Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

 

Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Emotionaler Hilferuf im Netz: Friseurin kämpft um ihren Salon – und für die Branche

Die Friseurin Bianka Bergler macht mit einem emotionalen Video auf die Situation der Friseure im Lockdown aufmerksam.

„Wo seid ihr? Wo ist eure Hilfe? Wo ist der Staat, wenn man ihn braucht?“, ruft Bianka Bergler in die Kamera ihres Smartphones. Die Friseurin, die einen Salon in Dortmund betreibt, ist verzweifelt. Ihre Stimme zittert. Gerade hat sie mit der Agentur für Arbeit telefoniert, um Hilfe gebeten und über ihren Antrag auf Hartz IV zu sprechen – ihren Salon musste sie wie alle in Deutschland schließen. Das Geld fehlt. Doch Hilfe hat sie durch das Telefonat nicht bekommen. Jetzt wendet sich die Dortmunderin in den sozialen Medien an die Öffentlichkeit – verzweifelt, weinend, am Ende. Das Video ging viral. Bei Instagram haben es mehr als eine Million Menschen gesehen, bei Facebook haben es mehr als 40.000 Leute geteilt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Meine Zündschnur ist abgelaufen. Jeden Tag gucke ich immer voller Angst auf das Konto. Entweder aufs Privatkonto oder aufs Geschäftskonto. Auf dem Geschäftskonto stellte ich fest, dass ich jetzt 5000 Euro im Minus bin“, sagt Bergler im Video – die Stimme ist kurz davor, ihr wegzubrechen. „Es geht hier nicht um ein paar Schuhe. Es geht um existenzielle Dinge wie Butter, Brot und Wasser!“ Die versprochenen Hilfen seien noch nicht angekommen. An die Politik habe sie sich bereits mehrmals in offenen Briefen gewandt: An Armin Laschet, Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen und CDU-Vorsitzender, und an Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Ich würde so gern Herrn Laschet anrufen und fragen, was ist? Wie lange muss ich auf Hilfe warten?“, ruft Bianka Bergler.

Bianka Bergler will für die gesamte Beautybranche kämpfen

Wer mit ihr einen Tag nach der Veröffentlichung des Videos telefoniert, merkt, wie wichtig es für sie ist, nicht für das Überleben ihres eigenen Salons zu kämpfen, sondern auch für die Zukunft ihrer Kolleginnen und Kollegen. „Es bewegt sich total viel. Ich bekomme so viele Anfragen von Leuten, denen es ähnlich geht. Und höre ganz traurige Geschichten von Kollegen, die ihren Laden seit 20 Jahren betreiben und jetzt aufgeben müssen“, sagt Bergler im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Sie wolle den vielen Friseuren, Kosmetikern und Tätowierern, denen es ähnlich gehe, ein Gesicht geben. „Irgendwann muss einer aufstehen, damit sich etwas bewegt.“ Nun sei sie diejenige, die aufstehe.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Instagram, Inc., der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

In ihrem Video fordert Bergler Antworten von Politikern, vor allem auf die Frage, warum die versprochenen Überbrückungshilfen nicht ausgezahlt wurden. Am Donnerstagabend habe sie tatsächlich einen Anruf der Bundestagsabgeordneten für ihren Wahlkreis Dortmund, Sabine Poschmann, erhalten. „Sie wollte erklären, warum die Hilfen noch nicht angekommen sind. Aber als ich sie gefragt habe, warum es nicht möglich war, dass Hilfen nach der Schließung der Frisörläden am 15. Dezember sofort zum 1. Januar ausgezahlt wurden, wusste sie keine Antwort“, sagt Bergler dem (RND). Warum würde die Rettung von Riesen wie Galeria Kaufhof Karstadt so schnell gehen, aber bei kleinen Unternehmen sei es so kompliziert?

„Ich kann nachts nicht schlafen, weil ich an meine Mitarbeiter denke“

Doch trotz der Unterstützung weiß Bergler nicht, wie es weitergehen soll. „Ich bin pleite. Meine Bank erhöht den Dispo nicht, ich kann keine Kredite stunden oder neue aufnehmen“, erklärt die Dortmunderin im Gespräch. Sie habe kein Geld, um Waren einzukaufen, sodass sie keine Färbungen anbieten könne, sollten die Friseurläden wieder öffnen. „Ich stehe morgens auf und habe Angst aufs Konto zu schauen. Ich gehe abends ins Bett und kann nicht schlafen, weil ich über meine Mitarbeiter nachdenke und nicht weiß, wie ich ihren Lohn zahlen soll.“ Ihre Angestellten seien in Kurzarbeit. Nur könne sie nicht in Vorkasse für das Kurzarbeitergeld gehen, weil ihr Konto ausgereizt sei.

Wie soll sie nun weitermachen? Illegal durch Schwarzarbeit Geld zu verdienen lehnt sie ab. „Ich hatte im ersten Lockdown ein paar Anfragen von Kunden, ob ich ihnen nicht privat die Haare schneiden könnte, aber nachdem die meine Reaktion gesehen haben, haben sie nie wieder gefragt“, sagt sie am Telefon. Für sie ist das auch in dieser schwierigen Situation eine Frage der Haltung: „Entweder man informiert sich und nimmt die Corona-Krise ernst und versteht, dass gerade eine gefährliche Mutation im Umlauf ist und dass es gefährlich ist, durchs Haareschneiden Kontakte zu haben, oder man verhält sich wie die Maskenverweigerer und schneidet Haare und versteht den Ernst der Lage nicht.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Eine Spendenaktion macht Hoffnung

Wie es überhaupt die nächsten Tage weitergehen soll, wisse sie nicht. Kolleginnen und Kollegen werde sie ihr Ohr leihen, „wenn die sich mal auf Deutsch gesagt auskotzen müssen“. Sie werde weiter über ihre Situation sprechen. Doch einen Hoffnungsschimmer auf die Rettung ihrer Salons in Dortmund gibt es: Schon im Frühjahr hat Bianka Bergler einen Spendenaufruf auf der Website gofundme.com gestartet, um ihren Salon zu retten. Seitdem ihr Video viral gegangen sei, hätten einige Follower diese Kampagne ausfindig gemacht. 2000 Euro von 5000 Euro sind dabei schon zusammengekommen.

Doch Bianka Bergler geht es nicht nur um die Rettung ihres eigenen Ladens – sie hofft auf eine Besserung für alle Friseure. „Ich möchte von dieser Situation nicht profitieren. Da wäre der Branche nicht mit geholfen, wenn nur ich eine Lösung hätte“, sagt die Friseurin im Gespräch. „Wenn etwas zusammenkommt, nehme ich das Geld, um die Miete für den Salon zu bezahlen und um für meine Mitarbeiter in Vorkasse zu gehen.“ Und wenn mehr gesammelt wird? „Dann suche ich mir einen guten Zweck und spende es dafür.“

Bianka Bergler war am Ende – und hat ihre Verzweiflung kundgetan. „Die Friseurinnung schreibt Mitteilung und steht hinter ihren Mitgliedern. Aber vielleicht brauchte es so ein emotionales Video, damit Leute wirklich verstehen, wie es uns in diesem Lockdown geht“, sagt sie am Telefon, während sie sich bereits für das nächste Fernsehinterview umzieht. Die Menschen in den sozialen Medien hören ihr bereits zu – vielleicht verschafft sie sich so bald in der Politik Gehör.

Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.