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Arzt will letzten Wunsch erfüllen

Der Traum vom selbstbestimmten Tod: mit einer „Selbstmordkapsel“ ins Jenseits

Philip Nitschke hat die Selbstmordkapsel Sarco empfohlen.

Philip Nitschke hat die Selbstmordkapsel Sarco empfohlen.

2012 erhielt die Sterbehilfeorganisation Exit International die Bitte, eine technologische Lösung für den Freitod eines Briten zu finden, der am Locked-in-Syndrom litt und fast vollständig gelähmt war. Daraufhin entwickelte der Gründer der Organisation, der australische Arzt Philip Nitschke, ein Gerät namens Sarco.

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Sarco wirkt auf den ersten Blick ein wenig wie ein hochmoderner Pod, den Elon Musk entwickelt haben könnte, um in Tunneln in Sekundenschnelle große Distanzen zu überbrücken. Distanzen will auch Sarco überbrücken – doch weniger die messbaren als vielmehr den Schritt zwischen Leben und Tod. Die Kapsel aus dem 3‑D-Drucker soll Menschen helfen, sich selbst zu töten – ein Thema, das in vielen Ländern und Kulturen nach wie vor ein Tabuthema ist und sich zudem oftmals in einer rechtlichen Grauzone befindet.

Mit Sarco können Sterbewillige per Knopfdruck ihr Leben beenden. Die Kapsel, die an jeden Ort gebracht werden kann, den der Sterbende sich wünscht, wird danach mit Stickstoff geflutet. Das heißt, der Sauerstoff­gehalt in der Kapsel wird abgebaut, sodass der Mensch im Inneren schmerzlos das Bewusstsein verliert und in ungefähr zehn Minuten stirbt. „Sarcos Ziel ist es, den Sterbeprozess zu entmedizinisieren“, erklärte Nitschke. Das Gerät ermögliche es mündigen Erwachsenen, „einen friedlichen, zuverlässigen Freitod zum Zeitpunkt ihrer Wahl zu haben“.

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Meist geht es darum, mit solch einem Tod das Leiden eines todkranken Menschen zu verkürzen. Diese Idee des barmherzigen Todes ist dabei nicht neu: In der Abhandlung „Zwei Pioniere der Euthanasie um 1800″ berichtet der Autor Michael Stolberg beispielsweise von Menschen, die an den Beinen von Erhängten zogen, um deren Tod zu beschleunigen und ihr Leiden damit zu verkürzen. Als weiteres Beispiel führte er den Bericht eines französischen Chirurgen namens Ambroise Paré an. Dieser schrieb in seiner Autobiografie darüber, wie ihn ein unverletzter Soldat einst fragte, ob drei schwer verletzte Kameraden eine Chance hätten zu überleben. Als der Arzt dies verneinte, schnitt der unverletzte Soldat ihnen die Kehle durch.

Bei Haustieren gilt es heutzutage als selbstverständlich, dass sie zum Tierarzt gebracht werden, um eingeschläfert zu werden, sobald der Halter das Gefühl hat, das Tier leidet nur noch und kann sein Leben nicht mehr genießen. Doch dem Menschen wird die gleiche „Gnade“ in den meisten Ländern nach wie vor verweigert. Letzteres liegt an dem ethischen Dilemma, das ohne Frage besteht. So argumentieren Gegner der Sterbehilfe häufig damit, dass eine „Normalisierung“ dieser dazu führen könnte, dass ältere Menschen diese Option wählen würden, um den jüngeren nicht mehr zur Last zu fallen. Sie würden sich damit quasi verpflichtet fühlen, ihr Leben zu beenden.

Der Tod sollte „friedlich“ und „zuverlässig“ sein

Das ethische Dilemma beim Thema Sterbehilfe ist nicht einfach zu lösen. Dabei ergeben Umfragen laut des Sterbehilfeexperten Nitschke beständig die gleichen Antworten: Die meisten Menschen wünschen sich einen „friedlichen“ und „zuverlässigen“ Tod. Letzteres entspricht im Allgemeinen dem Wunsch, schmerzlos im Schlaf zu sterben. „Sarco liefert da eine gute Annäherung“, meinte der Australier. Der 74‑Jährige möchte sein eigenes Leben irgendwann auch einmal mit Hilfe von Sarco beenden. Zwar habe er das Glück, Zugang zu den besten Medikamenten – wie dem schwer erhältlichen Barbiturat Nembutal – zu haben, „aber ich mag den Stil und die Eleganz des Sarco“, sagte er. Dieser lasse sich an einen idyllischen Ort bringen und mache den Tod zu einem Ereignis.

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In Nitschkes Augen ist der Zugang zu einem friedlichen, zuverlässigen Wahltod ein „Recht“ für jeden mün­digen erwachsenen Menschen und nicht nur ein „Privileg“, das denjenigen gewährt werden sollte, die krank genug sind, um sich zu qualifizieren. Teil des Sarco-Projekts ist deswegen auch die Entwicklung eines Tests, der mithilfe von künstlicher Intelligenz prüft, ob ein Mensch auch wirklich all seine geistigen Kapa­zitäten besitzt. Dass Nitschke auch Menschen, die nicht krank sind, beim Selbstmord Hilfe bieten möchte, hat ihn jedoch vor allem in seinem Heimatland Australien bereits zum Paria gemacht. Als er 2014 einen 45‑Jährigen aus Perth, der nicht schwer krank war, beim Freitod beriet, erzeugte dies im Land einen Aufschrei.

Komplexe Gesetzgebung

Bei gesunden Menschen Beihilfe zum Suizid zu leisten ist in den meisten Ländern gesetzlich verboten. Auch in den Niederlanden, wo Nitschke inzwischen lebt, wäre es ein Verstoß gegen das niederländische Recht, Sarco jemandem zur Verfügung zu stellen, der nicht krank ist. Nur in der Schweiz ist so ein Fall nicht strafbar, es sei denn, die Hilfe wurde „aus selbstsüchtigen Beweggründen“ gegeben. Die wenigen Vorschriften in dem Alpen­land machen derzeit auch die Anwendung von Sarco möglich.

Selbst in Ländern, in denen die Gesetzgebung liberal ist, wie in den Niederlanden, in Luxemburg und Belgien, die aktive Sterbehilfe mithilfe eines Medikaments erlauben, sind die Regeln deutlich komplexer als in der Schweiz. Letzteres hält der Experte Nitschke für kritisch, da dies sehr kranke Menschen noch zusätzlich belasten würde und keine Möglichkeit bestehe, den Tod aus sozialen Gründen zu wählen. Paare würden oftmals zusammen sterben wollen, beispielsweise wenn einer krank sei und der andere mit ihm gehen wolle, sagte er. Letzteres sei bisher aber tatsächlich nur in der Schweiz möglich.

In diesem Artikel geht es um Themen wie Tod und Selbstmord. Wenn Sie in einer psychischen Krise sind und Hilfe brauchen, können Sie sich an die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 (kostenfrei) wenden. Das Infotelefon Depression ist unter der Rufnummer 0800 33 44 5 33 (kostenfrei) zu erreichen.

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