• Startseite
  • Panorama
  • Ein Jahr „Kernfamilie“: Warum uns die Pandemie um Jahre zurückwirft

Ein Jahr „Kernfamilie“: Warum uns die Pandemie um Jahre zurückwirft

  • Corona-Regeln werden gemacht von heterosexuellen Menschen mit Familien und Kindern - und das bereits seit einem Jahr.
  • Singles, LGBT und andere Lebensentwürfe haben keine Lobby.
  • Das hinterlässt Spuren, befürchtet Matthias Schwarzer.
|
Anzeige
Anzeige

Hannover. Irgendwann Mitte Dezember muss es gewesen sein, da verkündeten Bund und Länder die Corona-Regeln für Weihnachten. Die allermeisten dürften sich an diesen Tag nicht weiter erinnern, denn für die allermeisten änderte sich nichts. Für manche jedoch fiel das Fest unter dem Baum mit einer einzigen Pressekonferenz ins Wasser.

„Vier über den eigenen Hausstand hinausgehende Personen aus dem engsten Familienkreis zuzüglich Kindern im Alter bis 14 Jahre“ durften sich vom 24. bis 26. Dezember treffen, hieß es seinerzeit in einer offiziellen Erklärung. Für alle anderen galt die bis dato bekannte Regel: zwei Haushalte, aber maximal fünf Personen.

Dieser „engste Familienkreis“ war eine einleuchtende Regel. Jedoch nur für diejenigen, die sie sich ausgedacht haben: heterosexuelle Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten, die in den meisten Fällen Familie und Kinder haben.

Anzeige

Kritik von LGBT-Verbänden

Weniger einleuchtend war die Regel hingegen für den Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD). Der wollte die „Bevorzugung leiblicher Verwandter in den Ausnahmeregelungen für die Kontaktbeschränkungen zu Weihnachten nicht hinnehmen“. „Vollkommen unverständlich“ sei es, „warum ein größeres Treffen mit leiblichen Verwandten ein geringeres Infektionsrisiko bergen soll als ein gemeinsames Weihnachten mit der gleichen Anzahl an Freund*innen“, hieß es in einer Stellungnahme des Vereins.

Und auch der Blogger und LGBT-Aktivist Johannes Kram kritisierte: „Für queere Menschen ist es (...) eine Zumutung, dass Kanzlerin und Ministerpräsident*innen als die vier Kontaktpersonen über Weihnachten nur Personen erlauben, die sich aus dem ‚engsten Familienkreis‘ rekrutieren. Welchen Sinn macht das? Hat das wirklich epidemiologische Gründe? Oder steckt dahinter ein bewusstes oder unbewusstes Moralgebot?“

Anzeige

Den Unmut über die Weihnachtsregeln muss man an dieser Stelle einmal genauer erklären, denn er dürfte vielen (und dazu gehören augenscheinlich auch die angesprochenen Politikerinnen und Politiker) auf den ersten Blick gar nicht bewusst sein. Für viele LGBT-Personen ist die sogenannte chosen Family, also die selbst ausgesuchte Familie, von enormer Wichtigkeit. Nicht selten erleben schwule, lesbische oder transsexuelle Menschen innerhalb der leiblichen Familie Diskriminierung.

Gruselwort „Kernfamilie“

Kram beschreibt das Weihnachtsfest in seinem Blog für viele queere Personen als „Tortur“. Als Gründe nennt er beispielsweise Coming-outs, die zum Streit oder Bruch mit der Familie oder einzelnen Familienmitgliedern geführt haben. Die tatsächliche Familie vieler queerer Menschen bestehe daher vor allem aus Personen, mit „denen sie nicht verwandt sind. Menschen, auf die sie sich wirklich verlassen können. Menschen, bei denen sie sich wirklich geborgen fühlen. Menschen, auf die sie sich wirklich freuen.“

Nur wenige Länder justierten im Dezember die Corona-Regeln des Bundes nach und gingen darin auf Wahlfamilien ein, nämlich Berlin und Sachsen. In allen 14 anderen Bundesländern war in diesem Dezember für LGBT-Rechte kein Platz.

Man könnte all das nun als Einzelfall abtun, als kleine Ungenauigkeit in einem Regelwerk, an das man aus Versehen nicht gedacht hat. Doch so einfach ist es nicht. Das Wort „Kernfamilie“ ist eines dieser vielen Wörter, das neben neuen Begrifflichkeiten wie etwa der „Einkaufswagenpflicht“ symbolisch für diese Pandemie steht. Und es zeigt uns, wie sehr uns die Krise gesellschaftlich zurückwirft. Daran ändert im Übrigen auch ein schwuler Gesundheitsminister nichts.

Ein veraltetes Familienbild

Anzeige

Erinnern Sie sich noch an die Anfänge der Pandemie? Damals, im März 2020, als man noch auf Balkonen für das Klinikpersonal klatschte oder argwöhnisch von ebendiesen Balkonen blickte, um zu überprüfen, ob der Nachbar auf dem Bordstein sich denn auch tatsächlich an die Schutzverordnungen hielt. Damals, als man darüber diskutierte, ob es tatsächlich unter Strafe zu stellen ist, wenn man auf einer Parkbank ein Buch liest.

Zu dieser Zeit war es in Bayern beispielsweise erlaubt, seinen Lebenspartner zu besuchen, selbst dann, man höre und staune, wenn man nicht verheiratet war. Einen Freund zu besuchen, mit dem man nicht verpartnert ist, war jedoch nicht erlaubt. In den sozialen Netzwerken waren zu dieser Zeit auch Fälle von schwulen Pärchen zu lesen, die von der Polizei kontrolliert wurden - augenscheinlich, weil sie nicht in das Bild einer klassischen Familie passten.

Daran hat sich bis heute nicht allzu viel geändert. Grundlage für die Corona-Regeln ist zwar der Infektionsschutz, doch über allem steht seit einem Jahr das völlig veraltete Bild von Familie. Heterosexuelles Pärchen, Kinder, manchmal plus Hund. Die traditionelle Familie aus dem Bilderbuch eben. Ein Modell, das zuletzt wahrscheinlich irgendwann vor 60 Jahren mal die deutsche Lebensrealität widerspiegelte, das für die politische Spitze jedoch bis heute das Maß aller Dinge zu sein scheint.

Video
Große Mehrheit für Lockerung des Corona-Lockdowns
1:17 min
Lange Zeit stand die Mehrheit der Deutschen hinter den harten Anti-Corona-Maßnahmen. Inzwischen ist die Stimmung gekippt.  © dpa

Singles werden benachteiligt

Im Kontrast dazu stehen beispielsweise rund 17,6 Millionen Single-Haushalte in Deutschland, das entspricht einem Anteil von 42 Prozent, und es werden immer mehr. Zum Vergleich: 1991 waren es noch 34 Prozent. Alleinstehende haben jedoch, ähnlich wie Personen mit anderen Lebensmodellen, in der Corona-Politik keine Lobby.

Anzeige

Nehmen wir als Beispiel die im November beschlossenen Kontaktbeschränkungen. Seinerzeit galt es, private Zusammenkünfte auf seinen eigenen und einen weiteren Haushalt zu beschränken. Konkret bedeutet das: Für zwei Pärchen aus zwei verschiedenen Haushalten mit Kindern stand einem munteren Spieleabend praktisch nichts im Wege – so unvernünftig das auch sein mag. Ein Alleinlebender hingegen musste genau selektieren, welchen seiner Single-Freunde er nun zu sich nach Hause einladen konnte, weil faktisch ja nur einer erlaubt war. Die Zusammenkunft der traditionellen Familie hatte also einen höheren Stellenwert als eine Zusammenkunft von Personen mit alternativem Lebensmodell – und das, obwohl sie aus Infektionsgesichtspunkten – je nach Fall – deutlich unvernünftiger war.

Der Kommunikationsberater Erik Flügge beschrieb das Problem kürzlich auf Twitter so: „Wie sehr viele Menschen in Deutschland lebe ich nicht das ‚Lebensmodell Familie‘, sondern das Lebensmodell ‚enger Freundeskreis‘. Mein Lebensmodell kommt in den aktuellen Lockdown-Beschlüssen gar nicht mehr vor.“ Andere Kommentatoren stimmten zu: „Ich vermisse so sehr meine engen Freund*innen und fühle mich auf ein 50er-Jahre-Familienmodell zurückgeworfen“, schreibt beispielsweise einer.

Eine Politik, die Spuren hinterlässt

Gegenüber dem Domradio konkretisierte Flügge später seine Kritik: „Logischerweise dreht sich der Diskurs in der Politik darum, wie man gerade Kontakte beschränkt. Das ist ja auch vollkommen klar, dass man dabei eine Lösung für Familien braucht. Allerdings dreht sich dabei die Frage nur noch und ausschließlich um das Konzept Familie, so wie es sich auch ziemlich traditionell vorgestellt wird. Vater-Mutter-Kind und wie das zusammen funktioniert, vielleicht noch mit der Oma, die daneben lebt.“

Es gebe jedoch „eine riesige Anzahl in unserer Bevölkerung von Menschen, die alternative Lebensmodelle leben. Also Menschen, die beispielsweise gar nicht in der Nähe von Verwandten leben. Das haben wir weder diskutiert, noch kommt es in den Beschlüssen ernsthaft vor“, so Flügge.

All das dürfte Spuren hinterlassen. Das ständige Erwähnen und Beharren auf Kernfamilien und traditionellen Familienbildern suggeriert eine Realität, die es so gar nicht gibt. Es macht Menschen mit anderen Lebensentwürfen unsichtbar und entfernt diese gleichzeitig von der Politik. Warum auch sollte man sein Vertrauen in politische Vertreter setzen, die auch nach einem Jahr nicht zu wissen scheinen, dass man überhaupt existiert?

Mehr Knuffelkontakt wagen

Dass es besser gehen könnte, zeigen, wie so häufig, unsere Nachbarländer. In Belgien beispielsweise wurde zu Beginn der zweiten Corona-Welle im harten Lockdown ein sogenannter Knuffelkontakt eingeführt. Demnach konnten Bürger selbst eine Person als engen Kontakt bestimmen, ganz unabhängig, ob sie mit dieser verwandt sind oder nicht.

Es ist nur ein kleines Detail – jedoch mit großer Wirkung. Die dritte Corona-Welle steht bevor, und mit ihr neue Einschränkungen. Eine gute Gelegenheit, schon jetzt die Sache mit den Kernfamilien zu überdenken und mehr Knuffelkontakt zu wagen.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen