Account noch vorhanden sei: „Sie schauten sich das Lied dann gemeinsam an“, so Darja Borowikowa. Anschließend habe ihr Mann das Video gelöscht. Und Durjnin trug seinen heimlich gedrehten Film zur Polizei.

Anzeige

„Menschlich gesehen haben sie ihn schwer enttäuscht“

In Wahrheit war der Rammstein-Clip ein allzu offensichtlicher Vorwand: „Sie konnten einfach nichts Besseres gegen ihn finden“, ist sich Borowikowa sicher: „Andrei ist hier einer der Anführer der Opposition. Er hielt gute Reden in einer klaren und einfachen Sprache. Das kam super an bei den Leuten. Das hat den Behörden sicherlich nicht gefallen.“

Dass die Einschätzung zutreffen dürfte, belegt allein schon Borowikows Führungszeugnis: Seit 2017 war der 33-Jährige wegen verschiedener Protestaktionen zu Geldstrafen und 400 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt worden.

Wie Borowikowa berichtet, ist ihr Mann seit frühester Jugend ein großer Rammstein-Fan – wie so viele Russen. Als im September 2020 die Klage gegen ihn eingereicht wurde, habe er deswegen versucht, den Manager und die Mitglieder der von ihm hochgeschätzten Band selbst zu erreichen. Er habe auf ihre Hilfe gehofft, indem sie seinem Fall öffentliche Aufmerksamkeit schenken würden. Aber von Rammstein sei keine Antwort gekommen. „Menschlich gesehen haben sie ihn schwer enttäuscht“, sagt Darja.

Nur der Leadgitarrist Richard Kruspe hatte nach der Verurteilung eine Nachricht über Borowikows Schicksal auf seinem privaten Instagram-Account gepostet. Er sei „geschockt von der Härte dieses Urteils“, schrieb er.

Anzeige

Kruspe hatte schon 2019 zum Ausdruck gebracht, dass er sich am russischen Rechtssystem stößt: Bei einem Konzert im Moskauer Luschniki-Stadion gaben sich er und Rhythmusgitarrist Paul Landers einen Kuss auf offener Bühne, um gegen die homophobe Gesetzgebung des Landes zu protestieren. Später propagierte die Band die Aktion auf Instagram unter der Überschrift: „Russland, wir lieben dich!“

Bei der Einreise nach Russland will Lindemann keine Schwierigkeiten haben

Dem inhaftierten Fan Andrej Borowikow standen Rammstein offiziell nun aber nicht zur Seite. Auch Frontmann Till Lindemann konnte sich zu keiner Solidaritätsadresse aufraffen, obwohl er von der russischen Oppositionszeitung „Nowaja Gaseta“ explizit zu einer Stellungnahme aufgefordert wurde: „Dieses Thema möchte ich nicht besprechen“, antwortete er dem Blatt kurz und knapp.

Bei einer solch mageren Einlassung kann nur darüber spekuliert werden, warum sich Lindemann nicht stärker für den Oppositionellen engagieren will. Liegt es etwa daran, dass der Sänger, der sein Image als Provokateur pflegt, ausgerechnet dann kuscht, wenn er andernfalls mit persönlichen Schwierigkeiten rechnen muss? Das weiß wohl niemand so genau außer ihm selbst.

Einiges zu verlieren hätte er jedenfalls, wenn er allzu sehr auf Konfrontationskurs mit der russischen Staatsmacht gehen würde. Denn ausweislich seines Instagram-Accounts hält er sich oft und gerne in Russland auf. Offensichtlich liebt er es, sich vor den bildgewaltigen Motiven orthodoxer Kirchen und sowjetischer Monumentalbauten zu inszenieren. Schwierigkeiten bei der Einreise will er auf jeden Fall keine haben: In einem Interview mit der „Komsomolskaja Prawda“ erklärte er schon 2017, dass er gerne die russische Staatsbürgerschaft beantragen würde. Nicht jedoch, um Steuern zu sparen, wie etwa der französische Schauspieler Gerard Depardieu, sondern wegen rein praktischer Erwägungen: „Damit mich jeder nach Russland einladen kann, und ich mich nicht mit der Bürokratie bei der Einreise quälen muss.“

Anzeige

Lindemann hat sich allerdings auch schon in einer Weise geäußert, die den Verdacht nahelegt, dass er sich aus politischer Überzeugung heraus nicht mit Putins Russland anlegen will: „In Deutschland erfreut sich noch nicht einmal Angela Merkel einer solchen Popularität wie hier Putin“, sagte er der „Komsomolskaja Prawda“ 2016 nach einem Konzert der Band in Moskau. „Ich mag ihn. Er ist ein starker Anführer, keine Marionette wie so viele. Ich empfinde die politischen Angriffe auf euer Land als unfair. Russland verteidigt seine Interessen und sanktioniert werden sollten nur diejenigen, die ein schmutziges Spiel betreiben und internationale Konflikte provozieren.“

„Geld ist eben doch Geld“

Dazu passt, dass sich Lindemann im Frühjahr dieses Jahres an der Anbetung von Nationalhelden beteiligte, die in Russland weit verbreitet ist und von der Staatsmacht gefördert wird: Für einen Videoauftritt in der Sankt Petersburger Eremitage stimmte er mit seiner Bassstimme das sowjetische Lied „Lieblingsstadt“ in russischer Sprache an. Der Song gehört zum Soundtrack des in Russland Ende April angelaufenen Weltkriegsdramas „Dewjatajew“ über den heroischen Kampfpiloten Michail Dewjatajew.

Oder sind es doch vor allem kommerzielle Interessen, die dafür sorgen, dass sich Lindemann und Rammstein nicht allzu sehr für einen Oppositionellen mit dem russischen Staat anlegen? Der Betroffene selbst bewertet es so: „Inzwischen sehe ich ihre rebellischen Auftritte etwas anders“, sagte Borowikow dem unabhängigen russischen Onlineportal „Mediazona“: Sie tun so, als ob sie außerhalb des Systems stünden, aber dann ist Geld eben doch Geld.“

Schulrussisch bei Konzerten

Einnahmeausfälle müsste die Band tatsächlich befürchten, wenn ihr künftige Auftritte in Russland erschwert würden. Denn sie genießt dort seit Jahren Kultstatus. Dafür dürfte es verschiedene Gründe geben. So sind etwa alle Bandmitglieder in der DDR aufgewachsen, und so sprechen die Texte ihrer Lieder immer wieder eine Sprache, die jenen Russen vertraut vorkommt, die noch den Sozialismus kannten. Zumal die Lead- und Hintergrundsänger Lindemann, Paul Landers und Flake die Lieder bei Auftritten in Russland manchmal mit ihrem Schulrussisch vortragen.

Es kommt hinzu, dass Hard Rock schon in der Sowjetunion populär war, und die Musikrichtung von Rammstein Mitte der Neunzigerjahre zu einem Zeitpunkt modernisiert wurde, als sich die moderne russische Konsumgesellschaft formierte. Auch das Männerbild, für das die Band steht, kommt bei vielen Russinnen und Russen gut an. Bei Rammsteins Stadiontour 2019 – kurz vor Ausbruch der Pandemie – gehörten die Stationen Moskau und Sankt Petersburg mit zusammen 116.000 Zuschauern und knapp 11 Millionen Euro Einnahmen zu den größten Umsatzträgern der Konzertreise. Die beiden Auftritte in Russland waren damals viele Monate im Voraus ausverkauft.

Ist Rammstein eine Band, die in Russland viel Geld verdient, und deswegen die Autokratie des Landes stützt? Die Frage bleibt - Till Lindemann antwortete auf eine Anfrage des RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) zunächst nicht.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen