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Stuttgarter Helfer berichtet von Festnahme auf Lesbos: “Einfach Psychoterror”

  • Ein Hilfsteam aus Deutschland will auf Lesbos Kinderschuhe verteilen.
  • Dann nimmt die griechische Polizei die Stuttgarter fest.
  • Was dann folgt, erklärt einer der Helfer dem RND mit den Worten “einfach Psychoterror”.
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Mehr als vier Stunden sitzen die Helfenden Serkan Eren und Louisa Sanchez am letzten Montag auf einer Polizeiwache auf Lesbos: Griechische Beamte stellen ihnen unzählige, teils private Fragen. Wann sie gehen können, war lange unklar, wie Eren dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) berichtete. Nach mehrstündigen Verhören lassen die griechischen Behörden das Hilfsteam der Stuttgarter Organisation Stelp wieder frei. Zwischendurch stehen Eren und Sanchez im Kontakt mit der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Auf ihrer Instagram-Seite macht Stelp auf den Fall aufmerksam – doch was genau ist passiert?

“Zustände, wie im alten Moria”

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Eren erzählte dem RND, dass er auf die griechischen Insel Lesbos gereist sei, weil er nach dem verheerenden Brand im Flüchtlingslager Moria helfen wollte. Er sei dort ebenfalls mit Partnern verabredet gewesen, darunter mit dem Europaabgeordneten Erik Marquardt von den Grünen.

Als Eren mit Sanchez in dem neu erbauten Lager ankam, habe er schreckliche Zustände beobachtet: “Zweihundert Menschen teilen sich eine Toilette”, auch der Zugang zum Strom sei gerade erst aufgebaut worden. “Zustände wie im alten Moria”, beschrieb Eren die Lage. Das Nötigste schien zu fehlen: “Wir haben gesehen, dass ganz viele Kinder keine Schuhe tragen."

Video
RND-Reporterin auf Lesbos: Angst vor dem zweiten Moria
2:03 min
Nach dem Brand von Moria wollen die Geflüchteten auf Lesbos nicht in das derzeit errichtete Behelfslager einziehen.  © RND

Helfende treffen Freunde von Max Herre

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Eren und Sanchez entschieden sich dazu, außerhalb des Lagers Kinderschuhe zu kaufen und diese an die Geflüchteten zu verteilen. Zunächst schien das laut Eren auch nicht problematisch zu sein: “Ein Sicherheitsmann meinte, wir können bis 20 Uhr rein, dann werden die Tore geschlossen." 50 Paar Schuhe verteilten sie laut eigener Aussagen an die Kinder.

Im Flüchtlingslager trafen sie sich auch mit einer Familie, die den deutschen Musiker Max Herre kennt. Der Sänger und Eren sind befreundet. Herre habe Eren gebeten, den Kindern Spielzeug zu geben. Kurz vor der Schließung des Lagers, um 19.30 Uhr, wollten die Helfer die Zeltstadt verlassen. Sie trafen auf einen Polizeiwagen: “Vollbremsung, drei Polizisten sind rausgesprungen, auf uns zu gerannt", beschrieb Eren die nächsten Momente. “Was macht ihr hier? Habt ihr eine Genehmigung?”, sollen die Beamten zu beiden gesagt haben.

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Als Nächstes seien sie auf die Polizeiwache ins Camp gebracht worden. “Ihr habt euch strafbar gemacht”, sollen die Polizisten ebenfalls zu Eren gemeint haben. Warum genau die Polizisten Eren und seine Kollegin festnahmen, ist unklar. Auf eine Anfrage des RND antwortete die Polizeistelle auf Lesbos bisher nicht. Eren sagte, dass die Polizisten Sanchez und ihn nach einer halben Stunde zu der zentralen Polizeistelle Lesbos fuhren.

“Einfach Psychoterror”

Wie Eren erzählt, war ihre Zeit auf der Polizeiwache “einfach Psychoterror”. Ihnen wurden “die absurdesten Fragen” gestellt. Darunter auch Fragen zu ihren Eltern, die laut Eren nichts mit der Sache zu tun haben. Unterschiedliche Beamte seien immer wieder rein- und raus gegangen.

“Die Ungewissheit war das Schlimmste”, denn für Eren und Sanchez war unklar, ob und wann sie die Polizeistelle wieder verlassen dürfen. Zeitweise seien sie auch getrennt voneinander befragt worden.

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In der Nacht zu Mittwoch ist im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos ein verheerendes Feuer ausgebrochen.  @ Quelle: Panagiotis Balaskas/AP/dpa

Eren habe gefordert, Freunde und Familie zu kontaktieren. So erlaubten die Polizisten, dass er seinen letzten Handy-Kontakten eine Mitteilung schicken dürfe. Das war unter anderem Musiker Max Herre, der ihm zuvor den Kontakt zu der geflüchteten Familie vermittelt habe. Eren erzählte, dass der deutsche Sänger sofort Amnesty International kontaktiert habe, woraufhin Eren mit den Menschenrechtsorganisation kurz Kontakt hatte. Wenige Zeit später, durften Eren und Sanchez plötzlich die Polizeistelle in Richtung Hotel verlassen.

Unklar, wer für Freilassung sorgte

Wer für ihre Freilassung sorgte, bleibt dennoch unklar. Wie der Sprecher Anton Landgraf von Amnesty International gegenüber dem RND erklärte, habe die Organisation nicht für die Freilassung von Eren und Sanchez gesorgt. Landgraf vermutet, dass die griechischen Behörden selber entschieden haben, beide zu entlassen.

Laut Eren seien er und seine Kollegin in ihre Unterkunft zurückgekehrt, dort haben sie ihre Sachen gepackt und ein Flugzeug Richtung Athen genommen. In der griechischen Hauptstadt mussten sie zehn Stunden ausharren, bis ihr Anschlussflieger nach Deutschland ging. Eine Mitarbeiterin von Amnesty International riet ihnen, den Flughafen nicht zu verlassen. Eren zufolge haben Zivilpolizisten sie am Flughafen in Athen “relativ offensichtlich gefilmt und beobachtet”.

Ob es ein rechtliches Nachspiel für den Stuttgarter und die Stuttgarterin gibt, weiß Eren nicht. Doch sie hätten auf der Polizeiwache “nichts unterschrieben und auch nichts in die Hand bekommen”.

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