„Nichts, was man ertragen muss“: Wenn Lehrer Schüler wegen Cybermobbing anzeigen

  • Früher endete Mobbing nach dem Schulweg, heute geht es weiter: im weltweiten Web, das 24 Stunden erreichbar ist.
  • Auch Lehrer bleiben von Cybermobbing nicht verschont.
  • In Franken haben Pädagogen einen ungewöhnlichen Schritt gewagt.
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Würzburg/Mellrichstadt. Es tut weh, man fühlt sich verletzt und bloßgestellt – so beschreibt eine Lehrerin das Gefühl, als sie in sozialen Medien ein Profil mit ihrem Namen und Foto sieht. Daneben der Begriff „Hatepage“, auf Deutsch „Hassseite“, darunter Beleidigungen. „Das haben Leute aus meinem privaten Umfeld gesehen – das hat auch sie belastet, nicht nur mich“, erzählt die Lehrerin aus Unterfranken. Sie erstattete Anzeige bei der Polizei.

„Mir ist es wichtig, dass der Unterschied zwischen einer Straftat und einer Schmiererei auf der Schultoilette deutlich wird“, erklärt sie diesen Schritt. „Denn ich denke, für das jugendliche Empfinden war es einfach nur die Möglichkeit, dem eigenen Frust Luft zu machen. Das darf man auch und das muss auch mal sein – aber man muss das richtige Maß finden.“ Zum Eigenschutz, aber auch um die Täterin oder den Täter nicht in der Öffentlichkeit gebrandmarkt zu sehen, will die Lehrerin unerkannt bleiben. „Sie oder er hat einen Fehler gemacht, wird dafür gerade stehen und die Konsequenzen tragen müssen, soll aber nicht in Zukunft Schwierigkeiten bei der Berufswahl oder ähnlichem haben.“

Straftatbestand für Mobbing gibt es bislang nicht

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Mit der Entscheidung, Anzeige gegen Schüler zu erstatten, steht die Pädagogin in Unterfranken nicht alleine da: Lehrer einer Schule in Mellrichstadt im Landkreis Rhön-Grabfeld haben Ende vergangenen Jahres ebenfalls zwei Schüler wegen Beleidigung angezeigt. Auch ein 17-Jähriger aus der Region kassierte eine Anzeige, da er während des Homeschoolings ein Gespräch mit seinen Lehrer filmte und das Video samt Name des Lehrers und Beleidigung bei der Plattform Tiktok veröffentlichte.

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Cybermobbing: „Kaum war ich zuhause, ging dieses Gemobbe schon los"
1:56 min
Früher endete Mobbing nach dem Schulweg, heute geht es weiter: im weltweiten Web, das 24 Stunden erreichbar ist.  © infokontor/RND

Einen Straftatbestand für Mobbing oder Cybermobbing gibt es zwar bislang in Deutschland nicht, aber in Cybermobbing vereinigen sich Verhaltensweisen, die strafbar sind, wie etwa: Beleidigung, üble Nachrede, Verleumdung oder Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen.

Cybermobbing gegen Lehrer an einem Drittel der Schulen

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Im Fall von Mellrichstadt hatte das Lehrerkollegium alle Möglichkeiten ausgeschöpft, doch die Maßnahmen waren laut einem Polizeibeamten „fruchtlos“. Als die Schüler verunstaltete Fotos der Lehrer ins Internet stellten und an Mitschüler sandten, entschieden sich die Lehrer für eine Anzeige. Das Besondere: Die Schüler sind unter 14 Jahre alt und damit nicht strafmündig. „Die Ermittlungen wurden dennoch sehr ernst genommen und die Ergebnisse an das Jugendamt und die Staatsanwaltschaft weitergeleitet“, sagte ein Polizeibeamter. „Es geht darum, ein Signal an mögliche Nachahmer zu senden und zu verhindern, dass sowas nochmal passiert.“

Einer Forsa-Studie im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) aus dem Jahr 2020 zufolge gaben 32 Prozent der rund 1300 befragten Schulleiter an, dass es an der eigenen Schule Fälle gab, in denen Lehrkräfte über das Internet diffamiert, belästigt, bedrängt, bedroht oder genötigt worden. Zwei Jahre zuvor lag der Durchschnittswert noch bei 20 Prozent. Die Umfrage wurde vor den coronabedingten Schulschließungen durchgeführt.

„Massive Folgen für körperliche und seelische Gesundheit“

Doch durch die Pandemie endet die Schikane nicht mehr nach der Schule oder dem Schulweg. Stattdessen dauert sie im weltweiten Web an, das 24 Stunden erreichbar ist. Als „enormer Beschleunigungsfaktor“ wird Corona in einer Studie des Bündnisses gegen Cybermobbing in Kooperation mit der Techniker Krankenkasse (TK) bezeichnet. Demnach ist jeder sechste Schüler von Cybermobbing betroffen – fast zwei Millionen Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 8 bis 21 Jahren.

„Mobbing kann massive Folgen für die körperliche und seelische Gesundheit haben. Dazu gehören zum Beispiel Ängste, Schlafstörungen und Depressionen“, sagt Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK. Nicht selten litten Betroffene noch jahrelang an Spätfolgen wie Ängsten. Das Bündnis für Cybermobbing findet, die bisherige Präventionsarbeit muss verstärkt werden und bereits an den Grundschulen beginnen. „Kinder müssen den ‚sozialen Umgang im Internet‘ lernen. Eine verbesserte Lehrerfortbildung ist ein weiterer wichtiger Baustein.“

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Zusammenarbeit von externen Experten wichtig

Die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands sieht das ähnlich: „Wir fordern, dass Lehrerbildung in allen drei Phasen – von der Uni, über das Referendariat bis zur klassischen Fortbildung – inhaltlich und strukturell verändert wird: Ein Part wäre eine starke Modulstruktur, so dass man sich auf gewisse Bereiche, wie zum Beispiel Cybermobbing, spezialisieren kann“, sagt Simone Fleischmann.

Schule sollte laut Fleischmann ein Ort für multiprofessionelle Teams werden: „Es ist wichtig, ein Netz an Profis zu haben, um brenzlige Themen präventiv und interventiv anzugehen. Die Hilfe und Kooperation mit externen Experten ist dabei unerlässlich.“ Zum Beispiel die Zusammenarbeit von Schulpsychologen, Sozialarbeitern, Jugendamt und Therapeuten in Mobbing-Fällen.

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Lehrerin: Man kann sich dagegen wehren

Die betroffene Lehrerin aus Unterfranken rät Eltern, Mobbing immer wieder zu thematisieren. „Wirksam kann auch sein, wenn Eltern ihren Kindern über ihr eigenes Fehlverhalten oder über eigene Erfahrungen berichten.“ Das Wichtige sei, die Kinder ernst zu nehmen: „Cybermobbing nicht abtun nach dem Motto: ‚Das hat ja nichts mit deiner realen Welt zu tun.‘ Denn für Kinder und Jugendliche ist die virtuelle Welt zum realen Lebensbestandteil geworden und hat einen riesengroßen Stellenwert.“

Auch um ihren Schülern zu zeigen, wie sie mit solchen Situationen umzugehen haben, hat sie Anzeige erstattet. „Es gibt nichts, was man in der Hinsicht ertragen muss – egal was für einen Beruf man ausübt, wer man ist oder wie man aussieht. Das hat Grenzen! Man kann sich dagegen wehren und das soll auch jeder machen – so geringfügig das auch auf den ersten Blick erscheinen mag.“

RND/dpa

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