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Verheerende Erdbebenserie zerstört Petrinja – und die Gefahr ist noch nicht vorbei

  • Viele Bewohner der kroatischen Stadt Petrinja stehen kurz vor dem Jahreswechsel vor dem Nichts.
  • Heftige Erdbeben erschüttern seit Montag die Stadt und die umliegende Region – mindestens sieben Menschen sterben.
  • Ein Seismologe erklärt gegenüber dem RND, warum den Bewohnern von Petrinja noch weitere Tage des Schreckens bevorstehen könnten.
1:19 min
Mit schwerem Gerät räumen die Einsatzkräfte Trümmer und Schutt von den Straßen in Petrinja. Ein Erdbeben der Stärke 6,4 hat mehrere Häuser in der kroatischen Stadt zerstört. Mindestens sieben Menschen sind dabei ums Leben gekommen, mehr als 20 wurden verletzt. In der Nacht suchten Rettungskräfte weiter nach Verschütteten. Viele Menschen mussten in Sicherheit gebracht werden, Bewohner von Pflegeheimen und Krebspatienten wurden per Hubschrauber zur Versorgung in die Hauptstadt Zagreb geflogen.  © Reuters
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Petrinja. Es ist ein Bild der Zerstörung, das sich in der kroatischen Kleinstadt Petrinja, rund 45 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Zagreb, bietet. „Meine Stadt ist völlig zerstört. Es ist unbeschreiblich. Hier ist es wie in Hiroshima“, sagte der Bürgermeister Darinko Dumbovic dem kroatischen TV-Sender HRT am Dienstag – unwissend, dass die Zerstörung am nächsten Tag weitergeht.

Seit Montag erschüttert eine Erdbebenserie Petrinja. Häuser und Existenzen wurden in der Stadt und der Region zerstört, mindestens sieben Menschen getötet – darunter ein zwölfjähriges Mädchen. Etliche weitere Personen wurden beim Beben der Stärke 6,4 am Dienstag verletzt. Es folgten zahlreiche kleine Nachbeben und auch am Mittwoch gab es erneut starke Erschütterungen.

Ein Video aus der 25.000-Einwohner-Stadt geht derzeit um die Welt. Während sich Bürgermeister Dumbovic am Dienstag gegenüber der Presse äußerte, bebte die Erde erneut.

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Erdbeben weit über Landesgrenzen zu spüren

Zwei schwere Erdstöße hatten zunächst am Montagmorgen die Region südlich von Zagreb erschüttert. Das Epizentrum lag nahe Petrinja. Das European-Mediterranean Seismological Centre (EMSC) gab die Stärken mit 5,2 und 5,0 an. Es entstand hoher Sachschaden, Verletzte soll es zu diesem Zeitpunkt noch nicht gegeben haben.

Das änderte sich am Dienstag, als das Beben der Stärke 6,4 das Zentrum von Petrinja und auch Teile der Kreishauptstadt Sisak (48.000 Einwohner) verwüstete. Aus Petrinja berichtete ein Reporter der Tageszeitung „Jutarnji List“ von dramatischen Szenen. Sirenen von Feuerwehr- und Ambulanzwagen hallten durch die Stadt, Rettungsmannschaften suchten unter Trümmern nach Verschütteten. Das Mädchen und mindestens sechs weitere Menschen kamen ums Leben. Auch in der Hauptstadt Zagreb gab es beträchtliche Sachschäden. Die heftigen Erschütterungen waren aber noch weit über die Landesgrenzen hinaus in Österreich, Ungarn, Italien, Slowenien, Bosnien-Herzegowina, Tschechien, in der Slowakei und sogar in Bayern zu spüren.

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Auch am Mittwoch riss die Erdbebenserie nicht ab. Am frühen Morgen erschütterten gleich zwei Erdstöße die Region erneut. Das EMSC gab die Stärken mit 4,8 und 4,6 an. „Was noch nicht von den Ruinen der Stadt heruntergefallen ist, ist jetzt heruntergefallen“, sagte Petrinjas Bürgermeister Dumbovic im staatlichen Fernsehen.

Menschen durchsuchen die Trümmer von eingestürzten Häusern. Nach dem verheerenden Erdbeben am Dienstag in Kroatien haben zwei weitere Erdstöße das Gebiet um die Kleinstädte Sisak und Petrinja am Mittwoch erschüttert. © Quelle: --/AP/dpa
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AKW abgeschaltet, Menschen schlafen in Autos

Das Nachbarland Slowenien reagierte am Dienstag auf die Erdbebenserie und schaltete das Atomkraftwerk Krsko ab, meldete die Nachrichtenagentur STA. Es liegt unmittelbar an der Grenze zu Kroatien. Eine Abschaltung sei in solchen Situationen ein Standardvorgehen, hieß es. In der südungarischen Stadt Pecs (Fünfkirchen) war der Erdstoß von Dienstag so stark zu spüren, dass die Behörden ein Großkaufhaus räumen ließen, berichtete das lokale Portal „bama.hu“.

Aus Angst vor weiteren Erdstößen zogen sich Bewohner Petrinjas während und nach den Beben in den kleinen Stadtpark zurück. Viele Menschen trauten sich nicht in ihre Häuser zurück und verbrachten die Nacht zu Mittwoch im Freien oder in ihren Autos, berichteten kroatische Medien. „Es war eine harte Nacht“, sagte Neven Pavkovic aus Petrinja der Nachrichtenagentur AP. „Ich habe vielleicht eine halbe Stunde geschlafen.“

In der nahen Ortschaft Majske Poljane, wo fünf der sieben Menschen ums Leben gekommen waren, war die Verzweiflung am Mittwoch groß. Weinende Bewohner sagten, sie hätten Decken und Essen bekommen, aber keine Ahnung, was sie als Nächstes tun sollten. Kroatische Seismologen rechnen mit weiteren Beben.

Experte: „Kann noch ein oder zwei Wochen Nachbeben geben“

Doch warum ist die Region rund um die kroatische Kleinstadt derzeit so schwer betroffen? Dr. Joachim Wassermann, Leiter der Abteilung Seismologie des Geophysikalischen Observatoriums in Fürstenfeldbruck in Bayern, erklärt auf Nachfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND), dass Beben in dieser Region nicht ungewöhnlich seien. „Dort treffen die eurasische und die afrikanische Platte aufeinander, Letztere schiebt sich unter die eurasische Platte“, erklärt Wassermann. Wenn dies ruckartig geschehe, entstünden Erdbeben.

Wie viele Erschütterungen die Region noch ertragen muss, lasse sich nur schwer voraussagen. Der Experte geht im aktuellen Fall von einer klassischen „Vorbeben-Hauptbeben-Nachbeben“-Situation aus. „Wenn das Beben am Dienstag das Hauptbeben war, wovon bei einer Stärke von 6,2 zunächst auszugehen ist, kann es noch ein oder zwei Wochen lang weitere Nachbeben geben. Es ist auch nicht auszuschließen, dass diese von der Stärke nah an das Hauptbeben herankommen, wie am Mittwoch geschehen. Das ist dann besonders schlimm, weil die Infrastruktur sowieso schon zerstört ist. Aber auch die Nachbeben klingen langsam ab“, sagt Wassermann. Entwarnung gebe es aber noch lange nicht.

Erdbebenmeldungen gab es am Dienstag auch in Bayern. Aufgrund der großen Entfernung zum Epizentrum seien die Erdstöße aber nur leicht zu spüren gewesen: „Besonders Hochhäuser sind bei Erdbeben anfällig. Da fühlen sich entfernte Stöße eher wie Schwankungen an, die das menschliche Gleichgewichtsorgan aber schnell registriert.“ Aus Hochhäusern seien am Dienstag auch die meisten Meldungen beim Bayerischen Erdbebendienst eingegangen, erklärt der Seismologe.

Die Erdbebenserie in Kroatien hat ganze Straßenzüge in der Stadt Petrinja zerstört. © Quelle: imago images/Pixsell
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In den vergangenen Jahrzehnten hat die Balkanregion immer wieder Erdbebenkatastrophen erlebt. Im Juli 1963 zerstörte ein Beben das Zentrum von Skopje, der Hauptstadt der damaligen jugoslawischen Teilrepublik Mazedonien und des heutigen Nordmazedoniens. Mehr als 1000 Menschen starben. Im Oktober 1969 verwüstete ein Erdbeben die nordbosnische Stadt Banja Luka, nur 100 Kilometer vom Epizentrum des jüngsten Bebens in Kroatien entfernt: 15 Menschen starben. Im März 1977 suchte ein Beben der Stärke 7,5 die rumänische Hauptstadt Bukarest heim – es gab 1600 Todesopfer. Das Erdbeben am Dienstag war das heftigste in Kroatien seit der Einführung moderner seismischer Messungen.

EU-Kommissionschefin sagt Hilfe zu

Nach dem schweren Beben am Dienstag sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen umgehend Hilfe zu. „Wir sind bereit zu unterstützen“, schrieb sie nach einem Gespräch mit Kroatiens Ministerpräsident Andrej Plenkovic auf Twitter.

Sie habe den für humanitäre Hilfe zuständigen EU-Kommissar Janez Lenarcic gebeten, so bald wie möglich ins Erdbebengebiet zu reisen. „Wir stehen an der Seite Kroatiens“, betonte von der Leyen.

Ministerpräsident Plenkovic erklärte den kommenden Samstag zum Tag der Staatstrauer. Ein wegen der Corona-Pandemie verhängtes Reiseverbot wurde aufgehoben, aber Plenkovic mahnte dazu, die anderen Maßnahmen einzuhalten: „Wir kämpfen nach wie vor gegen Covid-19, es wäre nicht gut, jetzt nachlässig zu werden.“ Auch Papst Franziskus betete für die Opfer und ihre Familien.

RND/nis mit dpa und AP

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