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„Ich kann nicht trauern“

Queen Elizabeth II. – Koloniale Vergangenheit überschattet Andenken an die verstorbene Königin

Die britische Königin Elizabeth II. ist am Donnerstag im Alter von 96 Jahren gestorben.

Die britische Königin Elizabeth II. ist am Donnerstag im Alter von 96 Jahren gestorben.

Nairobi. Als Elizabeth 1952 Königin von England wurde, erbte sie auch Millionen Untertanen rund um die Welt – viele davon wenig angetan, der Krone in London anzugehören. Der Tod der Queen löst nun in den einstigen Kolonien gemischte Gefühle aus. Ärger und Wut gehören dazu.

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Neben den öffentlichen Bekundungen, die die Beständigkeit und den Dienst der Monarchin für das Empire und später Commonwealth würdigten, kommen Töne von Bitterkeit hoch. Die drückenden Hinterlassenschaften des Kolonialismus klingen an, von der Sklaverei über Prügelstrafe in Schulen bis hin zu geplünderten Kunstschätzen, die in britischen Museen zur Schau gestellt wurden. Für viele in Afrika, Asien oder der Karibik ist auch Elizabeth II. in ihren sieben Jahrzehnten auf dem Thron ein Sinnbild für die kolonialen Lasten geworden.

„Ich kann nicht trauern“

In Kenia, wo Elizabeth damals vom Tod ihres Vaters und ihrer neuen Rolle als Königin erfuhr, postete die Anwältin Alice Mugo nach dem Tod der Königin ein Foto eines verblassten Dokuments. Es stammt aus dem Jahr 1956, vier Jahre nach Beginn der Regentschaft der Queen, als Großbritannien mit aller Härte auf den damaligen Mau-Mau-Aufstand gegen die Kolonialherrschaft in Kenia reagierte.

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„God Save the King“: Charles III. offiziell zum König ernannt

Mit dem Tod seiner Mutter Elizabeth am vergangenen Donnerstag war die Königswürde auf Charles, die Nummer eins der Thronfolge, übergegangen.

Das Dokument, das Mugo verbreitete, ist ein Passierschein. Wie Mugos Großmutter waren zahlreiche Kenianerinnen und Kenianer auf die Erlaubnis der Briten angewiesen, um sich von einem Ort zum anderen bewegen zu dürfen. Rund 100.000 weitere ihrer Landsleute wurden in Lagern festgehalten, oft unter menschenrechtswidrigen Bedingungen. „Die meisten unserer Großeltern wurden unterdrückt“, twitterte Mugo in den Stunden nach dem Tod der Queen. „Ich kann nicht trauern.“

Kenias scheidender Präsident Uhuru Kenyatta, dessen Vater Jomo Kenyatta auch zu Zeiten von Königin Elizabeth II. inhaftiert war, bevor er 1964 erster Präsident des ostafrikanischen Landes wurde, betonte hingegen ebenso wie andere Staats- und Regierungschefs der früheren Kolonien die Verdienste der Queen. In seiner Würdigung nannte Kenyatta die britische Monarchin eine Ikone des 20. und 21. Jahrhunderts.

Wie Nostalgie und Schmerz zusammengehen

Abseits der offiziellen Würdigungen dominieren neue Rufe nach einer Entschuldigung für Ausbeutung und Missbrauch seitens der Kolonialmacht. Andererseits klingt aber auch Nachsicht mit der Queen an. Er erinnere sich an die britische Reaktion auf den Mau-Mau-Aufstand mit großer Bitterkeit, sagt der Kenianer Max Kahindi in Nairobi. Aber Elizabeth sei damals „eine sehr junge Lady“ gewesen, gibt er zu bedenken. „Wir können die Queen nicht für alles Leid verantwortlich machen, das wir zu dieser Zeit hatten.“

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Timothy Kalyegira, Politikanalyst in Uganda, spricht von einer anhaltenden „geistigen Verbindung“ zwischen den Erfahrungen aus Kolonialzeit und Commonwealth. „Es ist ein Moment des Schmerzes, ein Moment der Nostalgie“, sagt er. Die würdevolle Persönlichkeit und das Alter der Queen hätten aber die Kritik ein Stück weit gedämpft, meint Kalyegira. Elizabeth II. sei eher als „Mutter der Welt“ gesehen worden.

In Elizabeths Regierungszeit fiel der einschneidende Wandel des Kolonialreichs zum Commonwealth of Nations. Von Ghana bis Simbabwe, in der Karibik oder im arabischen Raum wurden immer mehr Länder unabhängig. Für so manche Historiker ist der weitgehend friedliche Übergang vom Empire zum Commonwealth, einem Zusammenschluss von 56 Nationen, auch ein Verdienst der Londoner Königin. Doch als solche verkörperte sie unumgänglich ebenso eine Nation, die sich oft rücksichtslos über die von ihr unterworfenen Völker hinwegsetzte.

Jamaika will sich von Krone lösen

Die Erinnerung an die Queen gehe mit widersprüchlichen Gedanken und Gefühlen einher, bestätigt Maziki Thame, Dozentin für Entwicklungsstudien an der University of the West Indies in Jamaika. Dort hatte die Regierung während des Besuchs von Prinz William, dem jetzt neuen britischen Thronfolger, in diesem Jahr angedeutet, den Karibikstaat von der britischen Krone lösen zu wollen.

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Die jüngere Generation der Royals lasse eine größere Sensibilität für die Folgen des Kolonialismus erkennen, würdigte Thame die Signale des Königshauses. William hatte bei dem Besuch sein Schmerz und Bedauern über die Sklaverei zum Ausdruck gebracht.

Große Begeisterung für die Krone können aber wohl auch die jungen Royals nicht mehr entfachen. Dass die älteren Jamaikanerinnen und Jamaikaner der verstorbenen Queen große Wertschätzung entgegenbrächten, wundere sie nicht, sagt die Aktivistin Nadeen Spence. Sie sei von den Briten immer als „diese wohlwollende Königin“ dargestellt worden.

Aber die jungen Leute seien von der königlichen Familie nicht so beeindruckt. Ihr sei bei der Nachricht vom Tod der Königin nur der Gedanke gekommen, dass sie nie für die Sklaverei um Entschuldigung gebeten habe. „Sie hätte sich entschuldigen sollen.“

RND/AP

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