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DJs nach einem Jahr Berufsverbot: „Wie lange macht es noch Sinn, diese Krise auszusitzen?“

  • Keine Partys, keine Festivals und keine Konzerte: Die deutsche Musikszene liegt seit einem Jahr brach.
  • Doch wie geht es Künstlern in der Krise?
  • Ein DJ-Duo berichtet dem RND, wie es mit der Pandemie klar kommt, wann es wieder mit Shows vor Publikum rechnet – und ob sich Clubs von Corona erholen werden.
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Kurz bevor Corona nahezu jeden Lebensbereich lahmlegte, ging es für die Kölner Niklas Schäfers und Branko Novakovic eigentlich erst richtig los: Als DJ-Duo Hidden Empire füllten sie Technoclubs in Deutschland, Australien und sogar in Kolumbien. „Direkt bevor die Pandemie anfing, wurden wir international mehr gebucht“, erzählt der 38-jährige Novakovic im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Die Produzenten sitzen während des Zoom-Gesprächs in ihrem hell erleuchteten Studio in Köln, das sie sich mit einem anderen Künstler teilen. Im Hintergrund ist die umfangreiche Ausstattung der Musiker zu sehen: Mischpult, Lautsprecher, Keyboard. Im Studio waren sie in letzter Zeit viel – immerhin haben die Musiker gerade ein neues Album herausgebracht – nur Clubs haben sie wenig von innen gesehen. Der 30 Jahre alte Schäfers erzählt, dass sie normalerweise bis zu 100 Shows pro Jahr spielten. Am Wochenende traten sie manchmal vier Mal auf. „Doch dann wurde alles runtergefahren“, sagt Novakovic. Das war im März 2020 - und seitdem hat sich nicht viel geändert.

Keine tanzende Menschenmenge

Die Kulturbranche ist seit einem Jahr im Lockdown. Das trifft die Musikerinnen und Musiker besonders hart, sie leben von den Fans und dem Kontakt zu ihnen. Doch eine tanzende Menschenmenge in Clubs, auf Konzerten oder Festivals ist wegen des Coronavirus unvorstellbar geworden. Die Menschen feiern allenfalls zu Hause – coronakonform mit einem weiteren Haushalt – mit Playlisten, die sie selbst erstellt haben. Vielleicht tanzen sie auch zu Musikstreams von der Initiative „United We Stream“ oder anderweitig organisierten Onlinestreams. Auch das DJ-Duo Hidden Empire hat bei solchen Onlineevents im letzten Jahr mitgemacht. Doch das sei für die Künstler kein angemessener Ersatz, „weil wir kein Feedback bekommen“, so Novakovic. Schäfers gibt zu: „Es ist besser als nichts, aber auch nicht das Wahre.“

Jeder dritte Musiker aus Berlin gibt auf

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Viele Musiker sind aktuell in einer gefährlichen Lage. Die Rücklagen – wenn sie denn vorhanden waren – sind aufgebraucht, die Corona-Hilfen reichen nicht zum Leben, doch der Lebensunterhalt muss trotzdem bestritten werden. Das geht auch aus einer Umfrage des Landesmusikrats Berlin vom Januar 2021 hervor, an der sich 485 Musikschaffende beteiligten. Demnach muss jeder dritte freie Musiker in Berlin seinen Beruf aufgeben. Rund 47 Prozent der Befragten benötigen finanzielle Unterstützung.

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Die Kölner Schäfers und Novakovic sind an diesem Punkt noch nicht. „Wir hatten die letzten Jahre die Möglichkeit, uns ein kleines finanzielles Polster zu erarbeiten“, erklärt Schäfers. So kennen sie aber viele Musiker, die aktuell Schwierigkeiten haben. „Bei denen geht es darum, ob die nächste Miete gezahlt werden kann.“

Viele DJs haben einen zweiten Job

Die Musik gilt seit jeher als brotlose Kunst: Reich werden die wenigsten Künstlerinnen und Künstler. Schäfers bestätigt: „Es gibt kleine DJs, die verdienen pro Auftritt im unteren dreistelligen Bereich. Davon müssen sie aber auch Steuern und die Krankenkasse bezahlen. Viel ist das nicht, weswegen einige auch noch einen anderen Job haben.“ Wenn dann eine globale und noch nie dagewesene Krise hinzukommt, geraten viele in Bedrängnis. Deswegen sollten eigentlich die Hilfsgelder Unterstützung bieten, doch die sind laut Schäfers nur „eine klitzekleine Hilfe“. Er kritisiert vor allem den bürokratischen Aufwand hinter der Auszahlung der November- und Dezembergelder. „Für Künstler, die große Unternehmen hinter sich stehen haben, ist der Aufwand nicht so dramatisch. Für Soloselbständige ist die Bürokratie aber nicht praktikabel.“

Laut der Umfrage des Landesmusikrats Berlin haben 29 Prozent der befragten Musikschaffenden bereits ihren Job gewechselt – oder sie planen, in einen neuen Beruf zu gehen. Auch Hidden Empire zieht das in Erwägung. Sie haben sich sogar schon für einen Bildungsgutschein für eine eventuelle Weiterbildung beworben, den allerdings nur Schäfers bekommen hat. Trotz einer möglichen Umorientierung sagt Novakovic: „Wir möchten unseren Job in Zukunft eigentlich weitermachen.“ Denn für Künstler wie Hidden Empire ist die Musik eine „Leidenschaft“, mit der sie sich über „viele Jahre etwas aufgebaut“ haben, so Schäfers gegenüber dem RND. Dennoch fragt er sich zeitweise: „Wie lange macht es noch Sinn, diese Krise auszusitzen?“

Clubs stehen unter Druck

Nicht nur die Musikerinnen und Musiker bangen gerade um ihre Existenz, auch die Clubszene in Deutschland steht unter Druck. Zahlreiche Orte kämpfen um ihre Räume oder funktionieren sie um: So zum Beispiel der KitKat-Club in Berlin, der nun nicht mehr Fetischpartys organisiert, sondern Corona-Tests anbietet. Auch die Sprecherin des Hamburger Clubs „Übel & Gefährlich“ erklärte dem RND kürzlich: „Aktuell denken wir, dass wir es bis zum Sommer schaffen werden. Darüber hinaus sind wir auf weitere, zusätzliche Unterstützung angewiesen.“ Demnach haben sie 96 Prozent des Umsatzes eingebüßt.

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Die Künstler hinter Hidden Empire machen sich Sorgen um die deutsche Musikszene: „Die Clubs sind nur die erste Reihe. Dahinter stehen unter anderem Bookingagenturen, Veranstaltungstechniker und Partyveranstalter. Das sind alles Menschen, die sich umorientieren oder aufgeben müssen, weil sie pleite sind.“

Die deutsche Technoszene ist auf der ganzen Welt berühmt. Schäfers erklärt: „Jeder, der gerne elektronische Musik hört, will nach Berlin.“ Beide hoffen, dass es in Deutschland und auf der ganzen Welt 2021 wieder losgeht. Wie Novakovic erklärt, werden Shows in diesem Jahr wahrscheinlich nur „unter gewissen Beschränkungen“ stattfinden können.

Besucher einer Kunstinstallation im Sommer 2020 auf dem Gelände des Berliner Technoclubs Berghain. © Quelle: Getty Images
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Neuer Öffnungsplan

Die Clubs in der Hauptstadt haben sich laut der Deutschen Presse-Agentur tatsächlich schon einen Öffnungsplan ausgedacht. Wie die Clubcommission mitteilte, gehören dazu Pilotveranstaltungen mit Schnelltests und eine zentrale Informationsplattform mit Hygienekonzept-Empfehlungen sowie aktuellen Verordnungen. Außerdem wollen die Clubs die Besucherzahlen und das Ausgehverhalten sowie die wirtschaftliche Situation der Branche systematisch erfassen. Dabei helfen sollen Smart-Apps, die Beteiligung an Forschungsprojekten und eine Informationskampagne.

Wird sich die deutsche Clubszene also von der Pandemie erholen? Die Künstler glauben ja. „Immer wenn eine Leere entsteht, wird sie irgendwann wieder gefüllt. Doch bis wir soweit sind, wird es eine Weile dauern“, sagt Schäfers. Novakovic stimmt seinem Kollegen zu: „Wenn etwas kaputt geht, entsteht etwas Neues.“

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