Tausende Tote in der Türkei und Syrien

„Die letzte Chance einer Warnung“: Wissenschaftler erwartet schweres Beben in Istanbul

Rettungskräfte suchen im türkischen Diyarbakir nach Überlebenden.

Rettungskräfte suchen im türkischen Diyarbakir nach Überlebenden.

Ganze Wohnblocks, von denen nur Schutthaufen übrig sind, Retterinnen und Retter, die in den Trümmern verzweifelt nach Verschütteten suchen – die Bilder von der Erdbebenkatastrophe in der Südosttürkei gehen auch den Menschen im 1100 Kilometer entfernten Istanbul unter die Haut. Unter den Erwachsenen wecken sie böse Erinnerungen an den 17. August 1999. Damals erschütterte ein Erdbeben der Stärke 7,6 die westtürkische Industriestadt Izmit. Über 17.000 Menschen kamen ums Leben. Das Beben, dessen Epizentrum 80 Kilometer von Istanbul entfernt war, brachte auch in der Bosporusmetropole Hunderte Gebäude zum Einsturz. 981 Menschen starben.

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Wieder und wieder werden die Menschen in der Türkei daran erinnert, dass ihr Land in einer der seismisch aktivsten Weltgegenden liegt. Besonders häufig trifft es die Ostprovinzen. Dort reiben sich an der Ostanatolischen Verwerfung die Arabische Kontinentalplatte und die Anatolische Platte.

Auch im Westen der Türkei droht Gefahr

Aber Gefahr droht auch im Westen. Hier stößt die Anatolische an die Eurasische Platte. Und die Folgen eines schweren Erdbebens könnten dort noch weitaus gravierender sein als jetzt bei der Bebenserie im Südosten. Der Großraum um die 16-Millionen-Megacity Istanbul ist nicht nur die am dichtesten besiedelte Region der Türkei. Hier wird auch mehr als ein Drittel des türkischen Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet.

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Seit Jahrzehnten warnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor einem drohenden schweren Erdbeben in der Bosporusmetropole. In jüngster Zeit mehren sich die Vorzeichen. Aufgeschreckt hat die Fachleute vor allem ein Beben, das sich am 23. November 2022 bei Düzce ereignete, 200 Kilometer östlich von Istanbul. Das Beben von Düzce sei „eine furchtbar schlechte Nachricht“, sagt der Geologe Celal Sengör. Der 67-Jährige ist einer der bekanntesten türkischen Geologen und lehrte bis zu seiner Emeritierung als Professor an der Technischen Universität Istanbul (ITÜ). Auch international genießt Sengör in Fachkreisen großes Ansehen. Er ist unter anderem Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Ehrendoktor der Universität Neuchâtel.

Geologe: „Ich warne Istanbul!“

Umso beunruhigender ist, was er dem Sender Habertürk sagte: „Ich warne Istanbul!“ Sengör sieht in dem Beben von Düzce den Vorboten eines weitaus heftigeren Erdstoßes, der die Stadt am Bosporus treffen könnte. Dies sei „vielleicht die letzte Chance einer Warnung“, sagte Sengör. Dem Habertürk-Moderator Fatih Altayli, der ihn interviewte, empfahl er: „Ziehen Sie weg aus dem Zentrum Istanbuls!“

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Das Beben bei Düzce ereignete sich an der nordanatolischen Verwerfung und hatte eine Magnitude von 5,9 auf der Richterskala. Dem ersten Erdstoß folgten über 100 schwächere Nachbeben. Erdbeben sind in der Türkei buchstäblich ein alltägliches Phänomen. Jeden Tag werden etwa 30 Erdstöße registriert.

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Die meisten sind nur für empfindliche Messgeräte wahrnehmbar. Aber das Beben von Düzce war für die Geologinnen und Geologen eine große Überraschung. Schon vor 23 Jahren, am 12. November 1999, wurde Düzce von einem schweren Erdstoß heimgesucht. Damals starben hier 845 Menschen. Die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler glaubten, dass die Spannung im Gestein mit diesem Beben für lange Zeit abgebaut sei. Aber das neuerliche Beben zeige, dass „nicht alle Geologen die Bewegung der Nordanatolischen Verwerfung voll verstehen“, sagt Sengör. Auch der Geologe Serif Baris bestätigt: „Dies war eine Überraschung, die wir nicht erwartet haben.“

Geologen rechnen für Istanbul mit Beben der Stärke 7,1 bis 7,7

Geologen rechnen für den Großraum Istanbul mit einem Beben der Stärke 7,1 bis 7,7. Es kann sich in zehn oder 20 Jahren ereignen – oder schon morgen. Sicher ist: Die Katastrophe wird kommen. Seit dem Beben von Düzce glaubt Professor Sengör: „Das Istanbul-Beben ist ziemlich nahe.“

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Ein Abschnitt der Nordanatolischen Verwerfung bereitet den Forschenden besondere Sorge: die Kumburgaz-Bruchzone, die zwischen den Istanbuler Küstenorten Silivri und Avcilar unter dem Marmarameer verläuft. In diesem Abschnitt hat sich seit Langem kein Beben mehr ereignet – ein Indiz dafür, dass sich die beiden Krustenplatten ineinander verhakt haben. Hier erwarten die meisten Expertinnen und Experten das bevorstehende Beben.

Megabeben könnte verheerende Folgen haben

Es könnte verheerende Folgen haben. Nach einer Studie der Stiftung für urbane Transformation (Kentsev) werden bei einem starken Beben 491.000 der 1,2 Millionen Gebäude in Istanbul betroffen sein. Etwa 13.000 Bauten könnten völlig einstürzen, weitere 39.000 schwere Schäden davontragen und unbewohnbar werden. Wie viele Todesopfer ein solches Beben fordern wird, hängt wesentlich von der Tageszeit ab, zu der es sich ereignet. Schätzungen sprechen von 40.000 bis 100.000 Toten. Hunderttausende Familien könnten obdachlos werden.

Nach dem Beben von Izmit 1999 wurden zwar neue Notfallpläne ausgearbeitet. So wiesen die Behörden in Istanbul Flächen aus, auf denen im Katastrophenfall Sammelstellen für Rettungsgerät und Hilfsgüter eingerichtet sowie Zeltstädte für Obdachlose gebaut werden sollen. Aber Istanbuls Oberbürgermeister Ekrem Imamoglu von der Oppositionspartei CHP wirft der Regierung von Staatschef Recep Tayyip Erdogan vor, sie habe viele dieser Grundstücke in den vergangenen Jahren zur Bebauung freigegeben.

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Izmit-Beben von 1999 ließ türkische Wirtschaftsleistung schrumpfen

Das Izmit-Beben von 1999 richtete nach Berechnungen von Ökonomen volkswirtschaftliche Schäden von umgerechnet 11 Milliarden Euro an und ließ die türkische Wirtschaftsleistung um 3,4 Prozent schrumpfen. Die Katastrophe hatte auch massive politische Konsequenzen: Sie offenbarte die grassierende Korruption bei den Bauämtern, kriminelle Praktiken vieler Ingenieure und Bauunternehmer sowie schwere Versäumnisse beim Katastrophenschutz. Damit erschütterte das Beben auch das Vertrauen vieler Menschen in die politischen Parteien.

Diesmal könnten die wirtschaftlichen und politischen Folgen einer neuen Erdbebenkatastrophe weitaus gravierender sein. Eine Studie des Kandilli-Forschungsinstituts für Erdbeben beziffert die zu erwartenden Schäden auf 20 Milliarden Euro. Andere Schätzungen gehen in eine Größenordnung von 50 Milliarden. Das wären 6 Prozent der letztjährigen Wirtschaftsleistung.

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