Das Maschenphänomen: Der Hype um das Häkelkleid

Nach dem Stricken kommt jetzt der nächste große Handarbeitstrend: Gehäkeltes ist überall – nicht nur in Form von DIY-Anleitungen auf Youtube und Instagram, sondern auch auf den Laufstegen der großen Designer.

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Hannover. In irgendeinem der Kartons, die trotz aller grassierenden Aufräumanweisungen auf dem Dachboden vor sich hin stauben, liegt vielleicht noch der Teddy mit dem gehäkelten Schal. Und möglicherweise hat die Patentante sogar noch den Topflappen, den sie vor vielen Jahren als Weihnachtsgeschenk bekommen hat.

Diese DIY-Stücke sind rührende bis peinliche Erinnerungen an eine Zeit, als man im Schulunterricht mit Nadel, Garn und schwitzigen Fingern zugange war. Was da in der Handarbeitsstunde, im Textilunterricht oder beim textilen Werken entstand, hat meist einen eher rustikalen Charme.

Dabei ist das Häkeln, wenn man es denn beherrscht und das Können in die richtige Richtung lenkt, eigentlich eine schöne Angelegenheit. Seit einer Weile häkeln Menschen jedenfalls wieder, was die Nadel hergibt. Anleitungen dazu werden auf Youtube millionenfach aufgerufen, und Handarbeitsbegeisterte tauschen sich engagiert über die Unterschiede zwischen festen Maschen, Luftmaschen und halben Stäbchen aus.

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Ganz schön sexy

Die Ergebnisse der Euphorie lassen sich derzeit überall bestaunen – „maschenhaft“ sieht man Babyschuhe und Mützen, Taschen und Decken, Kleider und Röcke. Ein bisschen kann man sich da 50 Jahre zurückgesetzt fühlen.

Auf vielen Fotos aus dem Jahr 1968, die vor wenigen Monaten in Zeitungen und Magazinen in Erinnerung an die Studentenrevolte abgedruckt waren, trugen die jungen Frauen Häkelkleider. Mal in der Ökoversion, mal im Ethno-Style, fast immer hippiesk und nicht selten ganz schön sexy.

Eine aktuelle Interpretation dieses Stils konnte man im Herbst an Heidi Klum bestaunen: Bei der Verleihung der American Music Awards in Los Angeles trat sie in einem gehäkelten schwarzen Kleid aus der Kollektion von Julien Macdonald auf. Wobei, was heißt hier Kleid? Was der britische Designer da entworfen hat, ist eher eine Robe, irgendwo zwischen dramatisch und na ja, geht so.

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Heidi Klum bei der Ankunft zu den American Music Awards 2018 in einem Häkelkleid von Julien Macdonald.

Macdonald hat auch andere Megastars in Häkelkleider gehüllt. Sängerin Beyoncé zum Beispiel, für die er regelmäßig gearbeitet hat, stand schon mal in seinen gehäkelten Minis – mal knallgelb, mal schwarz – mit Fransen auf der Bühne.

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Und auch in Kollektionen anderer Modeunternehmen wie bei Chloé oder beim amerikanischen Designer Phillip Lim finden sich gehäkelte Borten und Blumen. Für die Männerkollektion von J. W. Anderson hat Designer Jonathan Anderson sogar den Herrenpullovern solche Volants und Einsätze verpasst.

Gehäkeltes wird auch in den kommenden Monaten reichlich zu bestaunen sein – als Mini- oder Maxikleid, als Applikation an Blusen, Tops und Badeanzügen. Sogar der gute alte Häkelbikini kommt wieder zu Ehren. Dass die Schönheit im Auge des Betrachters liegt, gilt auch (und vielleicht sogar besonders) bei diesem Look.

Immerhin: Viele dieser Stücke verströmen Urlaubsflair, lassen schon jetzt einen Hauch von Sommer erahnen und beschwören innere Bilder von warmen Abenden, kühlen Getränken und entspannter Atmosphäre. Das macht gute Laune und lässt einen Absonderliches wie gehäkelte Klorollenhütchen nahezu vergessen.

Von Martina Sulner