Beirut nach der Explosion: Die Angst vor dem Winter

  • Nach der Explosionskatastrophe in der libanesischen Hauptstadt klaffen Löcher in Wänden und Decken.
  • Zehntausende Häuser sind beschädigt, Tausende Wohnungen unbewohnbar.
  • Jetzt sinken die Temperaturen, der Regen kommt. Und überall fehlt es an Geld.
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Beirut. Wenn Ghassan Tubadschi auf seinem Sofa nach oben schaut, sieht er den Himmel. Nachts blinken Sterne durch das Loch in der Decke zwischen zerborstenen Metallstreben und zerbrochenen Ziegeln. Die verheerende Explosion im Hafen der libanesischen Hauptstadt Beirut hat dem 74-Jährigen vor einem Monat das Zuhause zerstört.

Jetzt stehen die Regenzeit und der Winter vor der Tür, und es zeichnet sich keine Lösung ab. Die ersparten Notgroschen steckte Tubadschi in die Reparatur der bei der Explosion zersplitterten Fenster. Für mehr hat es nicht gereicht. Zwar kam eine Gruppe freiwilliger Helfer vorbei - ein Zeichen der nachbarschaftlichen Solidarität inmitten des Versagens korrupter Politik -, um den Schaden zu begutachten. Die jungen Leute spannten Plastikfolien und versprachen kostenlose Glasscheiben. Wochen später aber hatte sich nichts getan.

200.000 Wohnungen sind beschädigt, 3000 dauerhaft unbewohnbar

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Er habe nicht länger warten können, sagt Tubadschi. Seine Herz- und Kreislaufprobleme sind schlimmer geworden, die drückende Schwüle und die pralle Sonne machten ihm immer mehr zu schaffen. “Unser Haus ist heiß wie die Hölle”, erklärt er.

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Nach Explosion in Beirut: Die Narben bleiben
2:39 min
Shady Rizk erlebte die Explosion aus unmittelbarer Nähe. Nun erzählt er von den bleibenden Schäden und von seiner Wut auf die Regierung.  © Reuters

Wie Tubadschi wissen viele Libanesen nicht, wie sie ihre Wohnungen und Häuser wieder richten sollen. In der schweren Wirtschaftskrise hatten unzählige Familien schon so zu kämpfen, um über die Runden zu kommen. Für Reparaturen ist nichts übrig.

Nach UN-Schätzungen wurden bei der Explosion am 4. August etwa 40.000 Gebäude oder rund 200.000 Wohneinheiten beschädigt. 3000 davon traf es so stark, dass sie unbewohnbar wurden. Im Hafen von Beirut waren fast 3000 Tonnen schlecht gelagerten Ammoniumnitrats in die Luft geflogen, die Detonation hinterließ Schäden im Umkreis mehrerer Kilometer. Mehr als 190 Menschen kamen ums Leben, Tausende wurden verletzt.

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Zehntausende Häuser müssen bis Oktober repariert werden - dann könnten Regen und Kälte einsetzen

Die Vereinten Nationen riefen zu Hilfen im Umfang von gut 344 Millionen Dollar (290 Millionen Euro) auf, die dem Libanon bis in den November hinein unterstützen sollen. Bislang gingen jedoch nur 16,3 Prozent der Summe ein. Allein für die Sicherung und Reparatur von Wohnraum seien zwar 84,5 Millionen Dollar (gut 71 Millionen Euro) zugesagt wurden, sagt Elena Dikomitis von der norwegischen Hilfsorganisation NRC. Aber nur 1,9 Millionen Dollar seien bisher ausgezahlt worden.

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"Die Kälte und der Regen könnten schon im Oktober einsetzen", mahnt Dikomitis. "Es ist klar, dass bis dahin Zehntausende Häuser nicht rechtzeitig repariert werden können. Das steht fest, trotz aller derzeitigen Bemühungen."

In Beirut seien ohnehin viele Menschen schon auf Hilfe im Winter angewiesen gewesen, erklärt Dikomitis. Darunter seien mehr als eine Million syrischer Flüchtlinge. Deren Schicksal drohe jetzt in Vergessenheit zu geraten. "Neben all jenen haben wir jetzt die ganzen neuen Obdachlosen in Beirut."

Beirut nach der Explosion: Die Währung verliert an Wert, die Preise steigen

Während die Wunden in den Häusern klaffen, wächst der Frust, auch bei jenen, die sonst relativ gut dastehen. "Nicht einmal mit einem Nagel wurde uns geholfen", beklagt Robert Hadsch, Inhaber eines Rollerladens, der von der Wucht der Explosion schwer beschädigt wurde. "Jeder Tag Verzögerung schwächt unsere Unternehmen", erklärt er. "Unser Geld steckt bei den Banken fest."

Bereits im Oktober könnten Kälte und Regen einsetzen - die Situation für Opfer ist prekär. © Quelle: Hassan Ammar/AP/dpa

Die Währung verliert an Wert, die Preise steigen. Bei jenen ohne Sicherheitsnetz, wie Ghassan Tubadschi, ist die Verzweiflung am größten. Er hat keine Rente, keine Kranken- und Sozialversicherung, so dass er und seine ebenfalls über siebzigjährige Frau eigentlich auf einen Job angewiesen sind. Doch auch den gibt es nicht mehr. Das Ersparte auf der Bank schrumpfte inmitten der Inflation zusammen. Und das Geld, das das Paar für den Notfall zuhause aufbewahrte, ging für die Fenster drauf.

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Libanon: Opfer der Explosion fühlen sich von Regierung im Stich gelassen

Wenn das Loch in der Decke nun nicht in den kommenden Wochen repariert wird, kommt der Regen durch. Oder noch schlimmer: Die Decke bricht weiter ein. Erst vor wenigen Tagen krachte ein Stein aus einem beschädigten Nachbarhaus auf das Dach und riss das Loch weiter auf.

Als die Explosion Beirut erschütterte, fiel Tubadschi zu Boden, Glassplitter bedeckten seinen Rücken. Auch der Libanon sei gestürzt, sagt Tubadschi. Das sei schon früher passiert, wegen Gewalt und Konflikten, und jedes Mal habe das Land es geschafft aufzustehen. “Und gute Menschen kamen zu Hilfe”, betont Tubadschi. Dieses Mal sei er sich da aber nicht so sicher: Die Politiker “haben das Land beraubt, und die Banken sind pleite”, sagt der Mann. “Wer würde da dem Land helfen wollen, wieder auf die Beine zu kommen?”

RND/AP

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