Corona-Partys: Sagt mal, spinnt ihr eigentlich?

  • Wegen der Coronapandemie raten Experten: Bleibt gefälligst zu Hause.
  • Doch auf Facebook planen Bernd und Sabine allen Ernstes eine Coronaparty.
  • Unser Autor fragt: Was stimmt eigentlich mit euch nicht?
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Hannover. Ich habe in den vergangenen Tagen viele Texte gelesen über Solidarität in Zeiten von Krisen. Über Zusammenhalt und Mutmachen in schweren Zeiten. Dieser hier wird keiner davon sein. Denn meine Hoffnung, dass wir die Coronapandemie gemeinschaftlich und mit Rücksicht aufeinander überstehen, schwindet von Tag zu Tag.

Am Anfang war das Klopapier. Das war schon Ende Februar (!) in meinem Rewe um die Ecke restlos ausverkauft. Und da waren die Zahlen von Coronainfizierten in Deutschland noch schwindend gering, die Anzeichen von Quarantänen und Ausgangssperren in weiter Ferne. Inzwischen stehen die Hamsterkäufe in den Supermärkten als Symbolbild für den Egoismus, den diese Krise mit sich bringt.

Aber klar, natürlich musste es noch schlimmer kommen. Der Gipfel der Deppenhaftigkeit spielt sich derzeit in Facebook- und Whatsapp-Gruppen ab, wo sich die Brittas und Rainers und Sabines des Landes gegenseitig zu Coronapartys einladen. Zum gemütlichen “Jetzt erst recht”-Stammtisch. Bernd heizt schon mal den Grill vor, Martina macht Nudelsalat und Stefan bringt ein paar Kästen Corona-Bier mit – ein sagenhafter Scherz, ich kann gar nicht aufhören zu lachen.

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Da wird eine Frage erlaubt sein: Was stimmt eigentlich mit euch nicht? Verrate es mir bitte, Bernd.

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Der Hamster in uns: Panikkäufe und Corona
0:44 min
“Hamstern” beschreibt das Horten von Lebensmitteln oder knapp werdenden Dingen. Das Horten von Dingen hat eine lange Tradition.  © RND

An der Ausgangssperre seid ihr schuld

Ist ja schön, dass du keine Angst vor dem Virus hast, aber um dich geht es gerade ausnahmsweise mal nicht, Bernd. Soziale Kontakte so gut es geht zu meiden ist derzeit essenziell, um die Infektionskurve in Deutschland abzuflachen. Um das Gesundheitssystem aufrechtzuerhalten, um Ältere und andere Risikogruppen zu schützen, um Zustände wie etwa in Italien zu vermeiden. Inzwischen sollte das eigentlich jeder mitbekommen haben.

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Aber nein. Bernd hat in den vergangenen Jahren – Facebook sei Dank – gelernt, wie man mit Krisensituationen umgeht, die einen selbst nicht betreffen. Wenn uns der Klimawandel zwei überaus trockene Sommer in Folge beschert, dann gründen wir halt eine Facebook-Gruppe mit dem Namen “Fridays for Hubraum”, um dort 16-jährige Schwedinnen zu beleidigen. Wenn Asylsuchende unsere Hilfe benötigen, dann überschütten wir das Netz mit der größtmöglichen Arschlochhaftigkeit, die uns einfällt. Und wenn man uns rät, wegen einer weltweiten Pandemie gefälligst zu Hause zu bleiben, dann lachen wir das laut und ohne Sicherheitsabstand ins Gesicht unserer Mitmenschen – erst recht wenn “die Merkel” das anordnet.

Apropos anordnen: Wenn die derzeit viel diskutierte Ausgangssperre wirklich kommen sollte, dann bist du schuld, Bernd. Ja, genau du. Weil Menschen wie du es nicht hinbekommen, einfach mal Rücksicht zu nehmen. Dinge zu tun, weil sie sinnvoll sind und deine Mitmenschen schützen. Nein, Bernd – du brauchst offenbar die autoritäre Anordnung, um einfach mal nicht das Falsche zu tun.

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Auch die junge Generation agiert egoistisch

Im Übrigen sind Coronapartys bei Weitem nicht nur ironische Trotzreaktionen auf die Krise. Manche Teilnehmer wollen sich offenbar ganz gezielt mit dem Virus infizieren – um es einfach schon mal hinter sich zu haben. Besser jetzt als in ein paar Wochen, wenn es dann richtig losgeht. Egoistischer geht es eigentlich kaum – zumal dieses Konzept allem widerspricht, was uns erfahrene Wissenschaftler seit Wochen einreden.

Aber es sind nicht nur die Bernds und Sabines. Auch junge Leute verhalten sich derzeit so, wie sie es sonst vor allem der älteren Generation vorwerfen: rücksichtslos und egoistisch. Im Netz verteilen sich Bilder eines gut gefüllten Münchner Viktualienmarktes – dicht gedrängt prosten, trinken, lachen seine Besucher, als gäbe es keine Epidemie.

Die “taz” hat genau das am Dienstag auf ihrer Titelseite thematisiert, mit einem umgedichteten “Umweltsau”-Lied. “Mein Enkel macht im Hühnerstall ’ne Party, ’ne Party, ’ne Party. Er teilt sich 100 Flaschen Bier mit Freunden, mit Freunden. Mein Enkel ist ’ne alte Coronasau!”, heißt es da etwa. Daneben ist ein Bild von Berliner Abiturienten zu sehen. Sie feiern ironisch in Schutzanzügen ihren letzten Schultag. Haha.

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Die Solidarität verpufft

Ich hätte mir ja wirklich gewünscht, dass wir das alles ohne harte Anordnungen hinbekommen würden. Ausgangssperren sind Mist, keiner will das. Und es gab in den vergangenen Tagen ja auch genug Anzeichen, die Hoffnung gemacht haben. Da waren zum Beispiel diese Bilder auf Twitter von hilfsbereiten Menschen, die ihren älteren Nachbarn Hilfe anbieten und Einkäufe für sie erledigen.

Aber was nützen uns all die solidarischen Einzelfälle auf Twitter, wenn auf Facebook schon die nächste Coronaparty-Einladung verschickt wird? Jede Gesellschaft ist halt nur so gut wie ihr schlimmster Bernd.

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