Ein Kick für England: Wird ein EM-Sieg das gespaltene Land einen?

  • Brexit, Corona, Königshaus: Englands Gesellschaft ist gespalten wie selten.
  • Ausgerechnet ein Erfolg im Finale der Fußball-EM am Sonntag soll nun das Land einen.
  • Kann das gelingen?
Hendrik Buchheister
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Die Bilder, die aus England übermittelt wurden nach dem Einzug der heimischen Nationalmannschaft ins EM-Endspiel gegen Italien an diesem Sonntag – sie wirkten wie Sammlerstücke aus einer anderen, aus einer besseren Zeit. Zum einen lag das natürlich daran, dass es Bilder waren, die man seit Beginn der Corona-Pandemie nicht mehr gesehen hat. Mehr als 60.000 Fans berauschten sich im Wembley-Stadion am 2:1-Erfolg nach Verlängerung im Halbfinale gegen Dänemark.

Auf den zentralen Plätzen der englischen Großstädte feierten die Menschen dicht gedrängt und ohne Maske, in London kaperten einige von ihnen einen der roten Doppeldeckerbusse. Dass das Leben ein bisschen außer Kontrolle gerät, dass man das Chaos laufen lässt, das gab es nicht in den jüngsten fast anderthalb Jahren.

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Europameister gesucht: Das EM-Studio zum Finale mit Ballack und Rummenigge
9:50 min
England oder Italien – wer krönt sich am Sonntag zum Europameister? Das EM-Studio mit Michael Ballack und Michael Rummenigge stimmt auf das Finale ein.  © RND
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England: Ein gespaltenes Land

Zum anderen erinnerten diese Bilder aber auch deshalb an eine bessere Vergangenheit, weil es Bilder der Gemeinschaft, der Einigkeit, der kollektiven Freude über ein Ereignis von nationaler Bedeutung waren. Auch so etwas ist in England selten gewesen zuletzt.

England ist ein gespaltenes Land, ein Land, das sich im Konflikt mit sich selbst befindet, in einem „culture war“, wie es viele Kommentatoren formulieren.

Das knappe Brexit-Votum vor fünf Jahren mit einem zermürbenden Streit über die Legitimität des Referendums, über eine mögliche zweite Abstimmung und die Bedingungen des EU-Austritts sind davon ebenso Ausdruck wie der Umgang mit der Corona-Pandemie und die vergifteten Debatten zur eigenen Kolonialvergangenheit im Windschatten der Black-Lives-Matter-Bewegung. Und dann ist da natürlich noch das Königshaus. Hält man zu Meghan und Harry? Oder zum Rest der Royals? Selbst das wurde zur ideologischen Streitfrage.

Keine gemeinsame Sache – bis die EM kam

Es gibt seit einer Weile wenig, das die Menschen in England über die Konfliktlinien zusammenhält, keine gemeinsame Sache. Beziehungsweise: Es gab wenig. Plötzlich allerdings ist da etwas Großes.

Die Aussicht auf Erlösung von einem nationalen Trauma. Genau das ist es nämlich, dass England, das Mutterland des Fußballs, erst einmal ein Turnier gewinnen konnte, erst ein einziges Mal. Seit dem WM-Erfolg 1966 zählen die Engländer die titellosen „years of hurt“, wie es in der Fanhymne „Three Lions (Football’s Coming Home)“ heißt. Am Sonntag könnte das Zählen ein Ende haben, nach 55 Jahren. Dann nämlich, wenn England das EM-Finale gegen Italien gewinnt. Schauplatz ist wie 1966 das Wem­bley-Stadion. Aber es ist ein anderes Wembley-Stadion, ein modernes.

Die alte Version mit den rustikalen Sitzbänken und den beiden weißen Türmen wurde 2003 abgerissen, ein neues, monströses Wem­bley wurde gebaut und 2007 eröffnet – mit 90.000 Sitzplätzen und einem riesigen Henkel, der schon von Weitem zu sehen ist.

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Aufrichtig fröhliche Stimmung auf den Stadionrängen

Nationaltrainer Gareth Southgate, tragischer Fehlschütze im Elfmeterschießen beim EM-Aus 1996 im Halbfinale gegen Deutschland, hat in den vergangenen Tagen mehrfach darüber geredet, dass das neue Wembley noch nicht die Aura, den Mythos des alten Wembley habe, weil ihm die Erfolge, die Geschichte, die großen Momente fehlen würden.

Aktuell arbeitet seine Mannschaft daran, das neue Wembley genau damit zu füllen. Und sie arbeitet daran, eine zerrüttete Nation zu vereinen. Der 2:0-Sieg gegen Deutschland im Achtelfinale, vor allem aber das 2:1 im Halbfinale gegen Dänemark sind Spiele, die niemand je vergessen wird, dessen Herz an der englischen Nationalmannschaft hängt. Wegen der Geschehnisse auf dem Rasen und wegen der ausgelassenen, aufrichtig fröhlichen Stimmung auf den Rängen.

Nationaltrainer Southgate ist Patriot durch und durch

Southgate, mittlerweile 50 Jahre alt, ist ein emphatischer Typ, redegewandt, erstaunlich demütig für einen englischen Nationaltrainer. Doch das bedeutet nicht, dass er nicht durch und durch Patriot wäre. Im Gegenteil („könnte nicht stolzer darauf sein, Engländer zu sein“). Aber er versucht, einen positiven Patriotismus zu verbreiten. Keinen Brexit-Patriotismus, nicht die Art von Patriotismus, der sich in Gesängen einiger Fans über den Zweiten Weltkrieg oder in Pfiffen gegen gegnerische Nationalhymnen ausdrückt.

Vor der EM wurde ein Text in Southgates Namen auf dem Portal „The Players’ Tribune“ veröffentlicht, der ein Brief an sein Land war. Er handelte davon, wie jedes England-Spiel die Möglichkeit sei, lebenslange Erinnerungen zu schaffen, er handelte von Southgates Großvater, der im Zweiten Weltkrieg gedient hatte, und er handelte davon, dass Patriotismus für Southgate auch bedeute, seine Stimme zu erheben: „Ich war nie der Meinung, dass wir uns einfach nur um Fußball kümmern sollten. Ich habe eine Verpflichtung der Gemeinschaft gegenüber, meine Stimme zu erheben, und das haben die Spieler auch.“

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Eine politisierte Fußballgeneration

Die aktuelle Nationalspielergeneration ist vermutlich die am meisten politisierte, die England jemals hatte. Spieler wie Raheem Sterling, Marcus Rashford oder Jordan Henderson, um nur die bekannteren Beispiele zu nennen, setzen sich gegen Rassismus, Ausgrenzung und soziale Benachteiligung ein. Bei der EM schickt die Mannschaft ein Zeichen für mehr Gerechtigkeit in die Welt, bei jedem Spiel, kurz vor Anpfiff. Sie geht auf die Knie, nach dem Vorbild von Footballer Colin Kaepernick. „Taking the knee“, wie die Geste genannt wird, hat zum Start des Turniers die Risse in der englischen Gesellschaft sichtbar gemacht. Beziehungsweise: hörbar. Teile des Publikums im Wembley-Stadion buhten die Spieler für ihre Aktion aus. Seit dem Spiel gegen Deutschland im Achtelfinale, spätestens aber beim Halbfinale gegen Dänemark, übertönte der donnernde Applaus von den Rängen die Unmutsbekundungen. Die englische Nationalmannschaft nimmt offenkundig große Teile des Anhangs mit bei dem positiven Wandel in der Gesellschaft, den sie anstrebt.

Das macht es schwierig für Premierminister Boris Johnson, die Erfolge der Nationalmannschaft für eigene Zwecke zu nutzen, auch wenn er es natürlich versucht. Während der Spiele tauchen Bilder von ihm auf, wie er jubelnd vor dem Fernseher steht. Beim Halbfinale gegen Dänemark war er im Stadion, mit England-Trikot unter dem Jackett.

Premierminister Boris Johnson und seine Frau Carrie Johnson jubeln beim Spiel gegen Dänemark. © Quelle: Getty Images

Ideale der britischen Mannschaft sind nicht die Johnsons

Doch die Ideale, für die die Nationalmannschaft steht, sind nicht unbedingt Johnsons Ideale. Oder, wie der „Guardian“ gerade schrieb: „Southgate und seine Spieler verhindern, dass spalterische Politiker den Erfolg bei der EM kapern.“ Sollten konservative Meinungsführer versuchen, einen möglichen englischen EM-Titel ausgerechnet im Jahr des offiziell vollzogenen Brexits als Zeichen für den Erfolg des EU-Austritts zu deuten – es dürfte kompliziert werden.

Das heißt natürlich nicht, dass Englands EM-Kampagne und ein möglicher Titelgewinn das Vereinigte Königreich vereint. Schotten, Waliser und (Nord-)Iren sind ohnehin grundsätzlich gegen England. Sie flehen im Finale einen Sieg Italiens herbei. Auch die Risse in der englischen Gesellschaft dürften bleiben. Der WM-Erfolg der Franzosen 1998 durch eine multikulturelle Mannschaft hat nicht die Pro­bleme in der französischen Gesellschaft beseitigt, die rauschende WM 2006 in Deutschland hat keine politische Erneuerung des Landes gebracht. Aber sie hat die Stimmung verbessert, kollektive Glücksmomente geschaffen, Erinnerungen fürs Leben. Genau das gelingt im Moment auch der englischen Nationalmannschaft. Ob ein weiteres Wiedererstarken des Coronavirus die gute Stimmung trübt? Man wird es sehen.

Wie gefährlich ist das in Pandemiezeiten?

Trotzdem schwebt die große Frage über der rauschenden Veranstaltung im Wembley-Stadion: Wie gefährlich ist das alles in Pandemiezeiten, in der sich auf der Insel die hoch ansteckende Delta-Variante ausbreitet?

In London kommt von dieser Debatte wenig an. Die Zeitungen sind voll von den Heldentaten der englischen Mannschaft. Die Corona-Problematik wird weitgehend ignoriert. Das war auch bei den Feierszenen aus den Zentren der großen englischen Städte nach dem Finaleinzug zu sehen. Dazu muss man sagen, dass England bei der Aufhebung der Corona-Beschränkungen deutlich früher dran war als Deutschland, dass man also schon länger eine gewisse Normalität verspürt. Die Außengastronomie öffnete Mitte April, seit Mitte Mai darf man in Restaurants, Kneipen und Bars auch wieder drinnen sitzen.

Johnson will Impfungen und Lockerungen zu seinem Erfolg machen

Was Johnson bei den Erfolgen im Fußball bisher nicht gelingt, versucht er auch bei der Pandemiebekämpfung. Er tut viel dafür, die Impfungen und die Lockerungen zu seinem persönlichen Erfolg zu machen.

Acht Tage nach dem Finale, und damit womöglich nach dem historischen EM-Titel, plant der Premierminister, den „Freedom Day“ auszurufen, den Tag der Freiheit. Dann sollen in England so gut wie alle restlichen Restriktionen zur Corona-Bekämpfung fallen. Trotz steigender Infektionszahlen.

Und auch ein EM-Sieg will die Regierung noch einmal mit Nationalstolz aufladen. Johnson denkt offenbar darüber nach, den Engländerinnen und Engländern bei einem EM-Sieg einen zusätzlichen Feiertag zu bescheren.

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