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Das Rote Kreuz verpflegt das Ahrtal – aber die Helfer werden knapp

  • Das Rote Kreuz hat am Rand des Katastrophengebiets an der Ahr einen einzigartigen Verpflegungsstützpunkt.
  • Denn Strom und Wasser gibt es noch immer nicht überall.
  • Aber die Helfer werden langsam knapp.
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Grafschaft/Bad Neuenahr-Ahrweiler. Mitten in der Nacht beginnen die Helfer mit den Vorbereitungen für das Mittagessen im Katastrophengebiet an der Ahr. Es gibt Chili. Zwischen 10.000 und 13.000 Portionen werden in 15 Zelt-Küchen auf einem riesigen Parkplatz in der Gemeinde Grafschaft im Kreis Ahrweiler vorbereitet und gekocht. „Vier Sattelzüge mit Lebensmitteln kommen am Tag an“, sagt Einsatzleiter Uwe Mauch vom Deutschen Roten Kreuz (DRK). „Das ist das erste Mal, das in Deutschland so ein Verpflegungszentrum aufgebaut wird“, berichtet der international erfahrende DRK-Fachmann aus Mannheim.

Rund 110 ehrenamtliche DRK-Helfer aus ganz Deutschland sind auf dem Parkplatz des Süßigkeitenherstellers Haribo seit dem 1. August mit der Essensversorgung für die Menschen beschäftigt. Dazu kommen etwa 60 Helfer im Fahrdienst und zehn Verwaltungskräfte. „Es wird von Woche zu Woche schwerer, genug Personal zu bekommen“, sagt Mauch.

Viele Ehrenamtliche wollten zwar länger bleiben und gingen mit Tränen in den Augen, würden aber wegen der Belastungen nach einer Woche erstmal ausgetauscht. „Wir fangen um 2 Uhr an und kochen bis etwa 8 Uhr“, sagt Mauch. Nach dem Kochen und Verladen wird geputzt. „Von 14, 15 Uhr bis morgens um 2 Uhr haben die Helfer Zeit, um zu regenerieren.“ Sie übernachten in einer Jugendherberge oder einer Reha-Klinik.

Die Kosten für das Verpflegezentrum lassen sich laut DRK nicht genau beziffern. Ein Großteil davon werde mit Spenden abgedeckt und sei für die Lebensmittel, sagte Mauch. Viele Arbeitgeber berechneten aber auch den Verdienstausfall ihrer Beschäftigten. „Dass die Helfer ein oder zwei Wochen freigestellt werden, ist die Ausnahme.“

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370 Liter Mittagessen aus einer Küche

Eine 22 Jahre alte Krankenpflegerin-Azubi aus Düsseldorf etwa ist ihrem Arbeitgeber dankbar für zwei freie Tage, an den anderen hat sie sowieso frei. Andreas (35) kommt aus dem Sportvertrieb und ist betriebsbedingt ohnehin freigestellt. Peter Naumann ist pensionierter Berufsschullehrer, Marc Hoffmann Beamter bei der Kreisverwaltung in der Nähe von Heilbronn. Michaela Dürr, Schulsekretärin aus Unterfranken, hat gerade Ferien, war aber auch ein paar Tage freigestellt, ebenso wie Peter Matzke, IT-Administrator aus dem hessischen Rheingau-Taunus-Kreis.

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Pro Durchgang werden in einer Küche etwa 370 Liter Mittagessen gekocht. „Und drei bis vier Durchgänge gibt es pro Küche“, sagt Mauch. Eine Standard-Portion entspreche etwa 350 Millilitern. Für hart körperlich arbeitenden Helfer sei das aber zu wenig. „Brückenbauer zum Beispiel brauchen mehr, bis zu 6000 Kalorien am Tag.“ Für sie gebe es dann an den Ausgabestellen schon mal einen dreiviertel Liter statt der 350 Milliliter - und Powerriegel.

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42 Ausgabepunkte im Katastrophengebiet im Ahrtal

Das fertig gekochte Essen wird in sogenannte Thermophore gefüllt, verladen und mit 25 Fahrzeugen - Sprintern und Kleinbussen - an die 42 Ausgabepunkte im Katastrophengebiet im Ahrtal gebracht. Zur „Warmverpflegung“ kommen Mineralwasser, Brötchen, Obst und verschiedene Lebensmittel als Angebot für Frühstück und Abendessen - ebenfalls jeweils für etwa 13.000 Menschen. „Die Leute sollen sich davon nehmen, was sie möchten, sonst fliegt zu viel weg“, sagt Mauch.

Studentenfutter, Marmelade, Honig, Butter, Frischkäse, Salami, Leberwurst, Fisch, Knäckebrot, Joghurt und Schokoriegel gehört dazu - alles einzeln verpackt. „Das ist ein riesen Müllaufwand, lässt sich aber nicht ändern“, sagt Mauch. Kaffeepulver gibt es auch, heißen Kaffee nicht. „Häufig haben die Menschen inzwischen Strom, oder es gibt Aggregate an den Gemeinschaftsstellen.“ Trinkwasser bringe eine andere Abteilung des DRK in großen Mengen.

Mauch: „Ein- bis zweimal pro Woche gibt es Salat”

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Putengeschnetzeltes mit Nudeln und Salat stand am Vortag auf dem Speiseplan für das Mittagessen. „Ein- bis zweimal pro Woche gibt es Salat“, sagt Mauch. Dies sei logistisch komplizierter, weil Salat ein Drittel mehr Platz in den kleinen Fahrzeugen brauche. Um zweimal zu fahren, seien die Strecken zu weit, größere Fahrzeuge kämen nicht an alle Ausgabepunkte. Die erstreckten sich im Osten auf 20 und im Westen auf 65 Kilometer Luftlinie, wie Mauch sagt. „65 Kilometer Luftlinie sind aber 143 Kilometer entfernt.“

Am nächsten Tag soll es - dank einer größeren Spende von Nürnberger Bratwürsten - Currywurstpfanne geben - und für die Vegetarier Kartoffelgulasch. „Wir arbeiten nach internationalen Vorgaben“, erklärt Mauch. Daher gebe es auch immer eine vegetarische Variante, gefragter sei aber das Essen mit Fleisch, etwa im Verhältnis drei zu eins. „Wir können hier Kesselgerichte kochen“, sagt Matzke. „Schnitzel oder Bouletten rausbacken geht nicht.“

An der Essens-Ausgabe am Bahnhof im Stadtteil Ahrweiler warten um kurz vor 12 Uhr schon zwei Rentner und eine Frau mit ihrer kleinen Tochter. Die beiden Männer, denen es noch immer an Wasser und Strom fehlt, waren schon öfter da. „Eine kleine warme Mahlzeit mittags ist wichtig“, sagt Fritz Hardes. „Das Essen ist in Ordnung und schmackhaft“, findet der neben ihm wartende Manfred Schmitz. „Ich bin sehr dankbar, was man alles bekommt. Keiner muss hungern“, sagt der 80 Jahre alte Rudolf Siegmund, der dazukommt. An der Ausgabestelle am Marktplatz kritisieren Anwohner die auf 2,5 Stunden begrenzten Ausgabezeiten. Dies sei aber im europäischen Lebensmittelrecht so vorgeschrieben, sagt Mauch.

Innerhalb kürzester Zeit bildet sich eine lange Schlange - darunter sind viele Helfer aus dem In- und Ausland, viele sprechen kaum Deutsch. Paul Janssen aus der Nähe von Wien stellt sich mit einem Freund auch an. Die beiden Österreicher sind für einen zweitägigen Hilfseinsatz angereist - statt Urlaub. „Das bringt mehr, als zu Hause rumsitzen und nur darüber zu reden, wie arg das hier ist“, sagt der 25-Jährige. „Das ist auch ein Erlebnis.“ Rentnerin Katharina Kluth aus Wachtberg bei Bonn hilft einem Winzer im Weinberg.

„Verpflegezentrum Zehntausend“ heißt der DRK-Stützpunkt. Für so viele Essen sei es ursprünglich ausgelegt worden. „Jetzt geht der Bedarf leicht zurück“, sagt Mauch. Viele hätten inzwischen zumindest wieder Notstrom, die Wasserversorgung solle bis Mitte Oktober wieder funktionieren. „Am Oberlauf an der Ahr wird das aber noch eine Weile dauern.“ Das DRK prüfe, wer es in Zukunft ablösen könne. „Viele Caterer wollen Geld verdienen, wissen aber nicht, was es bedeutet“, berichtet Mauch. Vielleicht könne aber Personal aus der Gastronomie angestellt werden, das in der Flut arbeitslos geworden sei.

RND/dpa

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