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Das „Heimwegtelefon“ am Ende der Leitung: „Wir versuchen, den Fokus weg von der Angst zu lenken“

  • Der Fall der getöteten 33-jährigen Britin Sarah Everard hat auch in Deutschland eine Debatte über sichere Heimwege entfacht.
  • Seit 2013 können hierzulande Menschen, die sich unsicher fühlen, das „Heimwegtelefon“ anrufen, dort werden sie von ehrenamtlichen Helfern telefonisch nach Hause begleitet.
  • Eine ehrenamtliche Helferin erzählt, wie groß die Nachfrage ist, wie man Anrufern die Angst nimmt und warum auch Männer anrufen.
Nadine Wolter
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Hannover. Die 33-jährige Britin Sarah Everard wird auf dem Nachhauseweg überfallen und ermordet – und auch in Deutschland ist seitdem eine Debatte darüber entfacht, wie Frauen sich in der Dunkelheit sicherer fühlen können. Seit 2013 gibt es bereits das „Heimwegtelefon“, wo sich Menschen, die nachts Angst haben, alleine nach Hause zu gehen, telefonisch begleiten lassen können. Knapp 100 Ehrenamtliche arbeiten dort – eine von ihnen ist Conny Vogt.

Frau Vogt, was war das letzte Gespräch, das Sie über das Heimwegtelefon geführt haben?

Das war mit einer jungen Frau. Sie ist mit ihrem Hund in einer ländlichen Gegend Gassi gegangen, wo es dunkel und ungemütlich war. Die habe ich dann begleitet auf ihrer Gassirunde.

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Conny Vogt arbeitet seit 2016 ehrenamtlich beim "Heimwegtelefon". Sie hilft Menschen, die sich im öffentlichen Raum unsicher fühlen, oft sind es Frauen. © Quelle: Heimwegtelefon e.V.

Was sagen die Menschen meist als Erstes, wenn sie bei Ihnen anrufen?

Das ist bei Frauen und Männern sehr unterschiedlich. Die Frauen sagen meist, „Ich bin hier in einer komischen Gegend, ich fühle mich unwohl. Können wir ein bisschen telefonieren?“. Bei Männer ist es meist so, dass sie sagen „Ach, ich bin gerade unterwegs, mir ist langweilig – können wir mal telefonieren?“. Wenn man dann aber ein bisschen tiefer ins Gespräch geht, merkt man, dass auch ihnen die Angst über den Rücken schleicht, allerdings vor physischer Gewalt. Bei Frauen ist es die Angst vor sexueller Belästigung, die sie bei uns anrufen lässt. Aber am Ende ist die Angst die gleiche.

Wie viele Personen suchen Hilfe beim Heimwegtelefon?

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Bei uns rufen derzeit 200 bis 220 Personen pro Woche an, die Tendenz steigt seit Jahren, auch wenn es wegen des Corona-Lockdowns etwas ruhiger ist im Moment. Wir fragen nicht nach dem Geschlecht, aber anhand von Stimme und Name würde ich schätzen, dass 70 Prozent der Anrufenden Frauen sind, 30 Prozent Männer. Die Quote der Männer nimmt zu. Menschen jeden Alters rufen bei uns an, leider haben wir eine kleine Einschränkung bei Menschen unter 16 Jahren, das liegt am Datenschutz, mit denen dürfen wir ohne Einverständnis der Eltern nicht telefonieren. Wir sind da aber mit dem Bundesfamilienministerium im Gespräch für eine Ausnahmegenehmigung. Ich finde, auch Jugendliche sollten bei uns anrufen dürfen, wenn sie sich unsicher fühlen.

In welcher Situation befinden sich die meisten, die bei Ihnen anrufen?

Mal steht eine Frau allein an einer U-Bahnstation und da steht eine Gruppe Männer, von denen sie befürchtet, dass sie sie belästigen könnten, mal sind die Anruferinnen oder Anrufer allein an einem belebten Platz und haben Angst vor Übergriffen, mal sind sie in einer verlassenen Gegend. Da kommt alles vor, das ist diese Grundangst, die in uns steckt. Wir als Frauen haben dann noch das besondere Problem, dass unsere Mütter uns ihre eigene Angst vor Übergriffen mitgeben. Diese Angst lebt mit uns und wir leben damit. Männer machen sich darüber überhaupt keine Gedanken.

Wie können Sie diese Angst den Anruferinnen nehmen?

Wir versuchen, den Fokus der Personen weg von der Angst auf ganz alltägliche Dinge zu lenken. Wenn Menschen zuversichtlich sind, ist ihre Körpersprache anders, als wenn sie geduckt an der Hauswand entlang schleichen. Zumindest die abschreckbaren Täter werden so abgeschreckt. Ein Täter sucht ja immer ein leichtes Opfer und keins, das noch „Hilfe“ ins Telefon rufen kann. Außerdem lassen wir uns immer zu Beginn den Start- und Zielpunkt des Weges nennen und verfolgen den Weg der Anruferinnen und Anrufer analog über ein Navigationssystem. Wir haben auch schon Anruferinnen, die verfolgt worden sind, zunächst an einen videoüberwachten Platz gelotst und dann gegebenenfalls die Polizei gerufen. Wir haben immer parallel eine zweite Leitung offen. Das ist der Vorteil gegenüber Telefonaten mit Freundinnen oder dem Partner auf dem Heimweg, die im Notfall auflegen müssen, um dann den Notruf zu rufen. Wir bleiben dran und können gleichzeitig die Polizei alarmieren.

Mussten Sie davon schon oft Gebrauch machen?

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Nein, zum Glück nicht. Wir hatten einen Fall, bei dem eine Frau verfolgt wurde und die Situation dramatischer wurde. Wir konnten die Polizei alarmieren, die die Situation gelöst hat. Manchmal rufen wir auch einen Krankenwagen oder die Polizei, wenn eine Person sehr betrunken ist und oder sich verlaufen hat. Ich hatte zudem einmal einen besonders schlimmen Fall von häuslicher Gewalt, bei dem sich eine Frau im Bad eingeschlossen hat und vor der Tür stand ihr Partner, der sie umbringen wollte. In solchen akuten Bedrohungsfällen, wenn man verfolgt oder bedroht wird, ist es immer besser, sofort die Polizei anzurufen und nicht erst uns. Das dauert zu lang. Natürlich mache ich aber niemandem einen Vorwurf, der uns anruft, viele wissen sich in so einer Ausnahmesituation nicht anders zu helfen.

Vor allem Frauen fühlen sich im Dunkeln immer noch unsicher und müssen sexuelle Übergriffe und Belästigungen fürchten, Sie haben mit Hunderten von ihnen gesprochen. Wie kann man das ändern? Braucht es mehr Kameras auf den Straßen, wie jetzt in England gefordert?

Kameras sind zwar eine gute Idee, aber niemand will einen Big-Brother-Staat und zu viel Überwachung. Es gibt eine ganz einfache Maßnahme: Licht. Unsere Straßen sind nachts dunkel. Aus Kostengründen werden die Laternen ausgeschaltet, dabei kann das doch mit LED-Technik gar nicht mehr so teuer sein. Toll wäre es, wenn wir Straßenlampen mit Bewegungsmeldern ausstatten würden. Dann gehen die Lampen an, wenn sie daran vorbeigehen – und Frauen sehen, wenn sich ihnen jemand nähert, weil dann dort auch das Licht angeht.

Was muss sich darüber hinaus ändern?

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Was ich wichtig finde ist, dass wir es ins Bewusstsein der Männer bekommen, dass keine Frau belästigt werden sollte. Eine Frau könnte nackt über die Straße laufen, das ist kein Grund sie blöd anzumachen, ihr hinterherzupfeifen oder „ich will ******“ zu schreien. Das ist nie flirten, sondern immer eine potenzielle Gewaltandrohung für Frauen. Und wir Frauen müssen darüber reden, dass es uns allen schon passiert ist und wir es nicht lustig finden. Männer unterschätzen das Problem, denken, dass das nicht passiert. Oft höre ich auch „das war doch gar nicht so gemeint“. Das zu ändern wird dauern, Frauen haben jahrhundertelang geschwiegen, wir müssen darüber reden, was uns passiert, damit sich etwas ändert.

Außerdem sollten Mädchen Selbstverteidigung lernen. Ihnen wird gesagt, „sei sittsam und achtsam, zieh dich nicht zu freizügig an“ – vor allem, um sie zu schützen. Und was bekommen die Jungen gesagt? „Wenn einer kommt, und wenn dir etwas tun will, dann wehr dich.“ Ich möchte nicht zu Gewalt aufrufen, aber wenn Frauen sich im Notfall auch verteidigen könnten, dann gehen sie auch anders auf die Straße. Ich glaube, es braucht mehr Selbstbewusstsein auf den Straßen von uns Frauen, mehr Situationen in denen wir sagen: „Diese Straße gehört mir genauso gut wie dir – und wenn du mir doof kommst, dann komme ich dir doof zurück.“

Das Heimwegtelefon ist erreichbar unter:

Tel.: 030/12074182 (deutschlandweit)

Sonntag – Donnerstag: 18–00 Uhr, Freitag & Samstag 18–03 Uhr

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