Explosion in Leverkusen: Was wir über den tödlichen Brand wissen

  • Nach der Explosion eines Tanklagers in einem Chemiepark in Leverkusen sind vermutlich sieben Menschen tot.
  • In dem explodierten Tank befanden sich organische Wasser- und Lösungsmittelgemische und chlorierte Wasserstoffe.
  • Für Anwohnerinnen und Anwohner gelten nach wie vor spezielle Regeln, um sich keiner möglichen Vergiftungsgefahr auszusetzen.
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Leverkusen. Am Dienstagmorgen kam es zu einer Explosion in einem Chemiepark in Leverkusen. Noch 40 Kilometer war das dadurch ausgelöste Beben zu spüren, selbst im 60 Kilometer entfernten Dortmund wurden Menschen vor der Rauchentwicklung gewarnt. Wahrscheinlich kostete das Unglück sieben Menschen das Leben, gefunden wurden bisher fünf Leichen. Ein aktueller Überblick.

Wie konnte es zu der Explosion in dem Chemiepark kommen?

Um 9.42 Uhr am Dienstagmorgen ereignete sich die Explosion in einem Tanklager in dem Chemiewerk Chempark. Die Ursache der Explosion ist auch zwei Tage später, am Donnerstag, noch nicht bekannt. Die Kölner Polizei sprach am Donnerstag von einer „Puzzlearbeit“ auf dem verwüsteten Gelände. Es sei unwahrscheinlich, dass die Unglücksursache sofort herausgefunden werden könne. Am Donnerstag fand eine „erste Begehung der Unfallstelle“ von Ermittlungsbehörden und einem Sachverständigen der Staatsanwaltschaft statt, erklärte ein Sprecher der Kölner Staatsanwaltschaft am Vormittag - zumindest soweit diese nicht kontaminiert beziehungsweise einsturzgefährdet sei. „Wir wollen aufklären, wie es zu dem Unfall kommen konnte und arbeiten eng mit den Behörden zusammen. Wir brauchen aber Zeit dafür“, sagte auch Frank Hyldmar, CEO des Chempark-Betreibers Currenta.

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Die Explosion ereignete sich im Entsorgungszentrum in Leverkusen-Bürrig. Dieses ist zwar Teil des Chemparks Leverkusen, befindet sich aber außerhalb des eigentlichen Werksgeländes von Chempark. Nach der Explosion im Tanklager des Entsorgungszentrums sei es zudem zu einem Brand gekommen, der erst nach Klärung der Schadstofffreisetzung gelöscht werden konnte. In Folge entstanden mehrere kleinere Brände.

Wie viele Menschen hielten sich zum Zeitpunkt der Explosion in dem Chemiewerk auf?

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Bisher gibt es keine Angaben darüber, wie viele Menschen sich zum Zeitpunkt der Explosion in dem Entsorgungszentrum aufgehalten haben. Insgesamt arbeiten in der Chemiefabrik Chempark in Leverkusen 31.500 Menschen.

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Chempark-Explosion in Leverkusen: Drei weitere Tote gefunden
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Nur langsam ist es Einsatzkräften möglich, den Ort der gewaltigen Detonation in Leverkusen zu untersuchen.  © dpa

Wie viele Todesopfer, Verletzte und Vermisste gibt es nach der Explosion?

Bei der Explosion am Dienstagmorgen sind nach aktuellem Stand fünf Menschen ums Leben gekommen. Zwei weitere Mitarbeiter der Chemiefabrik werden noch vermisst. Laut der Currenta-Geschäftsführung gibt es keine Hoffnung mehr, die Vermissten noch lebend zu finden. Bei dem Unglück wurden nach Angaben der städtischen Feuerwehr Leverkusen 31 Personen verletzt. Eine Person sei schwer verletzt. Verletzte außerhalb des Betriebsgeländes habe es nicht gegeben.

Wie ist die aktuelle Lage?

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Der große Brand in dem Chemiewerk ist bereits seit Dienstagnachmittag unter Kontrolle und weitestgehend gelöscht. Doch die Nacht über und auch am Mittwoch wurde noch nachgelöscht, sagte Hermann Greven, Leiter der Leverkusener Feuerwehr, zu WDR2. Noch immer gebe es sogenannte Sicherungsmaßnahmen, da das Werk durch die Explosion und die Brände beschädigt wurde; der Einsatz für Rettungskräfte müsse sicher gestaltet werden. Neben der Begehung am Donnerstag sollen auch Drohnen zum Einsatz kommen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung und fahrlässiges Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion gegen unbekannt. Sie will herausfinden, ob menschliche Fehler zu der Katastrophe führten.

Welche Chemikalien wurden in dem Entsorgungszentrum gelagert?

Bei der Explosion sind Lösungsmittel verbrannt, genauer gesagt seien in dem Tank organische Wasser- und Lösungsmittelgemische und chlorierte Wasserstoffe gelagert worden, heißt es seitens Currenta und Chempark. Organische Lösungsmittel seien eine Klasse an Rohstoffen, in die etwa „Haushalts-, aber auch gefährlichen Chemikalien“ fallen, erklärte Chempark-Chef Friedrich.

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Nach Explosion in Leverkusen: Warnung vor Giftwolke
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Nach der Explosion im Chempark Leverkusen wurden Anwohner aufgefordert, geschlossene Räume aufzusuchen sowie Fenster und Türen geschlossen zu halten.  © dpa

Wie gefährlich ist der Rauch für Anwohnerinnen und Anwohner rund um Leverkusen?

Das nordrhein-westfälische Landesumweltamt (LANUV) teilte am Mittwoch mit, man gehe „derzeit“ davon aus, dass über die freigesetzte Rauchwolke „Dioxin-, PCB- und Furanverbindungen“ in die umliegende Wohngebiete getragen worden seien. Das LANUV erklärte, nach seinen Informationen seien in den betroffenen Tanks unter anderem chlorierte Lösungsmittel gelagert worden. „Die besondere Problematik bei Stoffen, die Chlor beinhalten, ist, dass bei einem Verbrennungsprozess Chlorverbindungen zu Dioxin- oder PCB-Verbindungen werden können“, erläuterte ein Sprecher. „Wie hoch die Rückstände mit diesen Substanzen belastet sind, wird sich erst nach der Auswertung zeigen.“ Die Untersuchungen seien aufwendig – vor Ende der Woche sei nicht mit Ergebnissen zu rechnen.

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Grundsätzlich sei es so, dass Dioxine bei jedem Brandereignis in mehr oder weniger hohen Konzentrationen entstünden, so das Landesumweltamt. Verhaltensempfehlungen und Messungen hätten aktuell einen „starken präventiven Charakter“. „Dioxine werden überwiegend über Nahrungsmittel im Körper angereichert. Daher gehen unsere Empfehlungen immer zuerst in Richtung einer Verzehrempfehlung, also Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten erst einmal nicht zu verzehren.“

Entscheidend ist die Frage nach der Konzentration der Stoffe. „Dioxin-, PCB- und Furanverbindungen werden durchaus in Zusammenhang gebracht mit Missbildungen bei Neugeborenen von Tieren, weniger beim Menschen, als Umweltöstrogene oder auch krebserregende Substanzen beim Menschen“, sagte Daniel Dietrich, Leiter der Arbeitsgruppe Human- und Umwelttoxikologie an der Uni Konstanz. „Aber – und das ist das große Aber – nur in hohen Konzentrationen. Und die liegen nicht vor, wenn das entsprechende Gebiet im Laufe der Zeit gereinigt und dekontaminiert wird.“

Die Stoffe klebten an Oberflächen, sagte er. „Sie springen einen nicht an, man müsste sie schon aktiv in den Körper transportieren – etwa, wenn man sich nach der Arbeit im Garten die Hände abschleckt.“ Selbst wenn man von oben bis unten mit den Partikeln bedeckt wäre, könnte man diese ohne Gefahr mit Seife abwaschen. „Nach meiner Einschätzung besteht also keine akute Gefahr für die Bevölkerung, wenn sie sich an die Handlungsempfehlungen des Landesumweltamtes und der anderen involvierten Behörden hält“, sagte Dietrich.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, zu dessen Wahlkreis Leverkusen gehört, forderte „schnellstens Aufklärung“, wie viel Dioxin oder PCB freigesetzt worden sei. „Insbesondere Kinderspielzeug im Garten, Fahrräder und andere Dinge müssen gründlich abgewaschen werden“, appellierte er in der „Rheinischen Post“.

Was müssen Anwohnerinnen und Anwohner in und um Leverkusen beachten?

Da die endgültige Analyse der Stoffe noch aussteht, hält die Stadt Leverkusen ihre Empfehlungen an die Bürgerinnen und Bürger aufrecht. Der Ruß sollte nicht in die Wohnung getragen werden. Neben Obst und Gemüse seien in den betroffenen Arealen etwa auch Gartenmöbel oder Pools zu meiden. Wer dringend im Garten arbeiten müsse, sollte dabei vorsorglich Handschuhe tragen. Die Spielplätze in den – nahe am Explosionsort gelegenen – Stadtteilen Bürrig und Opladen blieben vorerst gesperrt. Bereits am Dienstag hatte die Kommune erklärt, Currenta werde „zeitnah die Straßen, Gehwege und Hauseingänge reinigen“.

Was ist über das Chemiewerks Chempark bekannt?

Der Chempark ist nach eigenen Angaben einer der größten Chemieparks Europas und hat in Deutschland drei Standorte: Leverkusen, Dormagen und Krefeld-Uerdingen. Dort sind insgesamt 70 Firmen aus den Bereichen Produktion, Forschung und Dienstleistung angesiedelt. Rund ein Drittel der nordrhein-westfälischen Chemieproduktion findet laut dem Betreiber des Chemparks, Currenta, in den Chemparks statt. In Leverkusen werden mehr als 5000 Chemikalien hergestellt.

Was ist eigentlich ein Entsorgungszentrum?

Das Entsorgungszentrum ist eine Müllverbrennungsanlage und laut Friedrich „der zentrale Entsorgungsbaustein des Chemparks“. In Anlage befinden sich eine Kläranlage, eine Deponie und die Sonderverbrennungsanlage. Im Entsorgungs- und Recyclingzentrum des Chempark, heißt es in einer Pressemitteilung, „werden chemisch belastete Sonderabfälle auf höchstem technischem Niveau verwertet“.

RND/msk/dpa

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