Ein Jahr nach der Hafenexplosion von Beirut: „Vielen Menschen geht es immer schlechter“

  • Vor einem Jahr kommt es im Hafen von Beirut zu einer schweren Detonation.
  • Mehr als 190 Menschen sterben, der Hafen und die umliegenden Wohngebiete werden teilweise zerstört.
  • Doch die Lage im Land hat sich laut der Hilfsorganisation Medair seither nicht gebessert – im Gegenteil.
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Es ist ein Jahr her, als es im Hafen von Beirut zu einer heftigen Explosion kommt. Dichter Rauch verteilt sich über die libanesische Hauptstadt, die Druckwelle der Detonation tötet mehr als 190 Menschen, Hunderttausende werden obdachlos. Nicht nur Teile des Hafens liegen danach in Schutt und Asche, auch umliegende Wohngebiete werden verwüstet. Seit diesem Tag im August 2020 hat sich die Lage im Land zugespitzt. „Es gibt immer noch Menschen, die vor Trümmern sitzen”, sagt der Geschäftsführer Internationale Programme der Hilfsorganisation Medair, Steffen Horstmeier, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Vielen Menschen geht es immer schlechter – sei es durch die Explosion, die ökonomische Krise, die schon vorher angefangen hat, oder den wirtschaftlichen Folgen des Corona-Lockdowns.”

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Beirut ein Jahr nach der Explosion: „Jeder Tag ist der 4. August“
2:32 min
Die verheerende Detonation im Hafen der libanesischen Hauptstadt jährt sich an diesem Mittwoch. Bei vielen Überlebenden macht sich Wut breit.  © Reuters

Viele Fragen bleiben offen

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Die Nichtregierungsorganisation Medair hat ein Büro im Außenbezirk von Beirut und hilft beim Wiederaufbau der Stadt mit. Steffen Horstmeier ist Leiter des Berliner Büros, war selbst in der vergangenen Woche vor Ort und hat sich ein Bild der Lage gemacht. „Viele Gebäude wurden wieder aufgebaut”, berichtet er. „Vor allem Fenster wurden durch die Druckwelle zerstört, diese ließen sich schnell wieder beheben. Einige Leute konnten es sich leisten, sich rasch wieder einzurichten, andere aber nicht.”

Steffen Horstmeier ist Geschäftsführer für den Bereich Internationale Programme und leitet das Medair-Büro Berlin. © Quelle: MEDAIR

Große Mengen von Ammoniumnitrat sollen an dem folgenschweren Tag detoniert sein. Doch viele Fragen sind bis heute unbeantwortet geblieben: Warum wurde diese hochexplosive Chemikalie jahrelang ungeschützt im Hafen gelagert? Wie hat sie sich entzündet? Die offiziellen Ermittlungen haben bisher keinerlei Ergebnisse an die Öffentlichkeit gebracht.

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Und der Hafen? Der ist immer noch teilweise kaputt. „Der Hafen funktioniert nicht mit voller Kapazität. Es gibt zwar Teile des Hafens, die wieder funktionieren, Container konnten beispielsweise schon nach kurzer Zeit abgefertigt werden”, so Horstmeier. „Doch der Abschnitt des Hafens mit dem Getreidesilo, in dem das Getreide des Landes gelagert wurde, ist immer noch zerstört. Da hat der Wiederaufbau nicht mal begonnen.” Einige wenige Lagerhäuser am Hafen seien wieder hergerichtet worden. „Andere stehen immer noch so da, als wäre die Explosion gestern gewesen”, fügt er hinzu.

Ein ähnliches Bild zeigt sich in den umliegenden Wohnvierteln. Luxuswohnungen mit kaputten Fensterfronten wurden laut Horstmeier in Stand gesetzt. „Dazwischen gibt es Häuser ärmerer Menschen, an denen wenig bis gar nichts gemacht wird.” Viele Menschen seien langfristig bei Familienmitgliedern untergekommen.

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Besonders dramatisch: Auch essenzielle Infrastruktur wurde durch die Detonation in Mitleidenschaft gezogen. „In der Gegend gibt es viele Krankenhäuser, die teilweise zerstört wurden. Manche wurden aufgebaut, andere nicht. Aktuell hilft Medair dabei, zwei Kliniken wieder aufzubauen.”

Eine politische Krise mit massiven Auswirkungen

Der Wiederaufbau geht wohl auch so schleppend voran, weil sich das Land in einer politischen Krise befindet. Nach der Explosion war das Kabinett zurückgetreten und führende Politikschaffende befinden sich seither in einem Machtkampf. Seit Monaten schaffen sie es nicht, eine neue Regierung zu bilden, die das nur noch geschäftsführende Kabinett ersetzen soll. Der Libanon ist zudem wegen der andauernden Finanzkrise wirtschaftlich geschwächt. Andere Länder möchten erst helfen, wenn die Regierung glaubwürdige Reformen beschließt.

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Der Kornspeichers am Hafen von Beirut wurde durch die Explosion zerstört. © Quelle: MEDAIR/Hiba Hajj Omar

All das hat massive Konsequenzen. So sind beispielsweise Baustoffe knapp oder zu teuer. „Baumaterial ist inzwischen wieder zu bekommen, doch das können sich nur wenige leisten”, sagt Horstmeier von Medair.

Außerdem komme es überall im Land zu Stromunterbrechungen. „Es gibt Regionen im Land, die tagelang keinen Strom haben. Auch in Beirut fällt der Strom immer häufiger aus.”

Die Stimmung in der Bevölkerung ist dementsprechend schlecht – der Frust ist groß. „Den Libanesen ist klar, dass sie durch eine schwere Krise gehen. Wegen der ökonomischen Situation verliert die Währung an Wert. Selbst Menschen mit guten Berufen können sich nicht mehr das Nötigste leisten”, berichtet er. „Viele leben von familiärer Hilfe aus dem Ausland. Das sorgt für Spannungen innerhalb der Familien ­– und der Gesellschaft.”

Mit Material von dpa

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