Drei Monate nach der Flut im Ahrtal: Tränen und Zukunftssorgen

  • Drei Monate nach der Sturzflut im Ahrtal mit 133 Toten ist den Menschen die traumatische Nacht noch deutlich anzumerken.
  • Teile der Dörfer sind kaum mehr zu erkennen: „Hier ist abends kein Mensch, und es brennt nirgendwo Licht.“
  • Dazu kommt die Sorge um die Zukunft.
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Altenahr/Insul/Falkenberg. Der 80 Jahre alte Gerd Gasper und seine Frau Elfriede aus dem Ahrtal versuchen sich auf eine lange Übergangszeit einzustellen. Manuela Göken und Daniel Schmitz haben neu angefangen. Lokführer Peter Filz muss jetzt eine andere Strecke fahren. Und Wolfgang Ewerts will Weihnachten in seinem Bungalow feiern - und sein Hotel im April 2022 wieder eröffnen.

Drei Monate nach der Flutkatastrophe vom 14. auf den 15. Juli sind viele Häuser im Ahrtal abgerissen und große Teile der Dörfer nicht mehr zu erkennen. „Hier ist abends kein Mensch, und es brennt nirgendwo Licht“, sagt Gerd Gasper in seinem vollständig entkernten Haus in Altenahr-Altenburg. Vielen Häuser oder Etagen wurden in den Rohbau zurückversetzt, überall laufen Trockengeräte. Müllberge werden geschreddert, freie Flächen planiert und das Ahr-Ufer stellenweise wieder hergestellt. Dazwischen pflanzen einige Menschen Blumen.

Gerd Gasper: „Es ist uns nichts geblieben“

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Die Horrornacht, in der die Wassermassen ihr gesamtes Hab und Gut vernichtet und mit dickem, übelriechenden Schlamm überzogen haben, kriegen die Gaspers nicht aus dem Kopf. „Es ist uns nichts geblieben, außer dem, was wir an hatten“, sagt Gerd Gasper und zeigt auf sein einziges Paar Schuhe. „Um das richtig zu verkraften, müsste man 20 Jahre jünger sein“, ergänzt der 80-Jährige. „Wir hatten alles fertig für den Lebensabend.“

Es werde noch mindestens einen Monat dauern, bis die Wände getrocknet seien. Dann müssten Handwerker gefunden werden. Für die gesamte Sanierung ihres Hauses müssten sie wohl mit eineinhalb bis zwei Jahren rechnen, sagt Elfriede Gasper. Solange kann das Paar bei seiner Tochter und deren Familie unterkommen - einige Kilometer von der Ahr entfernt. Weil dort aber nicht so viel Platz ist, übernachten die Gaspers in einer Ferienwohnung. Nach ihrem Haus schauen sie jeden Tag.

Meterhoch türmten sich Wohnwagen, Gastanks, Bäume und Schrott an einer Brücke über die Ahr in Altenahr-Kreuzberg. © Quelle: Boris Roessler/dpa

Gerd Gaspers Elternhaus, gleich nebenan, in dem sein Bruder Bernd mit Frau gelebt hat, musste abgerissen werden. Das Haus von Gerd und Elfriede Gaspers Sohn in Mayschoß blieb von der Flut auch nicht verschont. „Es hat ja nicht nur einen Ort getroffen. Ein ganzes Tal ist weg, auf über 40 Kilometern alles kaputt“, sagt Gasper. Mehr als 40 000 Menschen sind betroffen.

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Vielen Bewohnern der Katastrophenregion kommen immer wieder die Tränen, wenn sie erzählen, was sie erlebt und was sie vor sich haben. Sie liegen nachts wach und grübeln, wie es weiter geht, was sie als nächstes tun können - und was sie mit dem Hilfsgeld wieder aufbauen können, erzählen sie.

Die Rettung mit Hubschraubern erst am Nachmittag des 15. Julis steckt den Gaspers auch noch in den Knochen. „Ich wollte ja nicht“, sagt Elfriede Gasper. Ihr Mann habe ihr aber durch den kniehohen Schlamm zu dem Hubschrauber geholfen, an dem sie aus der Luft mit einer Winde gerettet wurde. Später habe ein Hubschrauber auf einer abgerissenen Asphaltplatte neben dem Haus landen können - so entkam Gerd Gasper zusammen mit zwei Nachbarn den Wassermassen.

Hoffen auf die Versicherung

Und dennoch: „Wir wollen zurück, wir sind schon über 50 Jahre hier“, sagt Elfriede Gasper. Das Paar hat seit Jahrzehnten eine Elementarschadenversicherung und bisher noch nie davon Gebrauch gemacht. Zahlt sich die Versicherung jetzt aus? „Man muss so viel nachweisen, aber man hat ja nichts mehr“, sagt Gerd Gasper. „Wir hoffen!“, sagt er traurig. „Wir können jeden Cent brauchen.“

Peter Filz kommt jeden Tag an dem vom Wasser zerstörten Regionalzug vorbei, der seit dem Abend des 14. Juli auf dem Bahndamm am Bahnhof von Altenahr-Kreuzberg steht und nicht abtransportiert werden kann. „Wahrscheinlich muss der Hersteller kommen und den Zug vor Ort in Einzelteile zerlegen“, sagt Filz. Im Stellwerk des kleinen Bahnhofsgebäudes nebenan stinkt es noch nach öligem Schlamm.

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Die zerstörte Strecke durch das idyllische Ahrtal war seine Stammstrecke und habe ihm besonders gut gefallen, sagt der Lokführer, der auch schon in Norwegen, Österreich und ganz anderen Teilen Deutschlands im Führerstand unterwegs war. „Sie war so schön und pittoresk, und die Leute unglaublich nett.“

Peter Filz: „Ich hatte Glück“

Sein Kollege habe die Regionalbahn am Abend der Flut gegen 20 Uhr abgestellt und die Katastrophen-Nacht mit viel Glück zusammen mit einem Nachbarn von Filz auf dem Dach eines Carports überlebt. Beleuchtete Wohnwagen vom direkt angrenzenden Campingplatz seien an ihnen vorbei getrieben und wenige Meter weiter an der Brücke zerschellt.

„Ich hatte Glück“, sagt Filz. Sein Ferienhaus sei anders als die meisten von den Wassermassen weitgehend verschont geblieben. In der Nacht selbst kam er gar nicht nach Kreuzberg durch. Der Schock über die 133 Toten, die vielen Verletzten, das Ausmaß der Zerstörung und das Leid sitzt dennoch tief. Er habe deshalb seinen Arbeitsbeginn auf einer anderen Bahnstrecke noch einmal abbrechen und verschieben müssen. Nächste Woche soll es jetzt im Raum Sinzig los gehen.

Manuela Göken und ihr Partner Daniel Schmitz haben ihr gemietetes und schwer beschädigtes Haus in Insul zehn Wochen lang entkernt. „16 Jahre kloppt man nicht einfach so in die Tonne und dazu die traumhaft schöne Gegend“, sagt die 50-Jährige. Dann sei aber klar geworden, dass es keine Versicherung gebe und sich die Sanierung des feuchten und kalten Hauses sehr lange hin ziehen werde.

Über die Plattform der Verbandsgemeinde, auf der auch Wohnraum angeboten wird, hätten sie deshalb zumindest etwas „für vorübergehend“ gesucht. Sie stießen auf ein Haus von 1920 mit Garten oberhalb der Ahr - etwa 20 Straßenkilometer und 6 Kilometer Luftlinie von Insul entfernt. „Von 200 auf 70 Quadratmeter und stark renovierungsbedürftig“, beschreibt Göken die Ausgangslage. „Es stand vier Jahre unbeheizt leer und wurde nur als Unterkunft für Jäger genutzt.“ Und trotzdem: „Wir haben uns blitzverliebt in das Haus.“

Freunde und Familie helfen finanziell aus

Seither stecken die beiden ihre gesamte freie Zeit in die Renovierung. Über private Kontakte hätten sie einige Tausend Euro Unterstützung bekommen, und auch einen Antrag auf Geld aus dem Wiederaufbaufonds gestellt. „Das ist aber sehr kompliziert und ich bin so etwas gewöhnt“, sagt Göken. „Wie sollen das alte Menschen schaffen?“ Zwar gibt es überall im Ahrtal Infopoints, wo Spezialisten bei allen Fragen auch dem Ausfüllen der Anträge helfen, und jetzt auch zahlreiche Bürgerversammlungen. Doch längst nicht alle Bewohner schaffen es dort hin.

Göken selbst ist optimistisch: „Es wird, wir sind ganz guter Dinge.“ Ein psychologischer Gesprächskreis habe ihr und ihrem Partner sehr gut getan. „Wir weinen nur noch aus Euphorie und über das, was man zurückgelassen hat.“ In der Flutnacht hatte sie ihren Partner für tot gehalten und über ein dpa-Foto im Internet erfahren, dass er lebt - viele Stunden bevor sich das Paar in die Arme fallen konnte. Zu wenig Menschen machten von den psychologischen Angeboten Gebrauch, meint Göken. Einen Schlussstrich unter das Leben an der Ahr hat sie noch nicht gezogen: „Wir haben noch sehr viele Bekannte in Insul, wir sind da unten nicht weg.“

Hotelier Ewerts renoviert in Insul seinen eigenen Bungalow, ein Mietshaus sowie das Hotel mit Restaurant. „Es läuft, aber es braucht halt seine Zeit“, sagt er. Mit den beiden Häusern will er bis Weihnachten fertig sein. Seit der Flut wohnt er mit seiner Frau im Haus seiner gestorbenen Schwiegereltern im Nachbarort.

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Betroffene stehen weiter vor finanziellen Problemen

Im Erdgeschoss des Hotels ist inzwischen der Putz abgeschlagen, neue Fenster sind drin. Der älteste Teil des Gebäudekomplexes, sein Elternhaus, wurde wegen der Flutschäden nun doch abgerissen. Wo jetzt eine Lücke klafft, soll ein Gebäude mit vier Juniorsuiten und Aufzug entstehen, sagt Ewerts. Die neue hybride Heizung - statt wie bisher Öl - solle auch dort untergebracht werden. Ob das alles bis April klappt? „Das muss nächstes Jahr wieder laufen, sonst kriegen wir finanzielle Probleme“, sagt Ewerts. „Man braucht einen Fixpunkt.“

Die Versicherung habe einen Abschlag für das Hotel bezahlt, aber wie weit der trägt? Für seinen Biergarten habe er 5000 Euro bekommen. „Das reicht nicht mal für die Bestuhlung.“ Und für die beiden Wohnhäuser hat er keine Elementarschadenversicherung. Er sieht beim Finanziellen überall noch viele Fragezeichen. „Wenn wir alles rum haben, kann ich sagen, wie es finanziell gelaufen ist“, sagt Ewerts. „Wir sind ja zufrieden, wenn wir mit einem blauen Auge davon kommen.“

Drei Häuser direkt gegenüber auf der anderen Ahr-Seite mussten abgerissen werden. Sie gehörten zu den 34 im gesamten Ahrtal die wegen der Hochwassergefahr auf keinen Fall mehr aufgebaut werden dürfen. Ob ihn das beunruhigt? „Ich glaube nicht, dass es noch mal so ein Hochwasser gibt, oder wenn in 100 Jahren“, hofft der Hotelier. Er verweist aber sogleich auf das Hochwasser in Italien, wo wenige Tage nach dem Starkregen an der Ahr noch mehr Liter Niederschlag pro Quadratmeter gefallen seien.

RND/dpa

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