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Der „deutsche Forrest Gump“ Jonas Deichmann: „Es ist die pure Abenteuerlust“

  • In Mexiko, wo sie ihn den „deutschen Forrest Gump“ nennen, ist er fast ein Popstar.
  • Auch hierzulande ist der Extremsportler Jonas Deichmann dieser Tage omnipräsent - schließlich kam er soeben von einem Wahnsinn von einem Triathlon zurück.
  • Er schwamm, radelte und lief praktisch einmal um die ganze Welt.
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Der Stoff fasziniert die Menschen: Am Dienstag, 21. Dezember, startet im ZDF die Miniserie „In 80 Tagen um die Welt“; es ist die werweißwievielte Adaption des Abenteuerromans von Jules Verne, sie soll durchaus sehenswert sein. Dass sich Jonas Deichmann das stundenlange Event auf der heimischen Couch gönnen wird, ist aber nicht anzunehmen. Der Mann, der vor wenigen Tagen seine ganz eigene Weltumrundung beendet hat, ist weniger für Chips, Bier und Fernsehen zu haben, ihn zieht es raus in die Natur - immer und überall, egal, wie die Bedingungen sind. Nicht 80 Tage, sondern volle 14 Monate war der Münchner Extremsportler bei seinem Triathlon um die Welt unterwegs. Unter anderem ist Deichmann 54 Tage entlang der Adria-Küste geschwommen, er ist bei minus 20 Grad durch Sibirien geradelt und 5.000 Kilometer durch die Hitze Mexikos gerannt. Eine Tortur voller Schmerzen, Einsamkeit und Entbehrungen, würden die meisten so etwas nennen. Er nennt es ein Abenteuer. Wie es ihm ergangen ist, ist in seinem neuen Buch „Das Limit bin nur ich: Wie ich als erster Mensch die Welt im Triathlon umrundete“ (Polyglott) zu lesen. Warum er überhaupt aufgebrochen ist, das erklärt der sympathische 34-Jährige im Interview.

Was haben Sie nach Ihrer Ankunft am Münchner Odeonsplatz als Erstes gemacht?

Mir in einem Frisörladen um die Ecke den Bart scheren lassen (lacht).

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War es so schlimm?

Oh ja. Die Rasur war das größte Bedürfnis von allen. Nach dem Motto: „Ein großes Abenteuer braucht einen großen Bart“ habe ich ihn 14 Monate wachsen und wuchern lassen. Genervt hat er irgendwann natürlich schon. Als der Bart dann ab war, habe ich mich um Jahre jünger gefühlt. Danach ging es direkt zum Kässpätzle-Essen. Von etwas Wunderbarem wie Spätzle oder Maultaschen hat der Schwabe in mir monatelang nur träumen können ... Für mich gehört das Kulinarische zu den wichtigsten Dingen beim Resozialisierungsprozess (lacht).

Sind Sie inzwischen zu Hause angekommen?

Ehrlich gesagt: Nein. Ich hetze von Medientermin zu Medientermin, bin in TV-Studios und Redaktionen, halte am Abend Vorträge, absolviere zwischendurch Sponsorentermine ... - Alle wollen etwas von mir! Das ist ja auch gut so, klar, und es macht mir Spaß - aber diese 18-Stunden-Tage sind brutal anstrengend. Ich habe meinem Vater deshalb versprochen, dass ich um Weihnachten mal für ein, zwei Wochen komplett runterfahre und auch das Handy weglege. Dann werde ich im Kopf abschalten, viel schlafen und richtig ankommen.

„Unterwegs wache ich morgens auf und weiß: Heute erlebe ich was!“

Sie waren über 14 Monate unterwegs - im Ausnahmezustand, geprägt von extremen Bedingungen, maximaler Anstrengung und langen Phasen der Einsamkeit. Warum tun Sie sich das an?

Es ist die pure Abenteuerlust! Nachdem ich als Extremsportler vor allem mit dem Rad schon sehr viel unterwegs war, hatte ich einfach Lust auf die ultimative Herausforderung: eine Weltumrundung im Triathlon-Modus.

Am Ende haben Sie die 120-fache Iron-Man-Distanz absolviert ...

Genau. Aber es geht mir gar nicht um Zahlen. Ich will nicht so viele Kilometer wie möglich abreißen, sondern ich sammle Momente. Am Ende sind es die Erlebnisse, die bleiben. Unterwegs wache ich morgens auf und weiß: Heute erlebe ich was! Das ist es, was mich antreibt.

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Geben Sie uns einen Einblick in Ihre Momentesammlung.

Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll und verweise auf mein Buch ... (lacht) Aber die Nacht, die ich bei minus 20 Grad auf dem zugefrorenen Baikalsee verbracht habe, vergesse ich garantiert nie - eine Million Sterne nur für mich. Oder den Moment des Schreckens, den ich in Mexiko beim Laufen durch die Wüste in Baja California erlebte, als neben mir plötzlich ein Pickup mit ein paar gefährlich aussehenden Typen anhielt. Als sie ausstiegen, dachte ich, jetzt geht es mir an den Kragen ... - Aber dann die Erleichterung: Das war keine Drogengang, sondern eine Mariachi-Kapelle, die mir ein Ständchen spielte. Die nächsten 30 Kilometer bin ich mit einem breiten Lächeln im Gesicht weitergerannt.

„Die Vernunft sagte mir: Haifische attackieren nicht“

Haben Sie nie Angst, wenn Sie unterwegs sind? - Entlang der Adriaküste schwammen Sie zum Teil durchs offene Meer - allein, nur mit einem kleinen Floß im Schlepptau mit dem Nötigsten, was Sie zum Leben brauchten ...

Die Frage verstehe ich, weil sich wohl die allermeisten Menschen bei einem derartigen Abenteuer zunächst einmal mit ihren Ängsten auseinandersetzen würden. Aber so bin ich nicht gestrickt. Ich kann das Gefühl unterdrücken, das Wort Angst verwende ich gar nicht. Ich bin auch noch nie in meinem Leben in Panik ausgebrochen, aber ich habe immer Respekt - vor den Herausforderungen und Bedingungen. Gleich bei meiner ersten Etappe in Kroatien hatte ich eine Querung über mehrere Kilometer zu absolvieren. Erst kam unerwartet Gegenwind auf, dann wurde es dunkel. Nachts, alleine drei Kilometer von der Küste entfernt zu schwimmen, im Bewusstsein, dass unter einem ein mehrere hundert Meter tiefes Meer ist, das ist nicht ohne.

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Also gibt es doch Angst?

Auf jeden Fall war mir etwas mulmig. Die Vernunft sagte mir natürlich: Haifische attackieren nicht! - Rational ist die Gefahr nicht so groß, aber mein Gefühl brüllte in mir: Ich soll hier nicht sein, hier bin ich am falschen Ort! Also habe ich das ausgeschaltet und mir immer wieder gesagt: Schwimmen, schwimmen, schwimmen, schwimmen ... - bis du an Land bist! Ich war in jener Nacht heilfroh, als ich das Ufer erreicht hatte. Die pure Erleichterung - was am Ende auch wieder positiv eingebucht werden konnte. So ein Erlebnis macht einen stärker. Insgesamt bin ich 460 Kilometer geschwommen - dabei war bis dato ein Schulschwimmabzeichen meine größte Auszeichnung als Wassersportler . Die Lektion, die ich gelernt habe, heißt: Nichts ist unmöglich, es kommt auf die Einstellung an.

Sie fuhren mit dem Gravelbike durch Sibirien - mitten im Winter.

Ja, durch Schnee, Eis und Unmengen von Wasser. Es war klatschnass, dann wieder eiskalt - auf der Straße teils über minus 20 Grad, nachts war es oft noch kälter.

Wie konnten Sie da ohne Erkältung durchkommen?

Ich bin praktisch nie krank. Ich habe einfach ein gutes Immunsystem. Das Geheimnis: Ich bin fast immer in der Natur, mache Sport, zelte auch im Winter - bin immer wieder in abgelegenen Regionen dieser Welt, wo mein Körper allen möglichen Bakterien ausgesetzt ist. Zur Vorbereitung und zusätzlichen Abhärtung war ich diesmal auch noch in der Kältekammer ...

Aber wie bleibt die Psyche in der Einsamkeit stabil?

Die Einsamkeit ist schon ein Thema, klar. Aber auch das empfinde ich eigentlich nicht als negativ. Wenn ich in der Natur bin, bin ich niemals einsam. Es ist wunderschön, da draußen allein zu sein - gerade nachts. Etwas bedrückend war es in Sibirien - da ist sowieso nicht viel, und dann spricht von den wenigen Menschen, auf die man trifft, keiner Englisch, und ich kann kein Russisch. Es gab in Russland mal fünf, sechs Wochen am Stück, ohne eine Menschenseele, mit der ich mich unterhalten konnte... Aber immerhin habe ich unterwegs mit dem Handy meinen Vater, der auch mein Manager ist, anrufen können, das half mir in den besonders einsamen Phasen.

Wie motivierten Sie sich in solchen Wochen?

Indem ich mich an die Vorgabe hielt, immer in kleinen Schritten zu denken. Ich setze mir kleine Ziele - vielleicht nur das nächste Restaurant, dann freue ich mich darauf, nach ein paar hundert Kilometern einen Schokoriegel zu essen und mich etwas aufzuwärmen. Die Herausforderung ist: Bloß nicht daran denken, dass noch ein paar tausend Kilometer und etliche Monate vor mir liegen. Am Ende war ich aber schon froh, dass ich irgendwann auf der anderen Seite des Pazifiks bei sommerlichen Bedingungen weitermachen konnte.

„Ich habe Mexiko in mein Herz geschlossen“

Stichwort Mexiko: Dort wurden Sie „Forrest Gump Aleman“ genannt: der deutsche Forrest Gump.

Das war unglaublich. Ich hätte nie mit so etwas gerechnet, aber in Mexiko bin ich inzwischen in der Tat so etwas wie ein Popstar.

Wie kam es dazu?

Es passierte über Nacht und hat mit einer Straßenhündin zu tun, die plötzlich da war und mir nicht wieder von der Seite wich. Sie lief neben mir her, übernachtete tagelang vor meinem Zelt ... Nachdem ich in einem TV-Interview sagte, dass ich mich freuen würde, wenn sie ein netter Mensch adoptiert, ging der Rummel los. Immer wieder liefen ganze Gruppen mit mir, ich wurde in den Städten, in die ich kam, mit allem Pomp von Menschenmengen begrüßt, Bürgermeister und Senatoren empfingen mich, ich erhielt Orden und Medaillen - die Medien spielten total verrückt. Es wurde jeden Tag mehr, und ich war seither keinen Augenblick mehr allein in Mexiko. Das Ganze hatte Volkslauf-Dimensionen, genau wie in meinem Lieblingsfilm „Forrest Gump“.

Das Wichtigste: Hat das Tier ein Zuhause gefunden?

Ja, „La Coqueta“ ist nun ein Social-Media-Star - und es geht ihr gut.

Sie sprechen fließend Spanisch. Stimmt es, dass ein lokaler Bürgermeister Sie mit seiner Tochter verheiraten wollte?

Ja. Er nahm mich beim abendlichen Empfang zur Seite und meinte, dass ich doch ganz gute Gene haben müsse und daher der ideale Ehemann für seine Tochter sei. Er fragte allen Ernstes, ob ich nicht Teil seiner Familie werden möchte. Ich habe höflich dankend abgelehnt - mit den Worten: „Ich muss erst noch schnell die Welt umrunden.“ (lacht) Dann bin ich lieber meiner Wege gegangen. Aber Sie merken schon: Ich habe Mexiko in mein Herz geschlossen und werde sicherlich bald wieder hinfahren.

„Das muss das Gefühl von Heimat sein“

Was haben Sie fernab der Heimat über Deutschland gelernt?

Ich war ja schon seit meinem 18. Lebensjahr viele Jahre immer wieder lange im Ausland - ich brauche einfach die Abwechslung, und ehrlich gesagt habe ich mich lange Zeit in Deutschland nicht wirklich zu Hause gefühlt. Mir fehlte etwas die Leichtigkeit. Ich habe lange in Brasilien gelebt und immer gesagt: Ich bin gerne Deutscher, was das Geschäftsleben betrifft, aber ich bin Südamerikaner, wenn es um die Lebenslust geht. In Deutschland funktioniert alles eins-a, aber in Brasilien wissen sie, was es heißt, das Leben zu feiern.

Hat sich an dieser Sicht etwas geändert?

Ja, ein bisschen hat sich da etwas verändert. Gemerkt habe ich das kurz vor Ende der Tour: als ich im Allgäu durch ein recht beschauliches, winterliches Dorf geradelt bin und das Kirchenläuten gehört habe ... Das hat mich auf eine warme, schöne Weise berührt, wie ich es noch nicht kannte. Das muss das Gefühl von Heimat sein. Ich bin also wieder gerne in Deutschland - und habe mir vorgenommen, künftig auch ein paar Monate im Jahr zu Hause zu verbringen. Jetzt mache ich sowieso erst mal Urlaub ...

Vermutlich nicht im Ferien-Hotel, oder?

Nein, ich fahre Fahrrad - oder ich renne die Berge hoch, mal ganz ohne zeitlichen Druck. So sieht mein perfekter Urlaub aus. Die Natur ist mein Ferienresort (lacht).

Was würden Sie nach 14 Monaten Extrem-Weltreise gerne Ihren Landsleuten sagen?

Dass Sie nicht so viel streiten und lieber das Leben genießen sollen! Ich bin in meinem jungen Leben schon in über 100 Ländern gewesen, auch in Regionen, in denen schwere Krisen, Armut und politische Unruhen herrschten, ich war im Iran und im Sudan - und ich schwöre: 99 Prozent der Menschen, die ich traf, sind fröhlich und unglaublich gastfreundlich - und gerade in den ärmsten Regionen sind die herzlichsten Menschen zu Hause. Hierzulande, so ist mein Eindruck, zeichnen Medien und Politik oft ein verzerrtes Menschenbild - und dann lassen sich manche anstecken von einem feindseligen Klima, von Wut und Angst. Die Wahrheit, die ich überall auf der Welt kennenlernen durfte, lautet: Die Menschen sind großartig!

Deichmann zu Gast in TV-Sendungen

Jonas Deichsmanns TV-Marathon geht weiter. Am 11. Dezember ist er zu Gast in der NDR-Sendung „DAS!“, am 13. Dezember erneut in der BR-„Abendschau“ und am 15.12. in der SWR-„Landesschau“.

RND/Teleschau

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