Erster Coronavirus-Fall in Deutschland bestätigt

  • Das Coronavirus hat sich bislang vor allem in China ausgebreitet. Dort gibt es schon jetzt Dutzende Todesopfer.
  • Auch in Europa sind Erkrankungen bekannt.
  • Nun gibt es einen ersten nachgewiesenen Fall in Deutschland.
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Starnberg. Erstmals ist in Deutschland eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus bestätigt worden. Ein Mann aus dem Landkreis Starnberg in Bayern habe sich mit dem Erreger infiziert, teilte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in München am späten Montagabend mit. Das Virus kann eine Lungenkrankheit auslösen, an der im Hauptverbreitungsland China bereits mehr als 100 Menschen gestorben sind – die meisten davon waren ältere Patienten mit schweren Vorerkrankungen.

Deutscher infizierte sich bei einem chinesischen Gast

Der Patient in Bayern befindet sich nach Angaben der Task Force Infektiologie des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) klinisch in einem guten Zustand, wie es in der Mitteilung hieß. „Er wird medizinisch überwacht und ist isoliert.“

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Aus Kreisen der Gesundheitsbehörden hieß es am Dienstag, dass sich der infizierte Deutsche bei einem chinesischen Gast seiner Firma angesteckt habe. Die Frau aus Shanghai sei zu einer Fortbildung bei der Firma Webasto im Landkreis Starnberg in Oberbayern gewesen. Sie habe vor ihrer Reise nach Deutschland Besuch von ihren Eltern gehabt, die aus der besonders betroffenen Region Wuhan stammen.

Webasto-Mitarbeiter fühlte sich krank, ging aber zur Arbeit

Am 23. Januar sei die Frau wieder zurückgeflogen und habe sich auf dem Heimweg krank gefühlt. Daraufhin sei sie in China behandelt und positiv auf das Coronavirus getestet worden. Am Montag wurde Webasto im Kreis Starnberg von der Niederlassung in China informiert.

Der betroffene Mitarbeiter aus Bayern habe sich am Wochenende „grippig“ gefühlt, war am Montag aber wieder zur Arbeit erschienen. Sein Unternehmen schickte ihn dann zum Arzt.

40 Kontaktpersonen des Infizierten werden befragt

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Der 33-jährige Infizierte liegt derzeit auf der Isolierstation im Münchner Klinikum Schwabing. „Es geht ihm recht gut“, erklärte der Präsident des LGL, Andreas Zapf, am Dienstag in München. Das bestätigte auch der behandelnde Chefarzt des Klinikums, Clemens Wendtner: „Er ist fieberfrei, hat auch derzeit keine Atemwegssymptomatik mehr.“ Eine Gefahr für Mitpatienten bestehe nicht.

Inzwischen laufen die Ermittlungen der Kontaktpersonen im privaten und beruflichen Bereich auf Hochtouren, sagte die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU). Derzeit würden 40 Kontaktpersonen in der Firma und der Familie überprüft, sagte der Leiter der Taskforce Infektiologie am Münchner Flughafen, Martin Hoch. Ihnen wird geraten, vorerst zu Hause zu bleiben. Auch die Frau aus Shanghai werde befragt.

Der Taskforce-Leiter bestätigte zudem, dass die Chinesin und der deutsche Mitarbeiter im Rahmen der Schulung in einer kleinen Gruppe zusammengearbeitet hätten. Noch ist völlig unklar, ob sich noch weitere Mitarbeiter des Automobilzulieferers mit dem Coronavirus infiziert haben.

Webasto hatte Dienstreisen nach China abgesagt

Auch der Automobilzulieferer Webasto hat inzwischen die Infektionen des deutschen Mitarbeiters und der Kollegin aus Shanghai mit dem Coronavirus bestätigt. Beide seien stationär in ärztlicher Behandlung und es gehe ihnen den Umständen entsprechend gut, erklärte Vorstandschef Holger Engelmann. Der Belegschaft in der Stockdorfer Zentrale hat das Management für diese Woche freigestellt, nicht ins Büro zu kommen, sondern zu Hause zu arbeiten. Schon zuvor hatte das Unternehmen sämtliche Dienstreisen nach China für die nächsten zwei Wochen abgesagt.

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Der Belegschaft in der Stockdorfer Zentrale hat Webasto für diese Woche freigestellt, nicht ins Büro zu kommen, sondern zu Hause zu arbeiten. © Quelle: Peter Kneffel/dpa

Webasto stellt hauptsächlich Autodächer und Standheizungen her und hat in China mehr als zehn Standorte. Die größte Fabrik befindet sich in der Millionenmetropole Wuhan, in der die neuartige Lungenkrankheit zuerst ausgebrochen war.

Risiko in Bayern wird trotzdem als gering eingeschätzt

Das bayerische Gesundheitsministerium und das LGL wollen die Öffentlichkeit am Dienstagvormittag bei einer Pressekonferenz informieren. „Dann besteht die Möglichkeit für Fragen der Medien“, hieß es weiter.

Der Ministeriumssprecher betonte: „Das Risiko für die Bevölkerung in Bayern, sich mit dem neuartigen Coronavirus zu infizieren, wird von der Task Force Infektiologie des LGL und vom Robert-Koch-Institut (RKI) derzeit als gering erachtet.“ Menschen, die engen Kontakt mit dem Patienten hatten, würden ausführlich aufgeklärt und über mögliche Symptome, Hygienemaßnahmen und Übertragungswege informiert.

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Zuvor drei Coronavirus-Infektionen in Europa nachgewiesen

In Europa waren zuvor drei Infektionen mit dem neuartigen Virus nachgewiesen worden. Alle drei betrafen Menschen in Frankreich, die zuvor in China gewesen waren.

Die Gesamtzahl der weltweit bekannten Erkrankungen ist auf über 4500 gestiegen, nachdem das chinesische Staatsfernsehen am Dienstag einen Sprung um mehr als 1700 Fälle im Vergleich zum Vortag meldete. Allein in der besonders schwer betroffenen Provinz Hubei habe es auch 24 weitere Todesopfer gegeben, sodass landesweit mindestens 106 Menschen an der Lungenkrankheit gestorben seien.

Coronavirus stammt von Markt in Wuhan

Das neue Virus 2019-nCoV stammt ursprünglich vermutlich von einem Markt in der chinesischen Millionenstadt Wuhan, wo es wohl von dort gehandelten Wildtieren auf den Menschen übersprang. Eine schützende Impfung oder eine spezielle Therapie zur Behandlung der Erkrankung gibt es nicht. Die Symptome – darunter trockener Husten, Fieber und Atemnot – können aber mit Medikamenten abgemildert werden.

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Schnell erklärt: Das Coronavirus
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In China breitet sich die von einem bislang unbekannten Virus verursachte Lungenkrankheit weiter aus, und die Suche nach einem Heilmittel läuft.  © AFP

Nach derzeitiger Einschätzung von Experten verläuft die neuartige Lungenkrankheit offenbar in den meisten Fällen mild, möglicherweise sogar ohne Symptome. Von den in China registrierten Todesfällen gehen die meisten nach bisherigen Erkenntnissen auf ältere und ohnehin schon stark geschwächte Patienten zurück.

Coronavirus-Erreger ist Virus hinter der Sars-Epidemie 2002/2003 ähnlich

Der neue Erreger ist dem Virus hinter der Sars-Epidemie 2002/2003 sehr ähnlich. Damals hatte es nach Daten der Weltgesundheitsorganisation zwischen November 2002 und Juli 2003 neun Nachweise in Deutschland gegeben. Todesfälle gab es hier nicht.

China hat im Kampf gegen eine weitere Ausbreitung drastische Maßnahmen ergriffen: In Hubei wurden mehr als 45 Millionen Menschen weitgehend von der Außenwelt abgeschottet. Fern- und Nahverkehr wurden gestoppt.

Ausreisewillige Deutsche können aus China ausgeflogen werden

Wegen der Lungenkrankheit wollen immer mehr Länder ihre Staatsangehörigen aus den besonders betroffenen Regionen zurückholen, so etwa Großbritannien und Belgien, Japan, Frankreich und die USA. Auch die Bundesregierung erwägt, ausreisewillige Deutsche aus China auszufliegen. Eine mögliche Evakuierung werde in Betracht gezogen, sagte Außenminister Heiko Maas (SPD) am Montag, bevor der bestätigte Fall aus Bayern bekannt wurde.

Bislang hatte es in Deutschland lediglich Verdachtsfälle gegeben. Einige Bundesländer haben ergänzende Sicherheitsvorkehrungen getroffen, beispielsweise an Flughäfen. Pandemie- und Umgangspläne sorgten für Klarheit, was im Fall der Fälle an den Flughäfen und an den Kliniken zu tun sei, erklärte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

RND/dpa

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