Debatte um Gewalt gegen Frauen erreicht Großbritanniens Schulen

  • Nach dem Mord an Sarah Everard ist in Großbritannien eine Debatte um Gewalt gegen Frauen entbrannt, die bis heute nicht verebbt ist. Im Gegenteil.
  • Derzeit sorgen Berichte von vor allem Mädchen aus Schulen im ganzen Land für Aufruhr.
  • Experten fordern einen Kulturwandel – und sehen auch Männer in der Pflicht.
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London. Schon aus der Ferne sieht man die Tausenden Blumensträuße, die rund um den Musikpavillon im Londoner Park Clapham Common liegen. Der Berg an Tulpen, Rosen und Co. wächst täglich. Unweit des Gedenkorts wurde Sarah Everard am 3. März das letzte Mal lebend gesehen. Nach aktuellem Ermittlungsstand wurde die Britin (33) auf dem Nachhauseweg getötet. Tatverdächtig ist ein Polizist (48).

Der Mord hat im Königreich eine Debatte über Gewalt gegen Frauen ausgelöst, die nicht verstummt. Noch immer melden sich Mädchen und Frauen zu Wort, teilen ihre Ängste, wenn sie alleine im Dunkeln unterwegs sind. Für Aufruhr sorgten gerade Berichte aus Schulen, darunter Eliteeinrichtungen wie das Eton College oder die Westminster School. Auf der Webseite „Everyone’s Invited“ erzählten bislang 14.000 Betroffene, darunter etliche Schülerinnen, anonym von sexueller Belästigung, frauenfeindlichen Äußerungen, Veröffentlichungen intimer Fotos, Punktesystemen für sexuelle Leistungen.

Opfer berichten von sexueller Belästigung

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Das Ausmaß erschüttert und setzt die Politik unter Druck. Bildungsminister Gavin Williamson bezeichnete die Vorfälle als „schockierend und schändlich“. Die Regierung werde „geeignete Maßnahmen“ ergreifen. Der Vorsitzende des parlamentarischen Bildungsausschusses, Robert Halfon, forderte eine unabhängige Untersuchung. Soma Sara, die Initiatorin der Website, prangert eine Normalisierung und Verharmlosung sexualisierter Gewalt an. Es herrsche in Großbritannien eine „Vergewaltigungskultur“, die „jede Schule, jede Universität, das eigene Zuhause und die Gesellschaft“ durchdringe.

Kurz nach dem Verschwinden von Everard empfahl die Polizei in Clapham Frauen, nicht alleine im Dunkeln auszugehen. Der Rat machte viele noch wütender. Erstmals schalteten sich auch Männer ein und fragten, was sie tun können, um als Verbündete aufzutreten. Eine Flut an Ratschlägen brach auf sie ein. Gleichwohl sprechen einige Kommentatoren von einem „Krieg gegen Männer“ und verteidigten sich mit dem Hashtag Not all Men, dem Frauen entgegneten, dass das Problem „nicht alle Männer, aber definitiv alle Frauen“ betreffe.

„Wenn Männer schweigen, sind sie Teil des Problems“

Aktivistinnen wie Experten fordern einen Gesellschaftswandel und sehen Männer in der Pflicht. „Selbst kein gewalttätiger oder misshandelnder Mann zu sein ist schlichtweg nicht genug“, sagt Graham Goulden. Er war 30 Jahre lang Polizist, nun arbeitet er als Trainer im Bereich Gewaltprävention. „Wenn Männer schweigen oder lachen, wenn andere sexistische Witze reißen oder unangebrachte Kommentare äußern, sind sie Teil des Problems.“ Er geht in Schulen, Unis, Vereine und Firmen und will Gespräche anregen zwischen zwei Seiten, die sich oft nicht zuhören. Daneben gibt Goulden Männern Hilfsmittel, wie sie in heiklen Situationen einschreiten können. „Männer müssen die Verbindung erkennen zwischen den sexistischen Witzen oder der oft frauenverachtenden Sprache, und wie dies zu anderen Formen von Gewalt und Missbrauch führen kann.“

Leider trauten sich viele nicht, Menschen im privaten Umfeld anzusprechen, wenn diese sich unangemessen verhielten. „Dabei stammen Straftäter nicht von einem anderen Planeten, sondern sind Bekannte und Kollegen.“ Der Großteil der Männer habe für sich genommen eine gesunde Sicht auf Frauen. „Aber sie nehmen oft die Realität falsch wahr und denken, dass Freunde sexistische Meinungen vertreten, was dann wiederum zur Folge hat, dass sie sich ihnen entweder anschließen oder nichts sagen.“ Die Mehrheit bleibe still, die Minderheit komme ungestraft davon.

RND

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