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Diesel-Katastrophe in Sibirien: Warum alles noch viel schlimmer kommen könnte

  • Bei einem Ölunfall in Sibirien sind 20.000 Tonnen Diesel in einen Fluss gelangt.
  • Die Umweltkatastrophe ist schlimm, aber nur ein Symptom.
  • Denn taut der Permafrostboden auf, hat nicht nur Sibirien ein Problem.
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Norilsk. Seit Tagen versuchen Einsatzkräfte in Sibirien, die arktische Tundra von Tausenden Tonnen Diesel zu befreien. Aus einem Tanklager eines Kraftwerks waren nach ersten Schätzungen 20.000 Tonnen Diesel in den Fluss Ambarnaja gelaufen – die Auswirkungen dürften dramatisch sein.

Die Katastrophe ist jedoch nur die sichtbare Spitze des Eisbergs. Denn vieles spricht dafür, dass die Katastrophe mit dem Klimawandel zusammenhängt, und nicht die letzte bleiben dürfte. Was wir bislang über den Fall wissen – und warum die Lage deutlicher dramatischer ist, als sie zunächst aussieht.

Was ist Norilsk für eine Region?

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Die betroffene Region in Russland ist seit Jahren für ihre enorme Umweltverschmutzung bekannt, gilt umgangssprachlich gar als “schmutzigster Ort der Welt”. Die Lebenserwartung in der Stadt Norilsk liegt bei gerade einmal 62 Jahren – das ist noch mal deutlich weniger als die ohnehin schon geringe Lebenserwartung in ganz Russland (73 Jahre).

Grund dafür sind die Hüttenwerke in der abgelegenen Region, die pro Jahr mehrere Tonnen Schwefeldioxid in die Luft stoßen. Hier werden wertvolle Erze gewonnen und aufbereitet. Die Schadstoffe, die bei der Produktion ausgestoßen werden, sind sogar aus dem All zu erkennen. Das Wasser ist durch gefährliche Schwermetalle belastet, Bäume sterben wegen saurem Regen.

Zugleich steht die Stadt Norilsk mit ihren 175.000 Einwohnern komplett auf Permafrostboden, der in vielen Regionen von einer klimawandelbedingten Eisschmelze bedroht ist. Wohnungen werden hier traditionell auf Stelzen gebaut, damit sie nicht in den Boden abrutschen. Kraftwerke und ihre Tanks werden auf mehrere Lagen Kies gebaut.

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Was wissen wir über den Ölunfall?

Der Permafrostboden dürfte nach bisherigen Erkenntnissen auch Auslöser für die aktuelle Dieselkatastrophe sein. Der Bergbaukonzern Norilsk Nickel geht davon aus, dass der Dieseltank durch den abtauenden Permafrost in seiner Statik beschädigt wurde und stützende Pfeiler unerwartet absackten. Die Pfeiler hätten den Tank zuvor “seit 30 Jahren ohne Probleme” gestützt, teilte das Unternehmen mit. In den vergangenen Tagen war es in Sibirien überdurchschnittlich warm, einige Regionen waren auch von Waldbränden betroffen.

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Durch das Absacken des Bodens war es dann offenbar zu einem Leck an einem Reservetank für die Generatoren gekommen, rund 20.000 Tonnen Diesel strömten in den Fluss Ambarnaja. Der Ölteppich war so groß, dass die roten Ölflecken in der Tundra selbst aus dem All zu sehen waren. Das zeigten auch von der WWF veröffentlichte Satellitenbilder und Videos.

Umweltschützern zufolge handelt es sich bei der Katastrophe um den schlimmsten derartigen Unfall in der Arktis überhaupt. Die Chefin der russischen Umweltschutzbehörde, Swetlana Radionowa, sprach von einem Unfall “beispiellosen Ausmaßes”.

Welche Folgen hat die Dieselkatastrophe?

Nach Angaben der staatlichen russischen Umweltaufsicht wurde durch den Unfall kein Grundwasser verseucht. Der Chef von Norilsk Nickel, Sergei Lipin, erklärte zudem, die Marine habe Ölschwellen auf beiden Flussarmen installiert, um zu verhindern, dass das Öl flussabwärts und in das größte Naturschutzreservat Eurasiens treibt. 500 Kubikmeter des verschmutzten Wassers seien bereits entfernt.

Die Umweltschutzorganisation WWF in Russland ist da skeptischer: Die bisherigen Maßnahmen seien zwar sinnvoll, bedeuteten aber nicht, dass keine toxischen Elemente in den See gelangt seien, heißt es von der Organisation. “Unglücklicherweise sind die giftigsten Elemente von Diesel Aromaten wie Benzol, Toluene und Xylene, die sich in Wasser lösen und deshalb nicht mit Ölsperren abgefangen werden können“, zitiert die “taz” die Organisation. Monitoring des Flusswassers sei bis in die arktischen Schutzzonen nötig.

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Auch die oberste Fischereibehörde erklärte der Zeitung “Kommersant”, die Sperren hätten den größten Teil des Diesels nicht aufhalten können.

Der Geochemiker Hinz Wilkes von der Universität Oldenburg glaubt, dass wohl ein guter Teil des Diesels in den arktischen Ökosystemen bleiben wird. Dort werde er nach und nach von winzigen Organismen abgebaut – doch das dauert. “Die niedrigen Temperaturen verlangsamen den Abbau durch Bakterien”, so Wilkes gegenüber dem “Spiegel”. Schwierig werde es vor allem, wenn der Diesel in tiefere Bodenschichten gelange. Die dort lebenden Organismen seien nicht sehr effektiv beim Umwandeln der Dieselverbindungen. “Auch nach zehn Jahren und deutlich darüber hinaus wird man da wohl noch Rückstände nachweisen können.”

Wie reagiert Russland auf die Katastrophe?

Russlands Präsident Wladimir Putin reagierte schnell und rief für das betroffene Gebiet den Notstand aus. Zudem wurden spezielle Einsatzkräfte in die Region geschickt.

Er forderte das russische Bergbauunternehmen Norilsk Nickel auf, für sämtliche Kosten aufzukommen. Es müssten alle erforderlichen Maßnahmen ergriffen werden, “um die Biodiversität und die Umwelt wieder herzustellen”, so Putin bei einer Videokonferenz mit Norilsk-Nickel-Chef Wladimir Potanin. Zudem müssten alle ähnlichen Anlagen im Land “gründlich analysiert werden”.

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Putin hatte den Chef des Kraftwerkbetreibers zudem scharf angegriffen, da die Regierung offenbar erst zwei Tage später von dem Unglück erfahren hatte. Der Kraftwerksbetreiber beteuerte hingegen, er habe den Vorfall rechtzeitig gemeldet.

Der Kraftwerkschef wird sich nun vor Gericht verantworten müssen. Wjatscheslaw Starostin werden Verstöße gegen Umweltvorschriften zur Last gelegt. Im Falle einer Verurteilung drohen ihm fünf Jahre Haft.

Problematisch ist: Es ist nicht der erste Fall dieser Art. Schon vor vier Jahren war es in einem von Norilsk Nickel betriebenen Werk zu einem Schadstoffunfall gekommen, bei dem ein anderer Fluss in der Region massiv verschmutzt wurde. Gegen den Konzern wurde damals eine Geldstrafe von umgerechnet weniger als Tausend Euro verhängt.

Werden weitere Katastrophen dieser Art folgen?

Umweltschützer sind sich einig: Der Dieselunfall ist nur die sichtbare Spitze des Eisbergs. Denn der langsam schmelzende Permafrost wird nicht nur Kraftwerke abrutschen lassen.

Der Permafrostboden macht fast zwei Drittel der Fläche des Landes aus. In diesen Gebieten liegt ein Großteil der Gasförderstätten, Ölquellen und weitere Bodenschätze. Russlands Präsident Putin brachte das Problem bei einer Pressekonferenz selbst zur Sprache: “Wenn die Permafrostböden auftauen, können Sie sich vorstellen, welche Folgen das haben kann. Das kann zur Verwüstung einiger Regionen führen, das betrifft uns alle”, sagte er.

Laut dem Forscher Dimitri Streletzki von der George-Washington-Universität in Washington könnten schon 1,5 Grad Erderwärmung in der Stadt Jakutsk die Gründungen sämtlicher Gebäude verformen. In seinem Szenario könnten bis 2050 54 Prozent aller Wohngebäude im Permafrostgebiet beschädigt sein. Gleiches gelte für Straßen und sonstige Infrastruktur, zitiert “t-online.de” aus der Studie.

Drohen gefährliche Krankheiten aus dem Eis?

Doch das ist nicht das einzige Problem der tauenden Böden: Es besteht die Befürchtung, dass der Klimawandel der Menschheit Krankheiten zurückbringen könnte, die längst ausgerottet schienen. Jahrhundertelang wurden Menschen – auch jene, die an Krankheiten und bei Seuchenzügen starben – in den Dauerfrostböden der Arktis begraben. Welche Auswirkungen Pandemien haben können, zeigt nicht zuletzt die aktuelle Corona-Infektionswelle.

“Anthraxsporen sind umweltstabil”, sagt der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Sie können im gefrorenen Boden lange überdauern und später wieder Tiere und Menschen krank machen. Bakterien, die Anthrax – auch Milzbrand genannt – verursachen, ließen auf der Jamal-Halbinsel schon ganze Rentierherden erkranken. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Berichte von Rentiersterben. Viele Tiere werden nun vorbeugend geimpft. Erst in diesem Frühjahr wieder.

Vor zwei Jahren entdeckten russische Biologen in Jakutien im Nordosten Sibiriens Mikroorganismen in Schichten, die sie auf ein Alter von mehr als drei Millionen Jahren schätzten. Den Wissenschaftlern zufolge besteht das größte Problem beim Auftauen der Permafrostböden darin, dass lange gefrorene und heutige Bakterien in Kontakt kommen und Erbgut austauschen könnten, wie die russische Staatsagentur Tass meldete. Dann könne es passieren, dass aus harmlosen Mikroben gefährliche Erreger werden.

Doch Viren und Bakterien werden im Zuge des Klimawandels nicht nur wegen tauenden Eises und tauender Böden zur Bedrohung für die Gesundheit. Zecken und Mücken etwa spielen in unseren Breiten zunehmend als Überträger von Infektionskrankheiten eine Rolle, die zuvor auf südliche Gefilde beschränkt waren. Ein Grund dafür ist, dass eingeschleppte Arten besser durch die milder gewordenen Winter kommen.

Was könnte noch passieren, wenn der Permafrost taut?

Doch auch die Krankheiten wären nur ein Problem von vielen, würden die Permafrostböden tauen. Die Böden gelten nämlich in der Klimaforschung als sogenanntes “Kippelement”. Tauen sie, gibt es praktisch kein Zurück mehr. Unter der dauergefrorenen Erde ist milliardenfach Kohlenstoff eingesperrt. Taut der Boden, wird dieser Kohlenstoff zu einer Treibhausgasfracht aus Methan und Kohlendioxid, die vom Menschen nicht mehr aufzuhalten ist – ein echter “Klimakiller”.

Schon ein zwei Grad wärmeres Weltklima würde den Frostschutz tauen, die Treibhausgase aus dem Permafrost befreien und die Atmosphäre um weitere zwei Grad anheizen – also dann auf vier Grad. Spätestens jetzt würden weitere solcher Kippelemente wie Dominosteine umkippen: Die Klimaerhitzung würde sich unaufhaltsam verselbstständigen.

In der Arktis weicht der Permafrostboden derzeit mit ungeheurer Geschwindigkeit auf. Messungen zeigen, dass in einigen kanadischen Regionen der Boden bereits so stark abgetaut ist, wie Experten es eigentlich erst für das Jahr 2090 erwartet hatten.

Aus diesem Grund hat das Umweltprogramm der Vereinten Nationen die auftauenden Böden der Nordhalbkugel als eines der gravierendsten Umweltprobleme der Menschheit identifiziert. Es sei dringend notwendig, diese Kohlenstoffspeicher zu erhalten, heißt es in einem Bericht.

mit dpa


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