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Warum der Fall Gabby Petito aus Social-Media-Nutzern Hobbydetektive macht

  • Die 22-jährige Gabby Petito ist während einer Reise mit ihrem Verlobten durch die USA verschwunden.
  • Der Fall erregt national und international immense Aufmerksamkeit.
  • Eine wichtige Rolle spielen dabei Social-Media-Nutzer, die selbst bei der Suche aktiv werden.
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„Und das findet ihr nicht verdächtig?“, fragt eine Tiktok-Nutzerin eindringlich. Im Hintergrund des Videos die Beweisstücke: zwei Fotos einer jungen blonden Frau. Auf dem älteren ist ein dunkler Haaransatz zu sehen, auf dem neueren nicht mehr. Ohne dass Fakten bekannt sind, hat die Userin Meffqueech schon ein Urteil gefällt: „Er hat sie getötet und auf Instagram alte Fotos von ihr gepostet.“

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Vermisste Gabrielle Petito wurde Opfer von Tötungsdelikt
1:28 min
Nach dem Verschwinden von Gabrielle Petito in den USA herrscht traurige Gewissheit: Die 22-Jährige ist tot und wurde offenbar Opfer eines Tötungsdelikts.  © AFP

Die Userin Meffqueech spricht über Gabrielle „Gabby“ Petito. Die 22-Jährige reiste mit ihrem Verlobten in einem ausgebauten Van durch die USA, beide posteten als Reiseblogger regelmäßig Fotos auf Instagram und Videos auf Youtube. Er kehrte am 1. September zurück, sie nicht. Am Wochenende fanden die Ermittlerinnen und Ermittler im US-Bundesstaat Wyoming eine Leiche. Am Dienstag bestätigte das FBI: Es handelt sich um Gabby Petito und sie wurde ermordet. Ihr Verlobter verweigerte zunächst eine Aussage bei den Behörden und wurde von seiner Familie vor einigen Tagen ebenfalls als vermisst gemeldet. Was zwischen Ende August und Mitte September passiert ist, darüber herrscht laut der Behörden Unklarheit – entgegen diverser Behauptungen bei Social Media.

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Beweissuche zwischen Emojis

Und die gibt es in den sozialen Medien zahlreich. Allein bei Tiktok hatte der Hashtag #gabbypetito am Dienstagmorgen 625 Millionen Aufrufe. Nutzerinnen und Nutzer wie Meffqueech posten stündlich Updates über den Ermittlungsstatus – aber nicht nur das. Sie untersuchen die Instagram-Fotos von Petito nach Hinweisen, analysieren akribisch ihre Verwendung von Emojis, diskutieren eventuelle Reisepläne. Die Aufklärung des Falls ist zur temporären Lebensaufgabe für zahlreiche Userinnen und User geworden. Sie überschlagen sich mit Updates, mit dem Teilen von Pressekonferenzen sowie Polizei-Tweets und der Sezierung etwaiger Sichtungen des Verlobten.

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Aus Nutzerinnen und Nutzern sind Hobbydetektive geworden. Wo vor dem Fall pittoreske Reiselocations und Unboxing-Videos zu sehen waren, gibt es bei Nutzerinnen wie Emily Flood nun stündliche Updates zum Fall – quasi in Echtzeit werden alle Entwicklungen aufgezeigt. Statt sich mit lustigen Filtern zu filmen, steht sie nun vor dem Elternhaus des Verlobten und nimmt Polizistinnen und Polizisten bei ihrem Einsatz auf. Durch die sozialen Medien wurde der Fall zum nationalen und schließlich internationalen Interesse. Seit dem 13. September ist in den USA die Zahl der Google-Suchen zum Begriff „Gabby Petito“ stark angestiegen, wie sich auf Google Trends nachvollziehen lässt. In Deutschland setzt das Interesse erst etwa zwei Tage später ein.

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True-Crime-Fans stürzen sich auf Datenspuren im Netz

Warum erfährt der Fall so eine Aufmerksamkeit? „Gabby Petito ist mit ihren 22 Jahren in dem Alter vieler Tiktokker. Dazu hat sie als Bloggerin vor ihrem Verschwinden diverse Fotos und Videos gepostet und damit eine digitale Datenspur hinterlassen, auf die sich viele Personen nun stürzen“, erklärt die Kommunikationswissenschaftlerin Christine Meltzer von der Universität Mainz dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Ihre Reise sei bis zum Verschwinden fast minutiös bei Youtube und Instagram dokumentiert worden. Dadurch ergebe sich allein eine große Materialmasse, die leicht zugänglich sei. Die True-Crime-Community habe ab Mitte September den Fall aufgegriffen und fast in Echtzeit begleitet – und die klassischen Medien liefern weitere Berichte. „Da ist nun eine Armada von Hobbydetektiven unterwegs. Die Polizei wird nun mit Hinweisen überflutet.“ Ein Blick auf Spotify verrät, dass bis zum 19. September allein sieben Podcast-Folgen explizit über den Fall veröffentlicht wurden.

Hilfreiche Hinweise gab es dabei vereinzelt durchaus. So haben Youtuber in einem ihrer Videos den abgestellten Van des Paares im Nationalpark in Wyoming in der Nähe des Ortes gesehen, wo später auch eine Leiche gefunden wurde. „In den USA und den angrenzenden Staaten werden jetzt viele die Auge offen haben nach dem verschwundenen Verlobten“, so Meltzer. Das könne bei der Suche helfen.

Missing White Women Syndrome

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Nicht nur Hobbydetektive sind auf den sozialen Plattformen unterwegs. Auch die Behörden haben selbst schnell viele Informationen in den sozialen Medien herausgegeben, wie Meltzer beobachtet hat. So wurde ein Dashcam-Video von der Polizei veröffentlicht, das Polizistinnen und Polizisten aufgenommen haben, als sie von Augenzeuginnen und Augenzeugen wegen eines Streits des Paares gerufen wurden. „Dieses Video trägt zur Faszination bei: Denn in den sozialen Medien sehen wir die glänzende Welt des verliebten Paares, doch das Video zeigt eine ganz andere Seite. Das bietet Raum für Spekulationen“, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin.

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Ein weiterer Grund, warum Gabby Petitos Verschwinden so viele fasziniert, ist ihre Erscheinung: eine junge, attraktive, weiße Frau. „Hier findet in der Aufmerksamkeit eine Verzerrung statt. Denn es verschwinden Tausende Menschen. Doch Studien aus den USA zeigen, dass Vermisstenfälle von Women of Colour weitaus weniger Aufmerksamkeit erhalten“, sagt Meltzer. Das führe dazu, dass diese Fälle weniger verfolgt werden würden – oder auch Polizeibeamtinnen und -beamte erst einmal den Verdacht äußern, dass diese Frauen abgehauen seien – und nicht Opfer einer Straftat geworden seien. Zudem hätten People of Colour weniger Ressourcen, um solch eine Aufmerksamkeit zu generieren.

„Ich bin mir unsicher, ob eine Kampagne auf Social Media bei einer Woman of Colour so erfolgreich gewesen wäre“, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin. Ein Blick in die Vergangenheit bestätigt das Muster: So wurde im Fall Rebecca, die vor zwei Jahren verschwand, bei der Suche vielmals ein stark retuschiertes, idealisiertes Foto in den klassischen und sozialen Medien reproduziert, erklärt Meltzer, und habe so, obwohl es nicht wirklichkeitsnah war, für Interesse gesorgt. Jenes Interesse ist bis zu diesem 21. September, ihrem 18. Geburtstag, nie ganz abgeflaut, wie auch wieder ein Blick in Google Trends zeigt. 2004 bezeichnete die PBS-Nachrichtensprecherin Gwen Ifill dieses Phänomen als „Missing White Woman Syndrome“, wortwörtlich Vermisste-weiße-Frau-Syndrom.

Gefahr einer aktiven True-Crime-Community

Doch die True-Crime-Faszination der Hobbydetektive birgt auch eine große Gefahr, wenn sie sich beispielsweise eigenmächtig auf die Suche nach dem verschwundenen Verlobten begeben. Laut Meltzer könne die in vielen Posts zu beobachtende Vorverurteilung zu Selbstjustiz führen. Und: „Selbst wenn diese Hobbydetektive bei der Suche nach Beweisen nur helfen wollen, stellt sich folgende Frage: Ist es sinnvoll, dass nicht-geschulte Menschen den Nationalpark durchkämmen und dabei eventuell Beweise zerstören?“, gibt sie zu bedenken.

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Derweil entwickelt sich der Fall Gabby Petito weiter. Am Dienstag bestätigte die Polizei, dass es sich bei der aufgefundenen Leiche um Gabby Petito handelt. Zudem zeigt der vorläufige Autopsie-Bericht, dass sie ermordet wurde. Der Zähler unter dem Hashtag #gabbypetito bei Tiktok steht bei über 646 Millionen Klicks.

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