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Der Heilsprediger vom Han-Fluss: Südkoreas mächtigster Pastor gestorben

  • Yonggi Cho personifizierte das rasant wachsende Christentum Südkoreas wie kein Zweiter.
  • Der Pastor leitete die weltweit größte Kirchengemeinde der Welt.
  • Mit seinem Tod geht eine Ära zu Ende.
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Peking. Als der schmächtige Missionarsschüler Yonggi Cho in den Abendstunden des 18. Mai 1958 zur ersten Messe seines Lebens ansetzt, kommen lediglich vier Gläubige in das verlassene Armeezelt der US-Soldaten in Seoul. Der damals 22-Jährige predigt aus dem Evangelium nach Markus, als Kanzel dient ihm ein Stapel leerer Holzkisten.

60 Jahre später tritt ein gebrechlicher Mann in Anzug und Krawatte vor seine riesige Kirchengemeinde: Über zehntausend Koreaner schauen ihm an diesem Abend im Winter 2018 zu, ein halbes Dutzend Kameras übertragen die Predigt via Satellitenfernsehen und Livestream, Simultandolmetscher übersetzen seine Worte in acht Sprachen.

Vom bitterarmen Habenichts im Nachkriegskorea bis zur mächtigsten religiösen Figur des Landes: Keiner hat den rasanten Aufstieg des Christentums in Südkorea derart verkörpert wie Yonggi Cho. Am Dienstagmorgen ist der Pastor der Yoido Full Gospel Church 85-jährig verstorben. Mit seinem Tod geht im Land am Han-Fluss eine Ära zu Ende.

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Vom bitterarmen Habenichts zur mächtigsten religiösen Figur des Landes

Das Christentum hat in Südkorea die vielleicht weltweit erfolgreichste Erfolgsgeschichte im 20. Jahrhundert hingelegt. Während in vielen Teilen der Welt die Gemeinden seit Jahrzehnten schrumpfen, verfolgen Südkoreas Megakirchen einen nicht enden wollenden Expansionskurs. 19,7 Prozent aller Südkoreaner bekennen sich laut dem jüngsten Bevölkerungszensus von 2015 zum Protestantismus, weitere 7,9 Prozent zur katholischen Kirche. Damit wuchs das Christentum trotz seiner kaum 150-jährigen Historie zur populärsten Volksreligion des Landes an, noch weit vor dem Buddhismus (15,5 Prozent).

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Wer nachts auf den Seouler Namsan-Berg steigt, kann ein verstreutes Lichtermeer aus rot leuchtenden Kreuzen erblicken: Christliche Gemeinden durchziehen jeden Winkel der Metropolregion von 25 Millionen, fünf der weltweit größten Kirchen stehen hier.

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Ihr Prototyp ist zweifelsohne die Yoido Full Gospel Church. Ihr Jahresbudget beträgt laut eigenen Angaben rund 120 Millionen Dollar. Sie beheimatet mächtige Netzwerkvereine für Unternehmer, Anwälte und Doktoren. Dutzende Abgeordnete der südkoreanischen Nationalversammlung sind als Mitglieder eingeschrieben – ob aus Frömmigkeit oder schlicht aus Wahlkalkül. Die Kirche beansprucht 550.000 registrierte Mitglieder für sich, 426 Pastoren und 250 Verwaltungskräfte. Statistisch gesehen bietet sie damit jedem zehnten Protestanten des Landes eine spirituelle Heimat.

Christliche Megakirchen als Hort für Stabilität

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Wer die Gründe danach sucht, sollte einmal einem der Nachtgebete von Yonggi Cho beigewohnt haben. Jeden Mittwochabend füllte sich die Yoido Full Gospel Church bis auf den letzten Platz mit meist weiblichen Gläubigen im Seniorenalter. Sobald der Chor einen Gospel anstimmt, stehen die Christen von ihren Bänken auf, strecken ihre Hände gen Himmel, zucken mit ihren Gliedmaßen, schreien, weinen und reden in Zungen. Der Kirchensaal wird zum unmittelbaren Resonanzraum für das Leid, den Schmerz und die Hoffnung von über zehntausend Gläubigen. Eine knappe Stunde hält dieser Zustand kontinuierlicher Ekstase an, bei der jeder für sich ist und doch der Einzelne in einer Masse von Tausenden verschmilzt.

Der Aufstieg des Christentums ist unweigerlich mit den rasanten Umwälzungen der Gesellschaft verbunden. Über 90 Prozent aller Südkoreaner lebten zu Beginn der 60er-Jahre noch in Dorfgemeinschaften auf dem Land. Während die Hauptstadt Seoul schließlich schon bald um eine Million Einwohner jährlich anwächst, steigt auch die Anzahl an Christen zwischen 1965 und 1975 von 6 auf 18 Prozent. Entscheidend war auch die traumatische Art der gesellschaftlichen Umwälzung. Der Koreakrieg (1950–1953) reißt große Teile der Bevölkerung aus ihren sozialem Umfeld. Zudem geht die Urbanisierung mit einer rasant steigenden sozialen Ungleichheit einher, was das Gefühl einer existenziellen Unsicherheit erhöht. In einer turbulenten Zeit, die von Volksaufständen und einem paranoiden Überwachungsapparat geprägt ist, bieten christliche Megakirchen einen Hort für Stabilität und soziale Kontakte. „Die Großstadtslums und Flüchtlingsdörfer waren der ideale Orte für Pastoren wie Yonggi Cho, um neue Kirchenmitglieder zu missionieren“, sagt Forscher Myung Sam Suh von der University of Chicago.

Wegen illegaler Aktiengeschäfte verurteilt

Die evangelikalen Megakirchen bilden damals eine ideale Allianz für das auf Wirtschaftswachstum getrimmte Militärregime: Auch sie teilen den fanatischen Antikommunismus, der sich aus Nordkoreas rigider Unterdrückung des Christentums speist, und bekennen sich ebenfalls zum Bündnis mit den Vereinigten Staaten, dem Land der ersten christlichen Missionare.

Doch am Beispiel Yonggi Cho lässt sich auch ablesen, wie der Erfolg die damalige Pastorengeneration korrumpierte. Am 20. Februar 2014 wurde er vom Seouler Zentralgericht schuldig gesprochen, mit Kirchengeldern illegale Aktiengeschäfte im Wert von 12 Millionen US-Dollar getätigt zu haben. Weitere 3,3 Millionen Dollar hat der Pastor zudem am Fiskus vorbeigeschleust. Bei der Urteilsverkündung berücksichtigt der vorsitzende Richter Chos Beitrag für die Gesellschaft: Seine dreijährige Gefängnisstrafe wird auf Bewährung ausgesetzt. Yonggi Cho war so mächtig, dass ihm selbst das Gesetz nichts anhaben konnte.

Doch die Jugend wandte sich in den letzten Jahren zunehmend von den erzkonservativen Megakirchen ab. Nur seine treuen Anhänger, meist bereits in ihren 70ern und 80ern, hielten bis zum Tod an ihrem Heilsprediger Yonggi Cho fest.

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