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  • Die Marke Queen: Warum die britische Monarchie bislang nicht abgeschafft werden konnte

Die Monarchie lebt von der Marke Queen

  • Die weltweite Anteilnahme am Tod Prinz Philips hat gezeigt: Das Interesse an den britischen Royals ist ungebrochen.
  • Selbst Interviews wie kürzlich jenes von Meghan und Harry können das Haus Windsor nicht nachhaltig erschüttern.
  • Warum auch schärfste Kritiker die Monarchie bislang nicht abschaffen konnten.
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Es hätte ein großer Tag werden sollen – einer von vielen im Leben Elizabeths II. Am 21. April begeht die britische Königin ihren 95. Geburtstag. Nun feiert die Queen gewöhnlich im April nicht sehr ausgelassen, da der Geburtstag eines Monarchen im Vereinigten Königreich traditionell im Juni begangen wird, wenn das Wetter besser ist. Doch in diesem Jahr dürfte ihr wohl gar nicht nach Feiern zumute sein.

Der Tod ihres Ehemanns Prinz Philip überschattet den Geburtstag der Queen. Mehr als 73 Jahre waren die beiden verheiratet, die eine ohne den anderen schien unvorstellbar. An diesem Wochenende wird Philip beigesetzt – wegen der strengen Corona-Auflagen in überaus kleinem Rahmen. Elizabeths Volk kann die Trauerzeremonie lediglich im Fernsehen verfolgen. Und so viel ist bereits jetzt sicher: Sehr viele Menschen werden es tun – in Großbritannien wie im Rest der Welt.

Die Windsors sind längst mehr als bloße Vertreter eines in die Jahre gekommenen Adelsgeschlechts. Sie sind, wenn man so will, internationale Stars.

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Eine Nation trauert: Porträts des verstorbenen Prinz Philip in einem Galeriefenster in Windsor.

Das Interview von Harry und Meghan

Das scheint angesichts des jüngsten Skandals zumindest ein wenig skurril. Als Elizabeths Enkel Harry und seine Frau Me­ghan Anfang März im US-Fernsehen von Rassismus und Mobbing im britischen Königshaus erzählten, schockierten sie das Fernsehpublikum. Von fehlendem Verständnis war da die Rede und dem ewigen Druck der Medien. Erzählt von jenen, die Teil des Systems waren – der Aufschrei war laut.

Die Monarchie gerate ins Wanken, riefen manche bereits kurz nach der Ausstrahlung. Wie zeitgemäß, fragten sie, sei dieser ganze Zirkus mit edlen Palästen, teuren Zeremonien und teilweise anachronistischen Bräuchen eigentlich noch? Der Königin etwa gehören per Gesetz die meisten Schwäne in Großbritannien, außerdem die Delfine und Wale vor der Küste. Geht’s noch?

Es dauerte nicht lang, da stellten sich viele eine ganz andere Frage: Was ist bloß in das junge Prinzenpaar gefahren, dass es ausgerechnet vor einem Millionenpublikum Intimstes ausplaudert und jene angreift, in deren Schoß es jahrelang ganz gut aufgehoben schien? War da noch was mit einer Belastungsprobe der Monarchie? Die Probe schien jedenfalls nur wenig später bestanden.

Eine Entwicklung, die nicht neu ist: 67 Prozent der Briten sprachen sich Ende vergangenen Jahres in einer YouGov-Umfrage für den Erhalt der Monarchie aus. Nur 21 Prozent waren dagegen.

Die starke Bindung der Briten an die Monarchie

„Wenn Mitglieder des Hauses Windsor öffentlich etwas bekannt geben, das der königliche Haushalt lieber privat halten würde, gibt es einen unvermeidbaren Sturm des Interesses der Medien in der Welt“, sagt Ed Owens, promovierter Historiker und Autor des Sachbuches „The Family Firm“ über frühe mediale Strategien der Königsfamilie. Doch die Royals hätten im Laufe der Jahre viel Anerkennung aufgebaut. „Diese starke Bindung an die Monarchie hat dafür gesorgt, dass die königliche Familie diese eher negativen Momente überstanden hat und wohl gedeiht bis zum heutigen Tag“, erklärt er.

Negative Schlagzeilen gibt es immer mal wieder – das ist bei einem derart im Fokus stehenden Kon­strukt wie der britischen Monarchie kaum überraschend. Meist verpuffen die Meldungen. Nur die großen, teilweise tragischen Ereignisse finden Fortsetzungsgeschichten und halten sich länger im Bewusstsein – allen voran der Tod Dianas (1997) und der zunächst verhaltene Umgang der königlichen Familie damit, aber auch Dianas berühmtes Interview in der BBC-Sendung „Panorama“, in der sie unter anderem die Hintergründe des Scheiterns ihrer Ehe ausbreitete (1995). Oder der Auftritt des jungen Prinz Harry in Nazi-Uniform auf einer Kostümparty (2005).

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Auf fast jede dieser Schlagzeilen meldete sich in Zeitungen, auf Websites und im Fernsehen oder Radio jemand zu Wort, um die Frage nach der Berechtigung der Monarchie zu stellen. Aber alle diese Aufschreie haben stets denselben nachhaltigen Effekt: nämlich keinen.

Der Queen sind Anfeindungen nicht unbekannt

Queen Elizabeth II. dürfte dieses Klima der Anfeindungen ohnehin nicht unbekannt sein. Genau genommen ist sie damit aufgewachsen. Als sie zehn Jahre alt war, wurde ihr Onkel Edward VIII. König. Seine Herrschaft währte nicht einmal ein Jahr, weil er es vorzog, mit der zweimal geschiedenen Amerikanerin Wallis Simpson zu leben – ein Affront gegen das strenge Protokoll des Königshauses.

Die Krönung von Elizabeth II. zur Königin des Vereinigten Königreichs, Kanadas, Australiens, Neuseelands, Südafrikas, Pakistans und Britisch-Ceylons fand am 2. Juni 1953 in der Westminster Abbey in London statt. Proklamiert wurde Elisabeth zur Königin jedoch schon ein Jahr vorher am 6. Februar 1952, nachdem ihr Vater verstorben war, © Quelle: imago/United Archives International
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Sein Nachfolger, sein Bruder Georg VI., Elizabeths Vater, schaffte es in den Wirren des Zweiten Weltkrieges nur ansatzweise, sein Volk zu begeistern. Die Briten jubelten Churchill zu, aber das Königshaus rückte aus ganz profanen Gründen in den Hintergrund: In erster Linie wollten die Menschen überleben. Als Georg VI. 1952 im Alter von nur 56 Jahren starb, litt Großbritannien noch immer stark unter den Nachwehen des Krieges. Lebensmittel waren nach wie vor rationiert, die Schäden der Bombenangriffe der Deutschen in vielen Städten noch deutlich sichtbar. Die Thronfolge der damals erst 25-jährigen Elizabeth schien in dieser Hinsicht für viele ein Zeichen des Aufbruchs zu sein. Die Queen nahm diese Stimmungslage dankend auf.

„Die Königin ist der Schlüssel zur britischen Monarchie“, analysiert Historiker Owens. „Sie fungiert als Symbol der Tradition, und ihr Schlagwort ist ‚Pflicht‘.“ Beides spreche große Teile der britischen Öffentlichkeit an. „Elizabeth II. ist gleichzeitig ein Symbol für Familienwerte“, sagt Owens, „und obwohl ihre Kinder nicht immer ein tugendhaftes Privatleben geführt haben, war ihre eigene Ehe – soweit wir wissen – stark, und die einfachen Leute identifizieren sich mit ihr als Symbol für hohe moralische Werte.“

Der Schlüssel der Monarchie

Gerade jene, die das Königshaus immer wieder in seinen Grundfesten erschüttern mögen, scheinen zugleich der Garant für dessen Erfolg zu sein. „Ohne die Medien gäbe es keine Monarchie“, ist sich der Historiker sicher. Bereits seit den Zwanzigerjahren seien Medien der Schlüssel zur Bekanntmachung sowohl der täglichen Aktivitäten der königlichen Familie – etwa öffentlichen Besuchen oder Wohltätigkeitsarbeit – als auch der außergewöhnlichen Aktivitäten wie königliche Hochzeiten oder Krönungen. „Die Medien haben die Monarchie für gewöhnliche Mitglieder der Öffentlichkeit bedeutungsvoll gemacht“, sagt Owens. Sie seien eine Art Schlüsselkanal, über den Leser, Zuschauer und Zuhörer emotionale Bindungen zu den Royals aufbauen konnten.

Der Tod Philips hat viele Briten berührt. Die weitaus meisten haben selbst nie einen anderen Monarchen als Elizabeth II. erlebt. Sie selbst erfreut sich offenbar nach wie vor bester Gesundheit – doch angesichts ihres bevorstehenden 95. Geburtstags drängt sich eine Frage auf: Wird die britische Monarchie auch unter ihrem Nachfolger bestehen können? „Die Monarchie wird sich sehr verändern, je nachdem, welcher König den Thron besteigt“, ist sich Royals-Experte Owens sicher. „Sowohl Charles als auch William werden nach der sehr langen Regierungszeit von Elizabeth II. ihre Spuren in der Institution der Monarchie hinterlassen wollen.“

Dazu könnte das schon jetzt deutliche Engagement der beiden für Natur und Klimaschutz gehören. Eines aber dürfte höchst unwahrscheinlich sein: dass mit Elizabeth II. irgendwann auch die Monarchie auf der Insel ein Ende findet – und zwar nicht nur, weil man sich dann Gedanken über den offiziellen Staatsnamen machen müsste, das Vereinigte Königreich. Es ist die Verästelung der britischen Monarchie, die das Ganze komplizierter macht.

Die Queen ist Staatsoberhaupt vieler Länder

Die Queen steht qua Amt auch an der Spitze der anglikanischen Kirche und des Commonwealth of Nations. Zudem ist sie de facto Staatsoberhaupt in 15 weiteren Staaten – unter anderem Kanada, Australien und Neuseeland. Sollte das Haus Windsor also künftig nicht mehr den König von Großbritannien stellen dürfen, wohl aber das Staatsoberhaupt von Kanada? Dieses Konstrukt scheint kaum vorstellbar.

Daheim in Großbritannien prangt das Konterfei der Queen nicht nur auf Briefmarken, Münzen und Banknoten – auch sämtliche Pässe sind in ihrem Namen ausgestellt. Die Post ist hier nicht einfach die Post, sie ist die Royal Mail. Der britische Monarch ist so sehr mit dem Alltag eines jeden einzelnen Briten verwoben, dass es undenkbar scheint, seinen Titel von heute auf morgen auszuradieren.

Die britische Königin Elizabeth II. und ihr Ehemann Prinz Philip, Herzog von Edinburgh, im vergangenen Jahr anlässlich ihres 73. Hochzeitstages in Schloss Windsor. © Quelle: Chris Jackson/Buckingham Palace/

Auch Historiker Owens ist skeptisch: „Ich denke nicht, dass die britische Öffentlichkeit ihre Monarchie bald loswird.“ Die globalen Verbindungen und die Rolle der Queen als Teil eines größeren Commonwealth verliehen der Monarchie – und Großbritannien – eine globale Bedeutung, die ihr sonst fehlen würde. In einem Klima des wachsenden Nationalismus, in dem sich die Briten seit den frühen Brexit-Diskussionen befinden, dürfte eine Abkehr dieser Position undenkbar sein.

Das noch junge Jahr 2021 hat das Königshaus zweifelsfrei auf eine ihrer härtesten Belastungsproben gestellt. Im nächsten Jahr aber könnte vieles erfreulicher aussehen: Am 6. Februar jährt sich Elizabeths Tag der Thronbesteigung zum 70. Mal. In Großbritannien nennt man das „Platin Jubilee“. Gefeiert werden soll es entsprechend groß – natürlich im Juni, wenn britische Könige sich feiern lassen. Tradition bleibt eben Tradition.

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