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Ferienstart nach dem Lockdown: Kommt für die Schüler jetzt der Sommer ihres Lebens?

  • In Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein beginnen am Montag die Sommerferien, bald sind alle Bundesländer dran.
  • Gleichzeitig sinken die Inzidenzwerte rapide.
  • Erwartet die Schülerinnen und Schüler jetzt der Sommer ihres Lebens?
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Sie halten sich an den Händen, springen über den heißen Sand, lassen sich gackernd in den See fallen. Zwei Lehrerinnen haben ihre Klasse an diesen Sommertag, der strahlend und drückend zugleich ist, auf den See in der Nähe des niedersächsischen Oldenburg losgelassen. Teenager in Massen – ein seltener Anblick in den letzten eineinhalb Jahren der Corona-Pandemie. Die Sommerferien beginnen am Montag in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein, in den Tagen und Wochen danach stürzt sich ein Bundesland nach dem anderen in die sechswöchige Auszeit. Gleichzeitig sind die Inzidenzzahlen so niedrig wie seit dem vergangenen September nicht mehr, alte Freiheiten werden zurückgewonnen. Steht den Jugendlichen nach dem Homeschooling-Stress nun also der Sommer ihres Lebens bevor?

Der 19-jährige Leon Herrmann muss sogar nie wieder zur Schule. Er hat am Donnerstagmorgen seine Abiturnoten bekommen: bestanden. Erleichterung. „Ich fühle mich frei“, sagt der Oldenburger – doch sofort folgt ein dickes, fettes Aber, das im gesamten Gespräch stehen bleibt. „Der Sommer meines Lebens wird es nicht“, glaubt er. Interrail? Trampen? Ein großes Ferienhaus mit vielen Freunden? Ein Jahr Auszeit in Australien? All diese Ideen von Freiheit und Jugend bleiben nur in der Vorstellung. „Wir haben gar nicht erst irgendwelche großen Reisen geplant, weil wir ja auch nicht wussten, was geht“, sagt Herrmann. Die meisten Freunde blieben in den letzten Wochen, bevor das neue Leben mit Studium oder Arbeit beginnt, einfach in der Heimatstadt. Viele hätten sich auch Jobs für den Sommer gesucht. Er selbst bewirbt sich gerade für eine Ausbildung. Sein Sommer der Freiheit endet dann, wenn alles klappt, schon am 1. August.

Ähnlich wie bei Leon Herrmann scheint die Stimmung bei den meisten Jugendlichen in Deutschland zu sein: zurückhaltend, aber optimistisch. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Tui-Stiftung, die in dieser Woche veröffentlicht wurde. Demnach belastet die Krise sie – 46 Prozent der Befragten in Deutschland gaben an, sich „müde“, „unsicher“, „genervt“ oder „gestresst“ zu fühlen. Gleichzeitig hat sie der Mut aber nicht verlassen: Fast zwei Drittel der Befragten in Deutschland schauen optimistisch in die Zukunft. „Es ist beeindruckend, mit welchem Optimismus die 16- bis 26-Jährigen in Europa in die Zukunft nach Corona blicken“, sagte Thomas Ellerbeck, Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung. Junge Leute hätten viele Einschränkungen in Schule, Studium, Sport und bei Treffen im Freundeskreis erlebt: „Gleichzeitig ist ihre Grundstimmung und Motivation positiv.“

Auch findet ein Großteil der Jugendlichen in Deutschland die Corona-Maßnahmen sinnvoll. 74 Prozent der Befragten gaben an, sich an die Corona-Regeln zu halten. Knapp ein Fünftel erklärte hingegen, sie komplett zu ignorieren.

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Homeschooling? „Das war scheußlich“

Auf den Sommer, auf die neue Freiheit freut sich der Abiturient Herrmann nach den Monaten der Selbstdisziplin, des Lernens, der Isolation aber nun: „Ich sehe jetzt wieder mehr Freunde. Ich fahre zum See. Der Sommer wird deutlich entspannter.“ Die Maßnahmen hat der 19-Jährige während der Lockdownzeit mitgetragen. Die Abi-Vorbereitungen waren eigentlich ähnlich wie es in einem Studium aussieht: eigenständige Lernpläne, selbstständiges Arbeiten, kaum Direktunterricht. „Das war scheußlich“, sagt Herrmann. Ob das alles reichte? Gegencheck nicht möglich. Bevor er seine Noten erhalten hat, war er noch nervöser als am Morgen der Prüfungen selbst.

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Jetzt ist der Druck weg, Wochen der Freizeit stehen an. Bierchen am See geht, Party so langsam auch, aber da bleibt der Abiturient vorsichtig. Irgendwann werden alle zusammen einen drauf machen. Auf das Irgendwann schwören er und seine Freunde sich ein. „Ich habe Sorge, dass wir nicht genug gemeinsame Zeit als Gruppe nach dem Abi hatten, bevor alle mit Studium oder Jobs getrennte Wege gehen“, fügt er an. Eine Woche, nachdem Leon Herrmann 18 wurde, kam der erste Corona-Lockdown. Seitdem war er einmal in einem Club. Jetzt, wo im niedersächsischen Oldenburg die Discos wieder öffnen, will er aber trotzdem noch nicht. „Da gehe ich erst rein, wenn genug Leute geimpft sind“, sagt er.

Regelungen werden gelockert

So langsam gibt es aber einen Lichtblick: In Niedersachsen, wo die eigentlichen Sommerferien erst Ende Juli beginnen, sollen die Kontaktregeln weiter gelockert werden. Größere Gruppen und Privatpartys könnten dann wieder möglich sein. Über die Zeit des Lockdowns, des Abwartens spricht der Abiturient weder wütend noch frustriert oder unruhig, sondern gelassen. Er regt sich nicht auf, seine Aussagen sind ein sprachliches Achselzucken.

Die Teenager am See sind währenddessen wieder aus dem Wasser gestiegen. Sie gackern noch, umarmen sich, eine freudentaumelnde Masse. Doch dann ist es 13 Uhr, die Schulzeit unter Lehrerinnen-Aufsicht ist vorbei. Aufgrund der Kontaktregeln sind zumindest zur Zeit nur Treffen mit drei Haushalten erlaubt. Die Picknickdecken müssen auseinandergerückt werden und man sieht: Die Pandemie ist zwar noch nicht vorüber, am heimischen See können ausgelassene Sommertage aber zumindest wieder zum Alltag werden.

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