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Ehemaliger Corona-Hotspot mit Nullinzidenz: In Tirschenreuth legt das Leben wieder los

  • Zweimal schlug die Pandemie im bayerischen Tirschenreuth grausam zu, jetzt zählt der Landkreis in der Oberpfalz mit einer Inzidenz von null zu den Spitzenreitern im Positiven.
  • „Dankbar und froh“ sei man darüber, sagt der Zweite Bürgermeister Peter Gold.
  • Er wünscht „allen Städten und Gemeinden in Deutschland das Gleiche, was wir jetzt erleben".
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Tirschenreuth. Null. Für Tirschenreuth hat dieses Wort der Leere am heutigen Donnerstag (10. Juni) einen wundersamen, vollen Klang. Es steht für die aktuelle Inzidenz in dem Landkreis in der Oberpfalz. Ein Aufatmen sei da unter den Leuten zu spüren, berichtet der Zweite Bürgermeister der Stadt, Peter Gold, im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Wir sind dankbar und froh.“ „Durchgestanden“ sei alles freilich noch nicht – jetzt kommen Ferien und Urlaubszeit, da ist die Gefahr, dass hier wieder etwas auftaucht, genauso groß wie anderswo auch, so Gold. Wachsam und vorsichtig müsse man sein.

266 Menschen starben im Landkreis an und mit der Pandemie

Der Landkreis stand im Frühjahr 2020 für den größtmöglichen Schrecken der Pandemie. Ein Starkbierfest im März hatte während der ersten Welle für eine der höchsten Infektionszahlen Deutschlands gesorgt. Tirschenreuth hatte Anfang April eine Sieben-Tage-Inzidenz von 571, hier gab es die erste Ausgangssperre Deutschlands. Bis heute hat es laut Gold 266 Todesfälle gegeben. Zu Beginn des Februars 2021 hatte der Landkreis ein weiteres Mal die höchste Sieben-Tage-Inzidenz in der Republik. Am 14. April unterschritt man dann die Inzidenz von 100. Und jetzt: 0. Null!

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Die Ursache für die radikale Umkehr sieht das CSU-Mitglied Gold im vorbildlichen Beachten der bayerischen Infektionsschutzmaßnahmen, „die ja sehr streng waren“. „Querdenker“-Versammlungen, die durchaus stattfanden, hätten zudem nur spärlichen Zulauf erhalten. Und der Kreis Tirschenreuth, wie auch andere grenznahe Kreise, hätten wegen des großen grenzüberschreitenden Berufsverkehrs und der extremen Corona-Historie auch Sonderimpfzuweisungen erhalten.

Bürgermeister Gold: „Fast überall ist ein Lächeln zu sehen“

„Die Stimmung ist sehr gut, fast überall ist jetzt ein Lächeln zu sehen“, sagt Gold über die Stimmung des 10. Juni. „Es wird allen bewusst: 0,0 bedeutet, dass jede Stadt und jeder Ort hier ‚frei‘ ist.“ Die schlimme Zeit der Pandemie sei „wie ein plötzlicher Donner auf uns zugerollt“, erinnert sich der 67-Jährige an das Vorjahr. „Plötzlich konnten sich Menschen nicht verabschieden, kaum eine geordnete Beerdigung war möglich.“ Von einer „sehr betrüblichen“ Zeit spricht Gold. „Ich wünsche allen Städten und Gemeinden in Deutschland das Gleiche, was wir jetzt erleben. Auf null gehen und das halten können. Das wär‘ das allerschönste Geschenk.“

Ein Mann hält ein Glas mit Weißbier im Außenbereich von einer Eisdiele in Tirschenreuth hoch. © Quelle: Armin Weigel/dpa
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Im Cineplanet läuft „Weißbier im Blut“

Das Tirschenreuther Kino Cineplanet mit seinen sieben Sälen hat schon seit 20. Mai wieder geöffnet – „wir waren das zweite Kino in ganz Bayern“, sagt Inhaber Michael Neidhardt (54) gegenüber dem RND nicht ohne Stolz. Von Anfang an sei der Zustrom der seit langem darbenden Filmfans groß gewesen, auch wenn mehrheitlich erst einmal noch „alte Filme aus dem Vorjahr“ zu sehen waren und sind. Derzeit liefen die bayerische Krimikomöde „Weißbier im Blut“ mit Sigi Zimmerschied und der Disney-Fantasyfilm „Raya und der letzte Drache“ „ganz vernünftig“.

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Immer noch würde in den Sälen der Abstand von 1,50 Metern gelten, „womit eine Auslastung von nur 20 bis 25 Prozent möglich ist“. Jetzt habe er angesichts der Nullinzidenz einen Antrag beim Landkreis auf eine Ausnahmegenehmigung gestellt, diesen Abstand verringern zu können, sagt Neidhardt im Hinblick auf die aktuelle Infektionsschutzmaßnahmenverordnung vom 5. Juni.

Schon seit drei Wochen sei man in Tirschenreuth „unter der 50″, seither bestehe keine Testpflicht mehr, um ins Kino zu kommen. An der Aufklärung mangele es, meint Neidhardt, die Leute wüssten solche Dinge nicht. Masken müssen noch bis zur Einnahme des Sitzplatzes getragen werden, „danach geht das schlecht, dann muss man ja fleißig Nachos und Popcorn essen“.

An eine große Wiederkehr von Corona glaubt Neidhardt nicht, „schließlich ist die Impferei im Landkreis ziemlich weit“. Wenn am 1. Juli das Kino bundesweit wieder durchstartet und neue, große Filme im Angebot sind, erwartet er den großen Aufschwung. „Wir waren die Nummer eins im Schlechten, jetzt sind wir die Nummer eins im Guten. Rauf und runter.“

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Das Moderne Theater wurde von der „Null“ überrumpelt

Auch die darbende „hohe Kultur“ kann nun endlich wieder die Bühne betreten. „Wir sind etwas überrumpelt“, sagt Julian Mühlmeier, erster Vorsitzender des Laienensembles Modernes Theater Tirschenreuth, im Gespräch mit dem RND. Nächste Woche finde die erste „echte“ Vorstandssitzung „seit langer Zeit“ statt. Eigentlich habe man damit gerechnet, dass es erst im Herbst wieder losgehen kann. Deswegen sei bislang so viel gar nicht geplant.

Einstweilen werde man in ein, zwei Wochen mit einigen neuen Kleindarbietungen wieder die Stadtführungen in Tirschenreuth unterfüttern – Szenen etwa über den Stadtbrand von 1814 oder die Infiltration der kleinen Grenzstadt zu Tschechien durch östliche Spitzel. Und es gibt auch immer mehr Anfragen, bei Events wie Kunstmärkten aufzutreten. Für Herbst plant das Ensemble ein großes Stück – wahrscheinlich ein Shakespeare-Drama, das schon im Vorjahr auf die Bühne sollte. Welches es werden soll, darauf habe man sich noch nicht festgelegt. Und ein Kindertheaterstück soll auch erarbeitet werden – gemeinsam mit Schülern.

Finanziell habe die Corona-Krise das Moderne Theater nicht sonderlich getroffen. Einnahmen fehlten zwar, aber „der Shakespeare“ wurde im Vorjahr frühzeitig gecancelt, bevor Kosten entstanden waren. Die Ensemblemitglieder des gemeinnützigen Theatervereins stünden zudem allesamt hauptberuflich in anderen Zusammenhängen, man habe „nicht den Druck, unbedingt spielen zu müssen“. Mühlmeier etwa, aus dem nahen Bernau stammend, ist in der Textilbranche tätig, sein Familienunternehmen entwickelt derzeit als Zulieferer für diverse Modeanbieter nachhaltige, bioabbaubare BH-Schalen.

Theaterchef Mühlmeier: „Das Virus haust noch immer auf der ganzen Welt“

„Wir sind zwar bei null, aber trotzdem muss in der nächsten Zeit noch eine gewisse Vorsicht gewahrt bleiben“, sagt der 28-Jährige. „Das Virus haust noch immer auf der ganzen Welt, es könnte sein, dass irgendeine Mutante auch wieder zu uns rüberschwappt und es von vorne losgeht.“ Entsprechend müssten die Darstellerinnen und Darsteller vor den Proben stets Schnelltests machen. Und wer gerade nicht spielt, hat Maskenpflicht. Was angesichts der euphorisch machenden Zahl freilich nicht unumstritten sei.

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Dennoch blicke er „optimistisch“ in die Zukunft und erlebe Ähnliches bei den Einwohnern von Tirschenreuth – dass die Menschen es genießen, „dass man rauskann, den Sommer erleben, ein Eis essen“. Er lacht leise. Aber natürlich kenne auch jeder jemanden, der Angehörige verloren hat. Das Echo des schlimmen Jahres 2020 ist hier auch beim frohen Klang von „Null“ noch nicht verhallt.

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