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Erste deutsche Frau soll zur ISS: „Auswahlkriterien sind von Männern gemacht“

Ins All hat es noch keine Deutsche geschafft. „Ein Unding“, meint Claudia Kessler. Die Luft- und Raumfahrtingenieurin hat vor vier Jahren die Stiftung Erste deutsche Astronautin ins Leben gerufen, mit dem Ziel, eine Deutsche zur Internationalen Raumstation zu schicken. Doch der Plan bleibt schwierig, erzählt sie im Interview.

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Rund 500 Menschen waren schon im All – davon 64 Frauen, darunter keine Deutsche. „Ein Unding”, meint Claudia Kessler (55). Die Luft- und Raumfahrtingenieurin und Unternehmerin hat 2016 die Stiftung Erste deutsche Astronautin ins Leben gerufen, mit dem Ziel, eine Deutsche zur Internationalen Raumstation (ISS) zu schicken, um dort zu forschen. Von 400 Bewerberinnen haben sich zwei durchsetzen können: die Meteorologin Insa Thiele-Eich (37) und die Astrophysikerin Suzanna Randall (41). Schon in diesem Jahr sollte eine von ihnen starten, jetzt wird das Jahr 2021 für einen Flug angepeilt. Doch bis ins All ist es noch ein weiter Weg.

Frau Kessler, wie hat die Corona-Epidemie die Pläne der Initiative durcheinandergebracht?

Sie hat sie auf jeden Fall verlangsamt. Trotzdem konnten die Astronautinnen im Sommer Tests in der Zentrifuge und in den Druckkammern machen und so die Beschleunigung beim Raketenstart erfahren. Außerdem gingen die Vorlesungen an der der TU Braunschweig für sie weiter.

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Gibt es einen Zeitplan?

Wir haben eine Flugreservierung – nicht zu verwechseln mit einer Buchung – für den Herbst 2021 oder Anfang 2022.

Der Flug zur ISS kostet 50 Millionen Euro, die Sie mit Spenden, Crowdfunding sowie mit Fördergeldern finanzieren wollen. Wie sieht die Finanzlage derzeit aus?

Es ist in der Corona-Krise äußerst schwierig, an Gelder und Sponsoren zu kommen. Ich rufe jetzt nicht bei Ministerien an, denn die Prioritäten liegen derzeit ganz klar an anderer Stelle.

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Wenn der Flug wieder verschoben wird, wie wirkt sich das auf die Motivation der Astronautinnen aus?

Gar nicht. Geduld zu haben gehört zum Berufsbild. Das zu lernen ist ein Teil der Ausbildung. Der Vater von Insa Thiele-Eich musste sogar 13 Jahre lang warten, bevor er im Jahr 2000 ins All fliegen konnte.

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Warum hat es bislang noch keine Frau aus Deutschland ins All geschafft?

Oft heißt es, dass sich bei den Ausschreibungen keine Frau durchgesetzt habe. Das liegt aber an den Auswahlkriterien. Die sind von Männern gemacht, die Gremien sind von Männer besetzt, es gibt keine gendergerechte Sprache, wir reden immer noch von der bemannten Raumfahrt. Das alles macht Frauen wenig Lust, sich zu bewerben. In einer Branche, bei der das Verhältnis von Ingenieuren zu Ingenieurinnen bei neun zu eins liegt, gibt es natürlich immer noch die sogenannte gläserne Decke, an die Frauen oft stoßen. Da sind wir noch nicht viel weiter gekommen.

Insa Thiele-Eich würde gerne als erste deutsche Frau zur ISS fliegen.

Und wie ist es in anderen Ländern?

Bei der Nasa in den USA arbeiten 50 Prozent Frauen. Das wurde durch eine groß angelegte Werbekampagne geschafft.

Auch für Suzanna Randall könnte es 2021 zur ISS gehen. © Quelle: Marius Becker/dpa
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Also nicht durch eine Frauenquote, die hierzulande immer wieder diskutiert wird. Wie stehen Sie dazu?

Ich bin schon seit Jahren für eine Quote. Schauen Sie sich doch in den Chefetagen oder Aufsichtsräten um – ohne die Quote wird sich dort nie etwas ändern.

Sie haben eine Tochter, um die sich ihr Mann – auch ein Ingenieur – zu Beginn ihrer Karriere überwiegend gekümmert hat. Würden Sie jungen Frauen raten, eine solche Arbeitsteilung frühzeitig anzusprechen?

Ja, unbedingt. Persönliche Karrierepläne sind schon bei der Partnerwahl wichtig. Auf jeden Fall sollte das Thema vor dem ersten Kind angesprochen werden.

Die US-Astronautinnen Christina Koch und Jessica Meir reparieren bei einem historischen Außeneinsatz Ende Oktober einen kaputten Stromregler. Ein Routineeinsatz im Weltall. Doch die Besatzung der ISS sorgt am 18.10.2019 für besondere Schlagzeilen: Es ist das erste Mal, dass zwei Frauen gemeinsam für einen Außeneinsatz im Weltall eingeteilt sind. © Quelle: NASA/dpa

Warum sind Frauen im All so wichtig?

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Zunächst einmal ist es immer angenehmer, wenn eine Frau mit im Team ist, Vielfalt ist immer gut. Außerdem sehen sie – und das meine ich wertfrei – manchmal andere Sachen als Männer. Hinzu kommt, dass ein weiblicher Körper in der Schwerelosigkeit anders funktioniert als ein männlicher. Das ist wichtig für die Experimente und die Forschung, die auf der Weltraumstation betrieben wird.

Was hätte eine erste deutsche Astronautin für eine Wirkung?

Das würde das Selbstbewusstsein von Frauen und Mädchen in Deutschland ungemein stärken. Ich kann mich erinnern, welchen Stolz ich gefühlt habe, als hier in Bremen eine Frau Präses der Handelskammer wurde. So etwas strahlt eine unglaubliche Stärke aus. Leider wird immer noch den Mädchen erzählt, Mathe sei nichts für sie.

Wenn es losgeht, wer von den beiden Frauen darf dann zur ISS?

Das wird in einem erneuten Auswahlverfahren unter der Leitung von Prof. Ulrich Walther von der TU München entschieden.

Herrscht da nicht ein enormer Konkurrenzkampf zwischen den Bewerberinnen?

Konkurrenz können wir uns nicht leisten. Im Übrigen müssen beide alle Tests und Vorbereitungen bis zum Schluss mitmachen. Das ist so üblich, auch bei den Männern. Schließlich kann sich kurz vor Start einer den Fuß verstauchen.

Glauben Sie immer noch an Ihren Kindheitstraum, selbst ins Weltall zu fliegen?

Ja, natürlich, und den gebe ich auch nicht auf. Doch erst einmal müssen wir die 50 Millionen für die jetzigen Astronautinnen zusammenbekommen.

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