Crime Time: Vom leisen Showdown bis zum lautem Knall

  • Der meteorologische Herbst hat begonnen – und damit auch die Krimizeit.
  • Nicht nur im linearen Fernsehen gesellen sich spannende Thriller zum klassischen „Polizeiruf 110″, der in München von einem leisen Showdown erzählt.
  • Im Streamingbereich steuert die Serie „Haus des Geldes“ auf ein fulminantes Finale zu.
|
Anzeige
Anzeige

Liebe Leserinnen und Leser,

ein karger Raum, ein Tisch, ein Spiegelfenster und zwei Personen mit viel Zeit zum Reden. Eigentlich, mag man denken, ist solch ein Verhör für einen Krimi filmisch wenig spannend. Gibt es doch kaum Action oder visuelle Abwechslung. Trotzdem wählen doch immer wieder Drehbuchautoren und -autorinnen genau dieses Setting. Und oft entsteht durch diese nüchterne Ausgangssituation die spannendste Dynamik. So ist es auch im aktuellen „Polizeiruf 110″ aus München, der am kommenden Sonntag über den Bildschirm flimmert.

Ein Student wird verdächtigt, eine Frau getötet und es bei einer zweiten versucht zu haben. Die junge Ermittlerin Elisabeth „Bessie“ Eyckhoff (Verena Altenberger) soll dem Verdächtigen im Verhör das Geständnis entlocken. Wenn sie das nicht bis Mitternacht schafft, muss sie den jungen Mann wieder auf freien Fuß setzen. Aus dem Hin und Her, aus dem Nichtssagen und Vielleicht-doch-Verraten entstehen exzellente Dialoge. Denn geht es in solch einem Verhör nicht irgendwo auch um Macht? Zieht sich der oder die Verdächtige aus der Affäre? Oder kann ihn der Polizist oder die Polizistin doch noch „knacken“? Das ist eine Sichtweise: Aus einem Verhör geht der oder die Stärkere, der oder die Dominantere, als Sieger oder Siegerin heraus.

Anzeige

Erinnern Sie sich noch an den herausragenden Film „Der Totmacher“ von Romuald Karmakar von 1995, in dem Götz George nicht als rau-charmanter Schimanski, sondern als Serienkiller Fritz Haarmann zu sehen war? In dem nur Gespräche zwischen ihm und seinem Gutachter zu sehen waren? Wenn Haarmann ganz unbekümmert und detailliert berichtete, wie er einem seiner Opfer alle Finger einzeln abgetrennt hat, dann wurde einem als Zuschauer übel genug, ohne dass es dafür blutige Bilder brauchte.

Und dann kam „Criminal“ daher: Die Serie ist seit 2019 beim Streamingdienst Netflix zu sehen ist. Die zwölf Episoden spielten zwar in Frankreich, Spanien, Großbritannien oder Deutschland – doch immer nur in einem Verhörraum. Da saß Julia Bryce (Sophie Okonedo), die mit der jungen Polizistin Vanessa Warren (Rochenda Sandall) sprach. Bryce wurde verdächtigt, die Liebhaber ihres Mannes getötet zu haben. Und Vanessa? Es war ihr erstes großes Verhör mit einer Tatverdächtigen. Sie konnte die Nacht vorher nicht schlafen. Sie war nervös. Doch anstatt nur Stärke zu demonstrieren, auf Dominanz zu setzen, offenbarte Warren ihre Schwächen – und stellte so eine Beziehung zur Tatverdächtigen her. Nur dadurch kam Julia Bryce ins Reden – und verriet sich schlussendlich.

Denn auch ein Verhör ist, zumindest im TV-Krimi, nicht immer ein Katz- und Mausspiel, sondern vor allem ein Gespräch zwischen zwei Menschen. Davon gibt es auch in den nächsten Wochen wieder genug zu sehen.

Vielen Spaß beim Schauen,

Anzeige

Ihre Geraldine Oetken

Augenzeugen

Anzeige

„Only Murders in The Building”: Drei Podcaster gehen auf Mörderjagd

Verbrecherjäger im Einsatz: Mabel (Selena Gomez), Oliver (Martin Short), und Charles (Steve Martin) sind ein ungewöhnliches Trio. © Quelle: HULU

Popstar Selena Gomez geht in der Disney+-Serie „Only Murders in The Building” mit Steve Martin und Martin Short auf Mörderjagd. Gemeinsam will das Trio mit seiner Detektivarbeit einen True-Crime-Podcast-Hit landen. Der Weg zum Erfolg ist kein leichter, ergibt aber eine der vergnüglichsten Serien des Streamingjahres 2021, ist sich unser Kritiker Matthias Halbig sicher.

„Only Murders in The Building” läuft bereits bei Disney+.

„Haus des Geldes”: Triumph oder Niederlage

Man könnte schreiben, dass es nun ums Ganze geht. Aber eigentlich ging es seit Folge eins bei der spanischen Raubüberfallserie „Haus des Geldes“ immer ums Ganze. Doch nun scheint die Lage noch komplizierter als sonst zu sein. Denn die Bande mit Städtenamen wie Berlin und Tokio muss in der finalen fünften Staffel wohl - Achtung, kleiner Spoiler - erst einmal ohne ihren genialen Anführer El Professor (Álvaro Morte) auskommen. „Die Komplizen stehen in einem Krieg an allen Fronten und müssen das tun, was der Professor nie tun wollte: Improvisieren“, beschreibt unser Kritiker Martin Schwickert die Situation. Und verspricht: Die ohnehin schon gut angezogene Actionschraube wird jetzt noch einmal deutlich hochgedreht.

Anzeige

„Haus des Geldes“, Staffel fünf, Teil eins, ist bereits bei Netflix zu sehen.

„Helen Dorn: Die letzte Rettung“: Thriller mit Wehmut

Die ZDF-Langzeitermittlerin Helen Dorn gilt als eiskalte Kommissarin. Eigentlich. Doch in „Die letzte Rettung“ sehen die Zuschauerinnen und Zuschauer die LKA-Beamtin von einer ungewohnt verletzlichen Seite. Nicht nur das macht den Film zu einem lohnenswerten Fernseherlebnis, auch der Fall, ein Pharmabetrug, packt. „Dank des ausgezeichneten Drehbuchs ist Fromm bei seiner ersten Arbeit für ‚Helen Dorn‘ eine äußerst reizvolle Kombination aus Thriller und Psychogramm gelungen“, resümiert unserer Kritiker Tilmann P. Gangloff.

„Helen Dorn: Die letzte Rettung“ läuft am 4. September um 20.15 Uhr im ZDF.

„Polizeiruf 110: Bis Mitternacht”: Die Uhr tickt

Die Zeit läuft in diesem ARD-Sonntagskrimi. Denn Kommissarin Elisabeth „Bessie” Eyckhoff (Verena Altenberger) muss einen des Mordes verdächtigen Studenten im Verhör zu einem Geständnis bringen, doch der ist nicht sonderlich redefreudig. Wenn er bis Mitternacht nicht gesteht, muss sie den jungen Mann wieder gehen lassen. Packend inszeniert ist dieser Krimi – und bleibt bis zur letzten Sekunde spannend, verspricht unser Autor Ernst Corinth.

Anzeige

„Polizeiruf 110: Bis Mitternacht” ist am Sonntag, 5. September, um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.

„Im Netz der Camorra“: ein Ehrenmann mit blutigen Händen

Matteo DeCanin (Tobias Moretti), Südtiroler Winzer des Jahres, ist erfolgreich und respektiert, außerdem ein liebevoller Vater und ein perfekter Ehemann. Umso tiefer ist der gähnende Abgrund, der sich eines Tages aus heiterem Himmel auftut, als ein früherer Weggefährte auf dem Weingut auftaucht. Einerseits lässt sich Regisseur Andreas Prochaska genug Zeit für die Erzählung, andererseits beeindruckt der Thriller durch vorzügliches Handwerk sowie eine klare Ausrichtung. Von unserem Kritiker Tilmann P. Gangloff gibt es eine klare Sehempfehlung.

„Im Netz der Camorra” können Zuschauerinnen und Zuschauer am 6. und 7. September um jeweils 20.15 Uhr im ZDF sehen.

Deutscher Netflix-Film „Prey”: Junggesellenabschied wird zum Horrortrip

Roman (David Kross) und Albert (Hanno Koffler) flüchten vor der Scharfschützin durch den Wald. © Quelle: Anke Neugebauer/Netflix

Die neue deutsche Netflix-Produktion „Prey” hat den Anspruch, wie zuvor etwa „Dark” oder „Tribes of Europe”, ein internationales Publikum anzuziehen. Es geht um einen Junggesellenabschied in einem Nationalpark: Fünf junge Männer werden dort, lange ohne zu wissen, warum, von einer Scharfschützin durch den Wald gejagt. Darunter Schauspieler David Kross, bekannt etwa durch der „Der Vorleser”, der den (Noch-)Junggesellen Roman spielt; und Fernsehstar Hanno Koffler, der dessen älteren Bruder verkörpert. Trotz guter Besetzung wird das hochgesteckte Ziel wohl eher nicht erreicht werden, vermutet RND-Kritiker Martin Schwickert: Dafür mangele es dem Horrorplot an Sinn und spannenden Wendungen. Er nennt den Film nur ein „mäßig gruseliges Forstkammerspiel”, das kaum zum Fürchten sei.

„Prey” ist ab dem 10. September auf Netflix streambar.

„Ein Fall für zwei – Notwehr”: als Klempner im Rotlichtmileu

Privatermittler Leo Oswald (Wanja Mues) und Rechtsanwalt Benni Hornberg (Antoine Monot jr.) begeben sich im Staffelfinale der ZDF-Krimiserie „Ein Fall für zwei” mitten ins Rotlichtmilieu. Denn die befreundete Staatsanwältin Claudia Strauss (Bettina Zimmermann) steht fälschlicherweise unter Mordverdacht – und alle Spuren der wahren Verbrecher weisen auf einen kriminellen Clan hin. Doch warnt unser Kritiker Martin Schwickert: Während die laufende siebte Staffel solide und unterhaltsam ist, fordert das Finale den Zuschauenden einiges an Ironievermögen ab.

„Ein Fall für zwei – Notwehr” läuft am Freitag, 17. September, um 20.15 Uhr im ZDF.

Neueste Ermittlungen

Krimis sind nicht nur „Tatort” und „Polizeiruf”. Krimis sind auch nicht nur die ganzen kleinen kriminösen Vorabendserien im TV. Ordentlicher Kriminachschub lässt sich schon längst aus den internationalen Listen der diversen Streaminganbieter besorgen. Insofern ist es doch erfreulich, dass der Streamingdienst Netflix pünktlich zur krimilastigen Jahreszeit, denn ermitteln lässt es sich schöner zwischen dunstigen Nebelschwaden und geisternden Herbststürmen, 40 neue Filme bis Jahresende angekündigt hat. Nun sind das freilich nicht alles Krimis, doch ein paar Titel lassen eben solche Fans aufhorchen. So gibt es „The Guilty” mit Jake Gyllenhaal oder „Night Teet” mit Sydney Sweeny. Matthias Schweighöfer lässt seine Armee von Dieben, „Army of Thieves”, Panzer knacken, und Dwayne Johnson, Gal Gadot und Ryan Reynolds treten im actionlastigen Streifen „Red Notice” auf.

Am Tatort

Warum wurde die spanische Serie „Haus des Geldes“ eigentlich so erfolgreich? © Quelle: Tamara Arranz/Netflix/dpa

Eigentlich laufen Krimis doch immer nach Schema F ab – und so auch das Subgenre Raubüberfall. Eine Bande tüftelt einen ausgeklügelten Plan aus, der klüger ist als die Polizei erlaubt, bricht dann in das Casino / die Bank / das Edel-Hotel ein, irgendetwas Unvorhersehbares passiert, alles steht auf dem Spiel, in letzter Sekunde geht dann doch noch alles gut.

Die Antiheldinnen und -helden können meist frei, unbehelligt und die Taschen voller Geld ihre selbst erwählte Falle wieder verlassen. Anders läuft im Grunde auch der spanische Netflix-Erfolgsexport „Haus des Geldes” nicht ab. Und doch avancierte die Geschichte um El Professor und seine Städtenamenganoven zur meist gesehenen nicht englischsprachigen Serie des umfangreichen Streamingdienstes. Warum eigentlich? Das hat sich unsere Autorin Geraldine Oetken einmal angeschaut.

Kriminalstatistik

Wussten Sie, dass Dieter Bohlen dem „Tatort” einst die Ehre gab? 1988 spielt der heute gern als Poptitan betitelte Bohlen im Schimanski-„Tatort” den eifersüchtigen Freund einer Zeugin. Die Musik zum Film lieferte er gleich mit. Dennoch können die Zuschauerinnen und Zuschauer den Bohlen nicht wirklich hören: Sein Auftritt wurde nachträglich synchronisiert.

Abonnieren Sie auch:

Der Tag: Erhalten Sie jeden Morgen um 7 Uhr das Nachrichtenbriefing vom RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Hauptstadt-Radar: Der RND-Newsletter aus dem Regierungsviertel mit dem 360-Grad-Blick auf die Politik im Superwahljahr. Immer dienstags, donnerstags und samstags.

What’s up, America? Der wöchentliche USA-Newsletter liefert Hintergründe zu den Entwicklungen in Politik, Gesellschaft und Kultur – immer dienstags.

Die Pandemie und wir: Die wichtigsten Nachrichten der Woche, Erkenntnisse der Wissenschaft und Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.

Das Stream-Team: Die besten Serien- und Filmtipps für Netflix und Co. – jeden Monat neu.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen