Die Macht der Familie: Clankriminalität in Deutschland

  • Erst am Dienstag ist der Polizei ein Schlag gegen die „Schattenwelt der Clans“ gelungen.
  • Lange Zeit hat man das Problem mit kriminellen Großfamilien in Deutschland nicht ernst genug genommen.
  • Und während Behörden und Ermittler von mafiösen Strukturen sprechen, warnt ein Anwalt vor Sippenhaft.
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Das Aufgebot war schon beachtlich. 600 Polizisten durchsuchten am Dienstag in Nordrhein-Westfalen Wohnungen, Büros und Geschäfte. Mit der Aktion wollten sie gegen kriminelle Clans vorgehen. Und das mit allen Mitteln.

In Leverkusen war gar ein Polizeipanzer im Einsatz, um den Beamten Zugang zu einer Villa zu verschaffen, in der ein Hauptbeschuldigter, seine Ehefrau sowie zwei Söhne verhaftet wurden. Nach Informationen der „Bild“-Zeitung handelt es sich bei dem 46-jährigen Vater um ein führendes Mitglied des Al-Zein-Clans. Ende Januar hatte der langjährige Berliner Clanchef, bekannt als „Pate von Berlin“, Deutschland verlassen, bevor er von den Behörden abgeschoben werden sollte.

Die Schattenwelt der Clans ist groß, mächtig und unübersichtlich

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Nach Angaben von Staatsanwaltschaft und Polizei Düsseldorf sowie vom Landeskriminalamt war die Polizei im Rheinland, Bergischen Land, am Niederrhein und im Ruhrgebiet an dem Dienstag im Großeinsatz. Es sei ein großartiger Tag im Kampf gegen die Clankriminalität, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) nach der Aktion. „Mit jedem Einsatz dringen wir tiefer in den kriminellen Sumpf und in die Schattenwelt der Clans ein.“ Und diese Schattenwelt ist groß, mächtig und unübersichtlich.

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Es ist noch gar nicht so lange her, da gingen Straftaten krimineller Familienclans in die Statistik der organisierten Kriminalität (OK) auf – und damit auch unter. Erst seit 2018 geht der Bundeslagebericht OK des Bundeskriminalamtes dezidiert auf die Clankriminalität ein und unterscheidet die Taten von anderen Formen des organisierten Verbrechens. Allein in Berlin sind im vergangenen Jahr mehr als doppelt so viele Ermittlungsverfahren gegen Clans geführt worden als im Jahr zuvor. Kriminelle Clans werden durch das Bundeskriminalamt definiert als ethnisch abgeschottete Subkulturen, die in der Regel patriarchalisch-hierarchisch organisiert sind und einer eigenen Werteordnung folgen.

Kriminalität als lohnendes Geschäft

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Dabei ist das Phänomen der Clankriminalität nicht neu, sondern ein Problem, das in den 1980er-Jahren seinen Anfang genommen hat. Infolge des libanesischen Bürgerkriegs emigrierten damals insbesondere staatenlose arabische und palästinensische Großfamilien nach Deutschland. Da ihnen hier zunächst der Zugang zum Arbeitsmarkt verwehrt blieb und ihre Kinder nicht schulpflichtig waren, förderte dies die Entstehung entsprechender Parallelgesellschaften. Die Kriminalität erwies sich als lohnendes Geschäft.

„Die Familien haben in ihrer langen Geschichte erlebt, dass niemand sie an ihren Siedlungsorten im Nahen Osten respektiert oder unterstützt. Sie haben gelernt, dass sie sich selbst um ihre Interessen kümmern müssen und haben deshalb ‚ihr‘ Recht in die eigene Hand genommen”, sagt Thomas Jungbluth, Leitender Kriminaldirektor und zuständig für organisierte Kriminalität im Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Es sei so eine archaisch geprägte Subkultur entstanden, in der der Staat nicht mehr anerkannt werde und damit der Nährboden geschaffen sei für organisierte Kriminalität, so Jungbluth. Gleichzeitig ist ihm wichtig zu betonen, dass „nicht jedes Mitglied dieser Familien kriminell“ ist.

Thomas Jungbluth, Abteilungsleiter organisierte Kriminalität im NRW-Landeskriminalamt, am Dienstag bei einer Pressekonferenz. © Quelle: imago images/Michael Gstettenbauer

Wie viele Personen zu den kriminellen Familienstrukturen gehören, lässt sich kaum beziffern. Das Bundeskriminalamt (BKA) unterscheidet in seinem regelmäßigen Lagebild nach Herkunft der Großfamilien. Demnach gibt es sogenannte Mhallamiye-Kurden aus dem Südosten der Türkei und Libanon, es gibt arabischstämmige, türkischstämmige Gruppen und solche, die vom Westbalkan oder aus den Maghreb-Staaten stammen. Das Spektrum der Straftaten krimineller Großfamilien ist breit: Drogen- und Waffenhandel, Geldwäsche, illegales Glücksspiel, Überfälle auf rivalisierende Gruppen bis hin zum Mord. Der Großteil der kriminellen Geschäfte macht laut BKA der Handel und Schmuggel mit Rauschgift aus. Dabei agierten einige Familien auch international.

Spektakuläre Straftaten sorgen für Schlagzeilen

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Über zwei Drittel der Ermittlungen erfolgten in den vergangenen Jahren in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bremen und Berlin. Mittlerweile sind in Deutschland Familiennamen wie Remmo, Miri, Al Zein, Ali-Khan oder Abou-Chaker berühmt berüchtigt geworden. Immer wieder sorgen spektakuläre Straftaten wie der Einbruch in die historische Museumssammlung Grünes Gewölbe in Dresden oder der Diebstahl einer 100 Kilogramm schweren Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum für Schlagzeilen.

Einsatzkräfte der Polizei stehen im November 2019 neben dem durchtrennten Gitterfenster des Grünen Gewölbes am Residenzschloss. Die Polizei hatte im Zusammenhang mit dem Juwelendiebstahl aus dem Grünen Gewölbe in Dresden einen der gesuchten Zwillinge aus dem Berliner Clanmilieu gefasst. © Quelle: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbil

Für ebenso großes Interesse samt Glamourfaktor sorgt der laufende, gefühlt endlose Prozess von Rapper Bushido gegen Clanchef Arafat Abou-Chaker. Da treffen Männer mit Goldkettchen, teuren Uhren, schnellen Sportwagen und Bösewicht-Image aufeinander. Ein Bild, das bestimmte Mechanismen bediene, aber nicht zutreffend sei, so Burkhard Benecken gegenüber dem RND. „Über arabische Großfamilien wird einseitig berichtet. Sowohl die Politik als auch die Medien suggerieren, dass die Familien durch und durch kriminell sind”, sagt der Anwalt aus Marl, der immer wieder Mitglieder aus bekannten Clans vertritt und sich in seinem jüngsten Buch „Clan-Land” belletristisch mit der Szene auseinandersetzt.

Anwalt kritisiert Sippenhaft

Anders als viele andere Experten erkennt er keine mafiösen Clanstrukturen in Deutschland. Benecken kritisiert die Sippenhaft und nennt ein Beispiel aus seiner Praxis: Er vertrete einen 16-Jährigen, dem aufgrund seines bekannten arabischen Namens die Eröffnung eines Kontos verwehrt werde. Der Anwalt bemängelt auch die Statistiken, die ein nicht zutreffendes Gewaltpotenzial ausdrücken würden. „Viele der unter Clankriminalität aufgeführten Straftaten haben nichts mit Gewalt zu tun, sondern sind Trunkenheitsfahrten oder Sozialbetrug.”

Jedes Bundesland hat mittlerweile eine Strategie gegen Clans entwickelt: Niedersachsen geht beispielsweise mit neuen Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften gegen kriminelle Familien vor. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul setzt auf die „Strategie der 1000 Nadelstriche”, wie er es nennt. Das heißt, dass Razzien, Hausdurchsuchungen, regelmäßige Kontrollen und die konsequente Verfolgung von Straftaten die Clans schwächen und zu normkonformem Verhalten bewegen sollen. „Damit senden wir auch ein Signal aus nach dem Motto: Ihr könnt hier nicht machen, was ihr wollt”, sagt Thomas Jungbluth.

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Berlin hat seit dem 1. April 2019 das Zentrum für Analyse und Koordination zur Bekämpfung krimineller Strukturen im Landeskriminalamt eingerichtet. Neben Ressourcenbündelung geht es um die Zusammenarbeit mit anderen Behörden im Land Berlin, der Bundesrepublik Deutschland sowie auf internationaler Ebene. Das Land hat in der jüngsten Vergangenheit mit Großrazzien mehrere Erfolge verbuchen können.

Durch Aktionen den Geldhahn zudrehen

Bei den Aktionen wird den Betroffenen auch der Geldhahn abgedreht. Seit der Gesetzesreform 2017 können Behörden leichter kriminell erlangtes Vermögen einkassieren. Den Ämtern ist erlaubt, auch Sachwerte einzubeziehen, wenn unklar ist, mit welchem Geld sie bezahlt wurden oder wenn der Verdacht der Geldwäsche besteht. So beschlagnahmte 2018 im Fall des Remmo-Clans in Berlin das Amtsgericht 77 Immobilien der Großfamilie im Wert von rund 9 Millionen Euro. Etliche Beschwerden dagegen sind bislang gescheitert.

Video
Razzia gegen Drogenkriminalität: Bundesweite Untersuchungen und Festnahmen
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In mehreren Städten an Rhein und Ruhr rücken am Morgen Spezialkräfte der Polizei an.  © dpa

Als Strategie gegen Clankriminalität setzen die Behörden auch verstärkt auf Prävention. Ein schwieriges Unterfangen. Insbesondere für jüngere Familienmitglieder ist es ein schwerer Schritt, sich von den kriminellen Strukturen innerhalb eines Clans zu lösen. In NRW hat sich unter anderem dafür die Sicherheitskooperation Ruhr zur Bekämpfung der Clankriminalität (SIKO Ruhr) gebildet. Die Kooperation vernetzt Behörden. „Sie erhöht den Druck, weist aber auch Wege aus dem Milieu”, sagte NRW-Innenminister Herbert Reul bei der Vorstellung im Dezember 2019. Immerhin ist das Problem der Clankriminalität erkannt. Gebannt ist es noch lange nicht.

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