Geplanter Verkehrswandel: Ein Hauch von Dorf für Paris?

  • Die französische Hauptstadt soll zu einer „Stadt der Viertelstunde“ werden.
  • Der geplante Verkehrswandel soll die Bewohner glücklicher machen.
  • Es könnte aber eher den Stress für sie erhöhen, meinen zumindest Kritiker.
Lisa Louis
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Paris. Zahlreiche Teile von Paris, wie der Hügel Montmartre, auf dem sich die Kathedrale Sacré-Coeur befindet, waren früher einmal kleine Dörfer. Doch von einem ländlichen Flair ist in der Zwei-Millionen-Stadt kaum noch etwas zu spüren. Für viele gilt die Hamsterraddevise „Métro, Boulot, Dodo“ – Metro, Arbeit, Schlafen. Um den Bewohnern ein Stück weit Lebensqualität zurückzugeben, will Bürgermeisterin Anne Hidalgo ein Konzept der „Ville du quart d’heure“, der Viertelstundenstadt, umsetzen. Innerhalb von 15 Minuten sollen Bewohner zu ihrem Arbeitsplatz kommen, aber auch einkaufen gehen, Konzerte besuchen und Sport machen können. Ein Vorhaben, das das Leben entschleunigen soll, aber genau das Gegenteil bewirken könnte, meinen Kritiker.

Bei ihrem Projekt stützt sich die Stadt auf eine Idee des Franko-Kolumbianers Carlos Moreno, Dozent an der IAE de Paris – Université Panthéon Sorbonne, und Spezialist in Sachen Smart City. „Mein Team und ich haben uns eine Frage gestellt: Wie kann man die Bewohner von Paris glücklich machen?“, sagt er. „Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass man dafür essenzielle Dienste in unmittelbarer Nähe haben muss, um sie schnell zu erreichen und so mehr Zeit für seine Familie und Freunde zu haben.“

Schulhöfe spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie sollen, außerhalb der Schulzeiten, für alle Bewohner zugänglich werden – als sogenannte „Schulhofoasen“. Man will sie renovieren und bepflanzen und dort Freizeit-, kulturelle und sportliche Aktivitäten organisieren – auf einem Dutzend Schulhöfe der Hauptstadt testet man bereits dieses Konzept. Bis Mai will man den Ansatz an 50 Schulen umsetzen. Dabei sollen auch mehr kulturelle Spektakel außerhalb der großen Theater und Konzerthäuser angeboten werden, um sie eben allen Parisern zugänglich zu machen.

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Von der Weltmetropole zur Dorfmetropole?

Auch gibt es bereits 122 sogenannte „Rue des Ecoles“ – Straßen, angrenzend an Schulen, die man teilweise oder ganz für Autos gesperrt hat. Künstler organisieren dort Aufführungen, Kinder können sich austoben. Bis zum Ende ihrer Legislaturperiode 2026 will Bürgermeisterin Hidalgo 300 solcher Straßen zur Fußgängerzone machen. In sogenannten „Sport Social Clubs“ sollen die Pariser zudem künftig umsonst Sport machen können, während jemand auf ihre Kinder aufpasst und mit ihnen Hausaufgaben macht. Kioske in den verschiedenen Arrondissements sollen zudem ein Anlaufpunkt für Bewohner werden, wo sie sich auch gegenseitig helfen sollen. Drei solcher Kioske sind in einem Pilotprojekt bereits geöffnet.

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„Die Covid-19-Krise hat die Umsetzung des Konzepts noch beschleunigt“, sagt David Belliard, stellvertretender Bürgermeister und Mitglied der Grünen Partei, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Einerseits war es wichtig, so wenig Zeit wie möglich in öffentlichen Transportmitteln zu verbringen, um die Gefahr der Ansteckung zu senken.“ So seien beispielsweise rund 50 Kilometer zusätzliche Fahrradwege – sogenannte „Corona-Pisten“ – gebaut worden. „Andererseits haben die Pariser gemerkt, wie es ist, nicht jeden Tag zwei Stunden in der Metro zu verbringen, weil sie ja von zu Hause arbeiteten. Da stellt sich die Frage: Wollen sie wirklich zu ihrem alten Leben zurückkehren?“, fügt er hinzu. Es sei nun umso logischer, von dem Modell der Weltmetropole zur Dorfmetropole zu wechseln – auch, weil das in Zeiten des Klimawandels unabdingbar sei.

„Sobald wir etwas normieren, läuft das dem Individuum entgegen“

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Doch nicht jeder ist von der Idee einer Viertelstundenstadt begeistert. Thierry Paquot, emeritierter Philosophieprofessor am Pariser Institut für Urbanismus, meint, ein solcher Ansatz sorge eher für eine Be- als eine Entschleunigung. „Das wird dazu führen, dass auf einmal alles in einer Viertelstunde erledigt sein muss, und wenn dem nicht so ist, fühlt man sich schlecht“, meint er gegenüber dem RND. „Sobald wir etwas normieren, läuft das dem Individuum entgegen. Während wir versuchen, der gewinnorientierten Funktionsweise der kapitalistischen Gesellschaft zu entkommen, machen wir genau das Gegenteil.“

Anstatt alles auf eine gemeinsame Dauer zu setzen, solle man daher eher flexible Konzepte schaffen. „Manche Städte haben zum Beispiel gewisse öffentliche Arbeitgeber angewiesen, die Arbeitszeiten etwas zu verschieben, um das Straßennetzwerk zu entlasten. Dadurch verbringen die Arbeiter weniger Zeit auf der Straße und haben mehr Zeit für sich. So etwas macht viel mehr Sinn“, meint Paquot.

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