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Erdbeben in der Ägäis: Die Angst vor der großen Katastrophe am Bosporus

  • Das Ägäisbeben vom vergangenen Freitag weckt die Furcht vor einer Katastrophe in Istanbul.
  • Experten sind sich sicher, dass es dort in den kommenden Jahren ein schweres Erdbeben geben wird, das bis zu 100.000 Menschen töten könnte.
  • Die Stadt ist darauf nicht vorbereitet.
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Istanbul. Das Erdbeben, das am Freitag die östliche Ägäis erschütterte und vor allem in der türkischen Küstenstadt Izmir große Schäden anrichtete, war ein Weckruf. Als Nächstes könnte es die Bosporus­metropole Istanbul treffen. Die 16-Millionen-Einwohner-Stadt ist akut erdbeben­gefährdet – aber schlecht auf die drohende Katastrophe vorbereitet.

Unermüdlich suchen die Retter in der westtürkischen Millionenstadt Izmir nach Überlebenden unter den Trümmern eingestürzter Wohnblocks. Eines der Gebäude war vor laufender Kamera wie ein Kartenhaus in sich zusammen­gebrochen. Stümperhafte Statik, schlampige Ausführung, korrupte Beamte in den Bauämtern – wieder zeigten sich in Izmir die tödlichen Folgen dieser tief verwurzelten Übel.

Türkei hat immer wieder mit Erdbeben zu kämpfen

Die Türkei ist eines der am häufigsten von Erdbeben heimgesuchten Länder der Erde. Zwei Drittel Kleinasiens werden von aktiven Bruchzonen durchzogen. Als besonders gefährdet gilt Istanbul. Dort wächst die Angst vor einer verheerenden Erdbeben­katastrophe. Sie könnte Zehntausende Menschen in den Tod reißen. Denn die Megacity am Bosporus ist nur unzureichend auf möglicherweise bevorstehende Beben vorbereitet.

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Erdbeben in Izmir: Bergungsarbeiten dauern an
0:58 min
Im Ägäischen Meer gab es am Freitag ein schweres Erdbeben, das die türkische Westküste und die griechische Insel Samos erschütterte.  © Reuters

Die Türkei liegt im Spannungsfeld tektonischer Platten. Hier treffen die Kontinental­blöcke Afrikas, Arabiens und Eurasiens aufeinander. Die seismisch aktivsten Gebiete liegen entlang der nordanatolischen Verwerfung. Sie verläuft über etwa 1200 Kilometer vom Iran durch die Nordtürkei und das Marmarameer bis in die Ägäis. Hier bewegen sich zwei Blöcke der Erdkruste gegenläufig aneinander vorbei. Wenn sie sich ineinander verhaken, baut sich Spannung im Gestein auf. Ist dessen Bruchgrenze erreicht, entlädt sich die aufgestaute Energie ruckartig in einem Erdbeben.

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Erst vor 21 Jahren starben fast 19.000 Menschen bei einem verheerenden Erdbeben

Genau das passierte am 17. August 1999. Damals brachte ein Erdbeben der Stärke 7,4 bei der Industriestadt Izmit mehr als 15.000 Gebäude zum Einsturz. Fast 19.000 Menschen starben, 120.000 Familien wurden obdachlos. Auch im mehr als 100 Kilometer entfernten Istanbul richtete das Beben Schäden an, etwa 200 Menschen kamen dort ums Leben. Aber die Politiker haben wenig daraus gelernt. 21 Jahre nach der Katastrophe warnte kürzlich der Vorsitzende der Istanbuler Bauingenieurs­kammer, Nusret Suna, der Baubestand in Istanbul sei immer noch „in einem katastrophalen Zustand“. Bei einem Beben sei „das Leben Hundert­tausender Bürger bedroht“.

Im Laufe der Jahrhunderte hat die nordanatolische Bruchzone immer wieder verheerende Beben ausgelöst. Ein Abschnitt der Verwerfung bereitet den Forschern jetzt besondere Sorge: die Kumburgaz-Bruchzone, die zwischen den Istanbuler Küstenorten Silivri und Avcilar durch das Marmarameer verläuft. In diesem Abschnitt hat sich seit Langem kein Beben mehr ereignet – ein Indiz dafür, dass sich dort Spannungen im Gestein aufbauen. Hier erwarten Experten daher ein Beben. Im September vergangenen Jahres erschütterten bereits zwei mittelschwere Erdstöße die Region. Sie richteten nur leichte Gebäude­schäden an, aber Fachleute sehen darin die Vorboten einer großen Katastrophe. „Die Situation ist kritisch“, warnten seinerzeit führende Wissenschaftler um den Erdbebenexperten Prof. Celal Sengör.

Experten sind sich sicher: Die Katastrophe in Istanbul wird kommen – die Frage ist wann

Geologen rechnen mit einem Beben der Stärke 7,1 bis 7,7. Es kann sich in zehn Jahren ereignen – oder schon Morgen, sagen manche Experten. Andere Wissenschaftler sehen ein Zeitfenster bis 2040. Sicher ist: Die Katastrophe wird kommen. Aber trotz der beständigen Warnungen ist die Stadt bisher nur unzureichend vorbereitet. Eine im Auftrag der Stadtverwaltung 2017 erstellte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass von den 1,6 Millionen Gebäuden der Stadt rund 600.000 stark erdbeben­gefährdet sind. Wie viele Todesopfer ein schweres Beben in Istanbul fordern würde, ist strittig. Die Zahl hängt wesentlich von der Tageszeit ab, zu der es sich ereignet. Schätzungen beginnen bei 40.000 und gehen in eine Größenordnung von bis zu 100.000 Toten.

Nach dem Beben von 1999 wurden zwar neue Katastrophen­pläne ausgearbeitet. So wiesen die Behörden im ganzen Stadtgebiet Flächen aus, in denen im Katastrophen­fall Sammel­stellen für Hilfsgüter und Rettungsgerät eingerichtet sowie Zeltstädte für Obdachlose gebaut werden sollen. Istanbuls Oberbürger­meister Ekrem Imamoglu, der als Oppositions­kandidat die Kommunalwahl 2019 gewann, wirft der Regierung aber vor, sie habe in den vergangenen Jahren viele dieser Grundstücke zur Bebauung freigegeben.

Auf das schwere Erdbeben 1999 folgte die schwerste Finanzkrise der jüngeren Geschichte der Türkei

Auch die wirtschaftlichen Folgen könnten dramatisch sein. Im Großraum Istanbul konzentrieren sich 36 Prozent der Industrie­produktion des Landes. Hier werden 31 Prozent des Brutto­inlands­produkts (BIP) erwirtschaftet. Das Izmit-Beben von 1999 ließ das türkische BIP um 3,4 Prozent schrumpfen. Die Katastrophe legte die weit verbreitete Korruption bei den Bauämtern und schwere Versäumnisse beim Katastrophen­schutz offen. Das Beben leitete einen wirtschaftlichen Absturz der Türkei ein. 2001 rutschte das Land in die schwerste Finanzkrise seiner jüngeren Geschichte. Sie erschütterte das Vertrauen vieler Türken in die damals dominierenden politischen Parteien. Die Bürger bereiteten ihnen bei den Parlaments­wahlen von 2002 eine vernichtende Niederlage und brachten als neuen Hoffnungs­träger Recep Tayyip Erdogan an die Macht.

Seither regiert er die Türkei ununterbrochen. Aber ein großes Erdbeben in Istanbul könnte auch die Fundamente seiner Regierung erschüttern. Erdogan kämpft mit wachsenden Wirtschafts­problemen. Die Lira taumelt von einem Tief zum nächsten, das Land treibt in eine Währungskrise. Das Izmit-Beben des Jahres 1999 verursachte seinerzeit Schäden von rund 20 Milliarden Euro. Eine Bebenkatastrophe in der Bosporus­metropole hätte weitaus größere Folgen. Sie könnte die Türkei in die Staatspleite treiben – und Erdogan aus dem Amt.

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