Der Fall Harvey Weinstein – Wird er am Ende freigesprochen?

  • Die Anklage im Weinstein-Prozess erhält zum Prozessende hin einen Dämpfer nach dem anderen.
  • Die Verteidigung des Hollywoodmoguls weckt weiterhin Zweifel an der Glaubwürdigkeit der beiden Klägerinnen.
  • Und Weinsteins Anwältin Donna „The Bulldog“ Rotunno versteht wie keine andere, dass Gerichtsverhandlungen in den USA vor allem dramatische Inszenierungen sind.
Sebastian Moll
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Claudia Salinas möchte überall sein, nur nicht hier an diesem verregneten Morgen in Manhattan. Zuhause im sonnigen Beverly Hills vielleicht oder wenn schon in New York, dann zumindest bei einer der Modenschauen der Fashion Week, die in dieser Woche begonnen hat.

Doch stattdessen sitzt Salinas im seriösen grauen Blazer und mit streng zurückgebundenem Haar im Zeugenstand eines kargen Gerichtssaals am Foley Square. Die Schauspielerin und selbsternannte Influencerin, die von der Männerzeitschrift FHM einmal zu einer der 100 schönsten Frauen der USA gewählt wurde, soll heute im Harvey-Weinstein-Prozess aussagen, aber man merkt ihr schon bei der Vereidigung den Missmut an.

„Haben Sie jemals Weinstein nackt gesehen?“

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Die Sache wird nicht besser, als Damon Cheronis, einer von Weinsteins Anwälten, an sein Pult tritt und ohne Umschweife zur Sache kommt. „Haben Sie jemals Harvey Weinstein nackt gesehen“, eröffnet der Mann, der einen hellblauen Designeranzug und einen akkuraten Scheitel trägt, das Kreuzverhör. Salinas antwortet mit einem pikierten „Nein.“ „Waren Sie jemals mit ihm im Badezimmer eines Hotels?“ Wieder ein pampiges „Nein.“

So geht das eine Dreiviertelstunde lang. Dabei ist Salinas eine – wenn auch widerwillige – Zeugin eben jener Verteidigung, die sie hier in die Zange nimmt. Donna Rotunno, die flamboyante Chefanwältin von Weinstein, die heute in einer grellblauen Seidenbluse und mit Siebenzentimeterabsätzen angetreten ist, hat sie berufen, um die Aussage einer wichtigen Belastungszeugin zu widerlegen.

Wurde Lauren Young Weinstein „zugeführt“?

Es geht um Lauren Young, eine Drehbuchschreiberin, die am Freitag zuvor im Saal von Richter James Burke aufgetreten war. Vor ziemlich genau sieben Jahren, so hatte Young ausgesagt, habe Weinstein sie in das Badezimmer des Montage-Hotels in Hollywood gedrängt, sich vor ihr ausgezogen, sie befingert und sich dabei selbst befriedigt.

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Youngs Fall steht nicht zur Verhandlung, doch ihr Auftritt könnte einen erheblichen Einfluss auf das Strafmaß haben. Ihre Aussage und die von drei anderen Weinstein Opfern sollen ein „Muster von sexuell räuberischem Verhalten“ demonstrieren.

Laut Young hat Salinas bei dem damaligen Vorfall eine entscheidende Rolle gespielt. Salinas, die überaus gute Verbindungen in Hollywood hat, hatte Young mit Weinstein zusammengebracht. Und nicht nur das, Young behauptet, Salinas sei ebenfalls in fraglichem Hotelzimmer gewesen und zwar als Handlangerin von Weinstein. Die gebürtige Mexikanerin habe sie sogar in das Badezimmer geschubst und hinter ihr die Tür verriegelt.

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Deprimierende Gerichtstage – und ein einzelner Lacher

Selbstverständlich verwahrt sich Salinas gegen solche Vorwürfe. Ebenso, wie gegen Verdächtigungen, sie habe regelmäßig Weinstein Frauen zugeführt. Als die Anklage sie mit einer E-Mail von Weinstein konfrontiert, in welcher er sie bittet, doch ihre hübschen Freundinnen zu den nächsten Partys mitzubringen, erntet Salinas den einzigen Lacher des ansonsten eher beklemmenden Tages im Gerichtssaal: „Alle meine Freundinnen sind hübsch“, sagt sie.

Am Ende bringt Salinas die unangenehme Pflichtübung in Manhattan mit erhobenem Haupt hinter sich. Die Versuche der Anklage, Löcher in ihre Aussage zu fragen, prallen ab. Sie wirkt glaubwürdiger als Young, die unter anderem behauptet hatte, sie habe gar nicht gemerkt, dass sie in ein Hotel- und dann in ein Badezimmer gelaufen sei.

Weinstein, dem Salinas selbst einen Korb gegeben hatte, steht in der Aussage zwar als aufdringlich da. Aber nicht als jemand, der kein Nein akzeptieren würde.

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Mann habe von Weinstein als „Seelenverwandten“ gesprochen

Die Aussage von Salinas ist ein erneuter Dämpfer für die Anklage im Weinstein-Prozess und man merkt an diesem Vormittag den beiden Staatsanwältinnen Joan Illuzzi und Megan Hunt den Frust an. Auch bei der zweiten Zeugin des Tages, der brasilianischen Schauspielerin Talita Maia, läuft es nicht rund. Maia, eine ehemals enge Freundin einer der beiden Hauptklägerinnen, Jessica Mann, beschreibt ausführlich, dass Mann eine anhaltende Beziehung zu Weinstein unterhielt und sich niemals etwas von einem etwaigen Missbrauch habe anmerken lassen.

Nicht einmal, als Maia im Nebenzimmer saß, während Weinstein und Mann Sex hatten, sei etwas von einer Auseinandersetzung oder von Gewaltanwendung zu hören und zu sehen gewesen. Mann habe sogar von Weinstein als ihrem „Seelenverwandten“ gesprochen. Am Tag nach der mutmaßlichen Vergewaltigung hat sie Herzchen in ihr Tagebuch gemalt.

Es bleibt der Eindruck von Einvernehmlichkeit

Illuzzi, in einen biederen karierten Wollrock und einen schwarzen Rollkragenpullover gekleidet, versucht vergeblich, bei den Geschworenen Zweifel an Maias Aussage zu provozieren. Doch der Damm hält. Es bleibt der Eindruck, dass die langjährige Beziehung einvernehmlich war.

Weinsteins Verteidigerin Donna Rotunno ist sichtlich zufrieden. Es läuft für sie, die Zeuginnen verrichten ihr Werk. In den Prozesspausen wandelt Rotunno selbstbewusst durch den Saal, begrüßt Journalisten, setzt sich zu einem Plausch mit auf die Zuschauerbänke.

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Ihre Taktik der vergangenen Tagen scheint aufzugehen. Die Anklage hat bereits am Ende der zweiten Prozesswoche aufgehört, Zeugen aufzurufen. Ab jetzt gehört das Feld ganz Rotunno und ihrem Team.

Es sieht gut aus für Weinstein und das Team von Donna Rotunno

Und es sieht gut aus für Weinstein und Rotunno. Schon Wochen vor dem Prozess hat die groß gewachsene Anwältin aus Chicago verkündet, dass sie Weinstein in diesem Fall als das eigentliche Opfer sieht. Die ganze Anklage basiere auf einer kulturellen Werteverschiebung, die weit über das Ziel hinausgeschossen sei. Im Zuge der #MeToo-Bewegung, der Rotunno gewisse Meriten gar nicht absprechen möchte, sei man geneigt, Opfern ungefragt einfach zu glauben. Auf der Strecke bleibe dabei die Rechtsstaatlichkeit.

Rotunno hat für diese Argumentation einiges einstecken müssen. Sie wurde als Inbegriff des Bösen tituliert, als Verräterin aller Frauen. Als sie in einem Podcast von sich gab, dass Frauen sich nicht in eindeutig erotische Situationen begeben dürften, wenn nicht dort sein wollten, wurde sie bezichtigt, Vergewaltigungsopfer für ihr eigenes Schicksal verantwortlich zu machen.

Ihrem Ruf als Bulldogge wird sie auch während des Prozesses gerecht. Jessica Mann, eine der beiden Opfer, deren Fälle in Manhattan verhandelt werden, verlor nach dem Kreuzverhör mit Rotunno derart die Fassung, dass die Verhandlung abgebrochen werden musste.

Inbegriff der naiven jungen Schauspielerin

Mann musste sich gegenüber Rotunno dafür rechtfertigen, dass sie über Jahre eine sexuelle Beziehung mit Weinstein unterhielt und daraus berufliche Vorteile zog. Immer wieder fragte Rotunno Mann, ob sie Weinstein manipuliert habe. „Ich schätze, wenn man die Art und Weise betrachtet, wie ich versucht habe, damit umzugehen, ja, dann kann man das vielleicht als manipulativ beschreiben“, stammelte Mann, bevor sie in ein unkontrollierbares Schluchzen ausbrach.

Der Tag, an dem Jessica Mann in den Zeugenstand trat, wird zweifelsohne als der bestimmende Tag des Weinstein Prozesses in Erinnerung bleiben. An ihm wird sich in der Rückschau zeigen, inwieweit die Errungenschaften und Erkenntnisse von #MeToo justiziabel sind.

Jessica Mann war der Inbegriff der naiven jungen Schauspielerin, die nach Hollywood kommt, um berühmt zu werden. Auf einer Party wird sie Harvey Weinstein vorgestellt, einem der mächtigsten Männer des Geschäfts. Er interessiert sich für sie, sie fühlt sich geschmeichelt und ist aufgeregt.

„Es läuft darauf hinaus, wem die Geschworenen glauben wollen“

Die Aussage von Talita Maia, dass Jessica Mann mit Weinstein geflirtet hat, ist glaubhaft. Glaubhaft ist auch, dass in den drei Jahren, in denen Mann und Weinstein ein sexuelles Verhältnis hatten, nicht jede Begegnung gewaltsam erzwungen wurde.

Es mag sein, dass die Anklage deshalb nie schlüssig wird nachweisen können, dass eine Vergewaltigung oder ein sexueller Missbrauch stattgefunden hat. Aber ist es deshalb weniger glaubhaft, dass Mann das Gefühl hatte, in einer entwürdigenden Beziehung zu sein? Dass Weinstein letztlich seine Machtstellung missbraucht hat, um Sex zu erzwingen? Und macht die Tatsache, dass Mann diese Transaktion mitgetragen hat, Weinsteins Handlungen besser?

„Es läuft einzig und alleine darauf hinaus, wem die Geschworenen glauben wollen“, sagt die Rechtsprofessorin Aya Gruber von der Universität von Colorado.

Der Fall Haleyi - Konsens oder Missbrauch

Auch bei der zweiten Frau, deren Fall in New York verhandelt wird, stellen sich solche Fragen. Mimi Haleyi bat Harvey Weinstein 2013 um einen Job als Produktionsassistentin. Weinstein verschaffte ihr den Job, erwartete aber als Gegenleistung Sex. Nach mehreren Versuchen ihn abzuwehren, gab Haleyi schließlich nach und unterhielt auch danach weiterhin einen Kontakt mit Weinstein.

Stellte diese Transaktion Konsens dar? Und wenn ja, exkulpiert das Weinstein vor dem Gesetz? Auch hier müssen die fünf Frauen und sieben Männer, die in New York ausgewählt wurden, um über das Schicksal von Weinstein zu befinden, entscheiden. Und ihre Entscheidung wird weitreichende Folgen dafür haben, ob sich Missbrauchsopfer in Amerika in Zukunft vom Gesetz geschützt fühlen.

Harvey Weinstein selbst ist unterdessen in den drei Wochen seit dem Beginn des Prozesses dramatisch zusammengeschrumpft. Das Bild des allmächtigen Hollywoodmoguls, der der Welt gnadenlos seinen Willen aufzwingt, hat massive Kratzer bekommen.

Weinstein erweckt den Eindruck des Bemitleidenswerten

Weinstein kann einem beinahe leid tun, wie er tief über seinen Rollator gebückt, blass im Gesicht und sichtlich gezeichnet, jeden Tag in den Gerichtssaal humpelt. Beinahe schüchtern schaut er sich im Publikum um, um zu sehen, ob es da irgendwen gibt, der ihm noch einen freundlichen Blick zuwirft. Während der Verhöre vegräbt er immer wieder sein Gesicht in seinen Händen oder schüttelt den Kopf.

Insbesondere ein Detail hat jedoch die Art und Weise verändert, wie man heute Weinstein sieht. Gleich mehrere Zeuginnen haben ausgesagt, dass Weinsteins Genitalien verstümmelt oder missgebildet sind. Den Geschworenen wurden entsprechende Fotos vorgelegt.

Ist Weinstein also vielleicht nicht einfach nur einer, der es liebte, seine Macht zu missbrauchen, nur weil er sie hatte? Ist er vielleicht eine bemitleidenswerte Figur, die unter einem tiefen Mangel an Selbstwertgefühl litt und nicht wusste, wie er sich Frauen nähern soll, ohne mit seiner Macht zu spielen?

Rotunno, Weinsteins "Bulldogge", versteht sich auf Dramatik

Auf die Gefühlslage der Geschworenen wird dieses Bild von Weinstein sicher einen Einfluss haben. Und auch das ist wieder ein Triumph für Donna Rotunno, die wie keine andere versteht, dass Gerichtsverhandlungen in den USA vor allem dramatische Inszenierungen sind.

Dass von dem Prozessausgang abhängt, ob sich Vergewaltigungsopfer in den USA in Zukunft gesetzlich geschützt fühlen können, interessiert Rotunno indes eher weniger. „Frauen können nicht gleichberechtigt sein, wenn sie kein Risiko tragen“, sagte sie kürzlich in einem Interview. „Sie können sich nicht in jede Situation begeben und nachher sagen, ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich einlasse.“

Das Argument hat Rotunno wirkungsvoll vorgetragen in State Supreme Court von Manhattan, die Naivität der Klägerinnen und Opfer wurde nur allzu deutlich bloß gestellt. Jetzt sind die 12 Geschworenen dran.

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