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Zehn Jahre nach dem „Costa Concordia“-Unglück: „In unseren Herzen ist die Tragödie lebendig geblieben“

Das Luxus-Schiff „Costa Concordia“ vor der italienischen Insel Giglio.

Das Luxus-Schiff „Costa Concordia“ vor der italienischen Insel Giglio.

Rom. Diese Nacht wird Sergio Ortelli niemals vergessen. „Wir sind in einem Albtraum aufgewacht, in einer Art Apokalypse“, erinnert sich der damalige und noch heutige Bürgermeister der kleinen italienischen Insel Giglio. Wenige Hundert Meter vor dem Hafeneingang lag unvermittelt ein Schiff monströsen Ausmaßes, das sich immer weiter zur Seite neigte. Zu hören waren verzweifelte Schreie, Rettungsschiffe fuhren zwischen der Hafenmole und dem Kreuzfahrtschiff namens „Costa Concordia“ hin und her, bis schließlich mehr als 4000 Passagiere und Besatzungsmitglieder auf der Mittelmeerinsel an Land und in Sicherheit gebracht waren.

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32 Menschen, darunter zwölf deutsche Urlauber, überlebten die Havarie nicht: 27 Passagiere, zwei Kellnerinnen, ein Aufseher, ein Schlagzeuger und ein Geiger ertranken in ihren Kabinen oder beim verzweifelten Versuch, das nahe Ufer im eisigen Wasser schwimmend zu erreichen.

Wie ein gestrandeter Wal

Zweieinhalb Jahre lang lag die „Costa Concordia“ wie ein riesiger gestrandeter Wal vor dem Hafen, bis sie im Juli 2014 nach der größten und teuersten Bergungsaktion in der Geschichte der Seefahrt wieder aufgerichtet und nach Genua zur Verschrottung abgeschleppt wurde. „Mit dem Verschwinden des Wracks haben wir zu unserer Ruhe, zu unserem Frieden und zu unserer Lebensweise zurückgefunden“, sagt Bürgermeister Ortelli.

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Äußerlich erinnere schon lange nichts mehr an die „Costa Concordia“: Das Meer sei sauber wie eh und je, sogar die Installationen am Meeresgrund, die für die Bergung des Schiffs notwendig waren, sind wieder abmontiert worden. „Aber in unseren Herzen ist diese Tragödie natürlich lebendig geblieben. Und das Andenken an die Toten soll uns helfen, ähnliche Fehler nie mehr wieder zu machen“, betont der Bürgermeister.

Zehnter Jahrestag: Die Tragödie der „Costa Concordia“

Am 13. Januar 2012 kollidiert die „Costa Concordia“ vor der Insel Giglio mit einem Felsen. 32 Menschen sterben, der Kapitän wurde bis heute nicht verurteilt.

Totalversagen erschüttert

Die Fehler: Die bestanden in erster Linie im Totalversagen – vor allem auch in moralischer Hinsicht – von Kapitän Francesco Schettino. „Wir waren von dem, was Schettino gemacht hat, völlig erschüttert – und wir sind es bis heute“, sagt der ehemalige italienische Seemann Giovanni Brizzi. Inselbewohner wie er leben von und mit dem Meer: „Wir sind Fischer, Matrosen, Besatzung der Fährschiffe, Hafenarbeiter, Kapitäne“, sagt der 70-Jährige, der selber fünf Jahrzehnte zur See gefahren ist. Eigentlich sei ein Manöver, wie es Schettino gemacht habe, „unvorstellbar für alle von uns“: Mit einem 290 Meter langen und 120.000 Tonnen schweren Schiff mit 40 km/h bis auf wenige Meter an eine Felsenküste heranzufahren sei „völlig absurd“.

Das Schiff war von dem Felsen auf einer Länge von 70 Metern aufgeschlitzt worden – ähnlich wie 100 Jahre zuvor die „Titanic“ vom Eisberg. Es sei nur „der Gnade Gottes zu verdanken“ gewesen, dass es nicht zu einer ähnlichen oder noch größeren Tragödie gekommen sei: „Hätte der Wind die nach dem Zusammenstoß mit dem Felsen manövrierunfähige ‚Costa Concordia‘ statt in Richtung Insel ins Meer hinausgetrieben, dann wären wahrscheinlich Hunderte, wenn nicht Tausende Menschen ums Leben gekommen“, schätzt Brizzi. „Weil das Schiff vor dem Hafeneingang im untiefen Wasser auf Grund gelaufen ist, legte es sich zwar zur Seite, aber es ging nicht unter. Für die Evakuierung der Passagiere und der Besatzung war das entscheidend.“

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Die „Costa Concordia" nach der Aufrichtung.

Die „Costa Concordia" nach der Aufrichtung.

Doch das Schlimmste für die Inselbewohner war nicht das halsbrecherische und verbotene Manöver des Kommandanten, sondern dessen Feigheit: Schettino hatte sich mit einem der ersten Rettungsschiffe in Sicherheit gebracht, statt auf dem Schiff zu bleiben und die Evakuierung zu organisieren. „Auf der Insel ging er als Erstes in ein Hotel, um zu fragen, ob es irgendwo weiße Socken zu kaufen gebe. Denn diejenige des Kapitäns waren bei seiner Flucht nass geworden“, sagt Brizzi. Er schämt sich noch heute für das unehrenhafte Verhalten seines Landsmannes. Schettino ist unter anderem wegen fahrlässiger Tötung in 32 Fällen, fahrlässigen Schiffbruchs und Falschaussagen zu 16 Jahren Zuchthaus verurteilt worden und sitzt derzeit seine Strafe im Römer Rebibbia-Gefängnis ab.

Francesco Schettino, Kapitän der gekenterten „Costa Concordia", steht im Hafen von Giglio.

Francesco Schettino, Kapitän der gekenterten „Costa Concordia", steht im Hafen von Giglio.

Moralisch gestrandetes Land

Der Schiffbruch der „Costa Concordia“ und das Verhalten des Kapitäns hatten freilich nicht nur die Bewohnerinnen und Bewohner Giglios verstört, sondern das ganze Land: Die Havarie wurde in Italien zu einem politisch und wirtschaftlich schwierigen Zeitpunkt als nationale Schmach empfunden. Als Schettino sein Schiff auf die Klippe steuerte, befand sich Italien am Rand der Zahlungsunfähigkeit: Nur zwei Monate zuvor hatte der damalige Staatspräsident Giorgio Napolitano den völlig diskreditierten und nicht mehr zum Regieren fähigen Premier Silvio Berlusconi zum Rücktritt drängen müssen. Berlusconi wurde durch den Wirtschaftsprofessor und ehemaligen EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti ersetzt, um das Schlimmste abzuwenden.

Das vor Giglio liegende Wrack der „Costa Concordia“ war zur Metapher eines finanziell, wirtschaftlich und moralisch gestrandeten Landes geworden – und Schettino im Volksmund zum „Berlusconi der Sieben Weltmeere“.

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Das positive Pendant im Drama der Havarie war dagegen Gregorio de Falco, damals der für Giglio zuständige Offizier der Küstenwache in Livorno. Er hatte Schettino in der Unglücksnacht über Funk ebenso eindringlich wie vergeblich aufgefordert, aufs Schiff zurückzukehren und den Passagieren und der Besatzung beizustehen. Dabei sagte er den klaren Satz: „Kehren Sie zurück an Bord, Sie Scheißkerl!“ De Falco ist 2018 als Kandidat der Fünf-Sterne-Bewegung in den Senat gewählt worden – und wurde von der Partei nach kurzer Zeit ausgeschlossen, als diese zusammen mit der rechtsradikalen Lega die Politik der geschlossenen Häfen einführte und damit die Seenotrettung von Flüchtlingen de facto kriminalisierte. De Falco hatte sich gegen diese Politik ausgesprochen und erklärt, das Land befinde sich „in der Hand von Abenteurern“. Er politisiert seither in der gemischten Fraktion des Senats.

Sieht sich als Sündenbock

Nun gedenkt Giglio zum zehnten Mal der 32 Toten der „Costa Concordia“, während die beiden damaligen Protagonisten der Schmach – Schettino und Berlusconi – weiterhin wie ein Schatten über der Insel und über Italien liegen. Schettino hat in Interviews unlängst durchblicken lassen, dass er sich weiterhin als Sündenbock sieht, der als Einziger für die Havarie habe büßen müssen. „Man wollte im Prozess einen Schuldigen finden, nicht die Wahrheit“, ließ Schettino über seinen Anwalt der Zeitung „La Stampa“ ausrichten. Er soll Fernkurse in Rechtswissenschaft und Journalismus belegt haben, weil er glaubt, dass er zur Zielscheibe der Medien wurde.

Silvio Berlusconi wiederum macht seit Wochen Schlagzeilen als Kandidat für das höchste Amt im Staat: Der 85-Jährige möchte sich – so bizarr das in nicht italienischen Ohren klingen mag – in zwei Wochen zum Nachfolger von Staatspräsident Sergio Mattarella wählen lassen. Treibt das Schiff Italien, das derzeit vom kompetentesten Kapitän der letzten Jahrzehnte, nämlich Mario Draghi, gesteuert wird, erneut auf eine Felsenklippe zu?

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Das fragt man sich auf Giglio auch – doch abseits von allem Politischen überwiegt auf der Insel die Erleichterung, wieder zur Normalität zurückgekehrt zu sein. Der Schiffbruch der „Costa Concordia“ habe, bei allem Leid und der Trauer um die Toten, auch Positives nach sich gezogen, betont Ferdinando Pazzaglia. Der heute 45-jährige Hafenarbeiter aus dem benachbarten Orbetello auf dem Festland hatte schon wenige Tage nach der Havarie bei der Bergungsfirma angeheuert, die zunächst die Habseligkeiten der Passagiere aus dem Schiff holte. Danach kam das Abpumpen der über zwei Millionen Liter Treibstoff aus dem Wrack und schließlich das Wiederaufrichten und Abschleppen. „Zweieinhalb Jahre lang hatte ich eine interessante und schöne Arbeit“, sagt Pazzaglia.

Liebe seines Lebens

Vor allem aber: „Nach einem Jahr habe ich auf Giglio die Liebe meines Lebens gefunden.“ Pazzaglia hat geheiratet und ist auf der Insel geblieben. Und er ist nicht der Einzige: „Auf der Baustelle zur Bergung der ‚Costa Concordia‘ waren Hunderte Arbeiter, Ingenieure und Spezialisten aus der ganzen Welt beschäftigt: Etliche von ihnen haben auf Giglio eine Partnerin gefunden. Und es sind viele bambini daraus entstanden.“

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