Familie lebte jahrelang isoliert: Was wir wissen - und was nicht

  • Jahrelang soll eine Familie in den Niederlanden abgeschnitten von der Außenwelt im Keller gewohnt haben.
  • Der Fall sorgt für viele Spekulationen.
  • Wir klären die wichtigsten Fragen und Antworten.
Helmut Hetzel
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Amsterdam. Offenbar völlig isoliert von der Außenwelt hat eine Familie gut neun Jahre lang auf einem Bauernhof in den Niederlanden gehaust. Die Polizei entdeckte die Gruppe am Montag, nachdem einer der Bewohner in einer Kneipe um Hilfe gebeten hatte. Seit 2010 sollen die Menschen in einem isolierten Raum gehaust haben.

Der Fall wirft viele offene Fragen auf und sorgt für Spekulationen. Wir klären die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wer sind die Leute, die auf dem Bauernhof lebten?

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Bei den Bewohnern des versteckten Kellerraums handelt es sich nach aktuellem Stand um sieben Personen: Ein Vater sowie sechs junge Leute im Alter zwischen 18 und 25 Jahren. Einer der Bewohner, ein 25-jähriger Mann, hatte den Fall am Montag öffentlich gemacht, nachdem er sich in einer Dorfkneipe gemeldet und um Hilfe gebeten hatte. Im Fokus steht aber noch eine siebte Person: Ein 58-jähriger Österreicher. Er war nach Angaben der Polizei Mieter des betroffenen Bauernhofes und soll dort regelmäßig Reparaturen durchgeführt haben. Dauerhaft gelebt habe er dort aber nicht. In welcher Beziehung der Mann zu der Familie stand, ist völlig unklar.

Wie lebte die Familie?

Die Gruppe „lebte in sehr provisorischen Räumen“, sagte der Bürgermeister Roger de Groot. Er nannte keine Details der Wohnung, verriet aber: „So etwas habe ich noch nie erlebt.“

Warum hatte niemand die Kinder vermisst?

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Die sechs Kinder waren 2010 zwischen neun und 16 Jahre alt und hätten zur Schule gehen müssen. Doch weder der Vater noch die Kinder waren bei den Behörden gemeldet. Das könnte erklären, warum niemand die Kinder vermisst hat.

Wer ist der Österreicher?

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Nachbarn berichten, dass sie Josef B. „den Österreicher Josef“ nannten. Der 58-jährige Wiener sei „sehr verschlossen, aber höflich“ gewesen. Er habe den Bauernhof immer mit einem alten Volvo verlassen und bei seiner Rückkehr auf dem Hof die Eingangstür zum Hof sofort wieder verschlossen. Dorfbewohner zeigen sich schockiert über die Ereignisse: Sie sagten Reportern, dass sie bei dem Hof immer nur den Mann gesehen hatten. Von einer Gruppe hätten sie nichts gewusst. Am Mittwoch wurde Haftbefehl gegen ihn erlassen, am Donnerstag wird der Mann dem Haftrichter vorgeführt.

Haben die Nachbarn nichts gemerkt?

Die Nachbarn hatten den neuen Mieter freundlich begrüßt, erzählten sie im Fernsehen. Als er dort vor einigen Jahren erstmals auftauchte, hatten sie ihm Blumen und eine Flasche Wein gebracht. „Doch der reagierte total komisch“, erinnerte sich Nachbar John van Dijk. Er sei kurz angebunden gewesen: „Und dann ging das Hoftor auch immer schnell wieder zu.“ Etwas stimme nicht mit dem Mann und dem Hof, spürten die Nachbarn. „Wir dachten, dass es irgendetwas mit Drogen war, eine Haschplantage oder so“, sagte eine Frau. Bauer van Dijk war sogar einmal abends mit einem Freund dorthin gegangen, um sich umzuschauen: „Aber da hingen überall Kameras, und dann sind wir wieder umgekehrt.“ Ein paar Mal wollte auch die Polizei nach dem Rechten schauen. Doch die Beamten kehrten am verschlossenen Hoftor unverrichteter Dinge wieder um.

Warum hielt sich die Familie im Keller auf?

Das ist laut offiziellen Angaben der Polizei weiter unklar. Holländische Medien hatten zunächst berichtet, dass die Familie auf das „Ende der Zeiten“ gewartet habe. Inzwischen stellte die Polizei fest, dass der abgelegene Bauernhof rundum von Kameras überwacht wird. Das alles legt den Verdacht nahe, dass sich der kranke Vater mit seinen fünf Kindern dort höchstwahrscheinlich nicht freiwillig aufgehalten hat.

Wie werden die Bewohner jetzt betreut?

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Der Vater der Familie ist Medienberichten zufolge schwer krank. Er wurde zusammen mit seinen Kindern in einen Ferienpark gebracht und wird ärztlich versorgt. „Was sie jetzt vor allem brauchen, ist Ruhe", so ein Sprecher der Polizei.

Wie laufen die Ermittlungen ab?

Derzeit ist eine Sondergruppe von 25 Beamten mit dem Fall befasst, teilte die Polizei in der Provinz Drenthe am Mittwoch mit. "Wir erfassen alle Räume digital, so dass wir eine vollständige Übersicht bekommen", so die Beamten am Donnerstag. Am späten Mittwochabend wurden zudem zwei Betriebe durchsucht, die dem Vater der Familie gehören sollen. Ergebnisse der Durchsuchungen wollte die Polizei zunächst nicht mitteilen.

Was ist Ruinerwold für ein Dorf?

Ruinerwold ist ein abgelegener Ort mit rund 4000 Einwohnern. Der Bauernhof, der der Firma des 58-jährigen Österreichers Josef B. gehört, liegt im Ortsteil Berghuizen. Hier wohnen nur etwa 200 Menschen. Der Hof ist von hohen Bäumen gut geschützt und von außen kaum einsichtig. Auf dem Grundstück ist ein sehr großer Gemüsegarten und ein Treibhaus. Ziegen und Gänse laufen auf dem Gelände frei herum.

Waren die Bewohner gänzlich abgeschnitten von der Außenwelt?

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Offenbar nicht ganz. Der 25-jährige Sohn der Familie soll nach Recherchen der niederländischen Zeitung „De Telegraaf“ seit Juni dieses Jahres in den sozialen Netzwerken aktiv gewesen sein. Dort gab er an, für die Firma Creconat zu arbeiten. Eigentümer der Firma ist der 58-jährige Österreicher. Und: Die Firma ist auch Eigentümer des Bauernhofs, auf dem die Familie hauste.

Wo ist die Mutter der Familie?

Laut Polizeiangaben ist derzeit das Schicksal der Mutter noch ungeklärt. Laut „De Telegraaf“ berichtet der 25-jährige Sohn in den sozialen Netzwerken, dass seine Mutter bereits 2004 gestorben sei. Bis dahin habe die Familie im belgischen Hasselt gewohnt. Dort sei er auch geboren worden. Seine Eltern hätten ein „erfolgreiches Unternehmen“ gehabt, heißt es in dem Bericht. Die Eltern hätten ihre Kinder selbst unterrichtet. Nach dem Tod der Mutter sei die Familie in die Niederlande übergesiedelt.

Mit Material von dpa