Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

 

Sind Sie bereits Abonnent? Hier anmelden

Mord, Totschlag, Vergewaltigung

Corona und toxische Männlichkeit? Frauen werden immer häufiger Opfer von häuslicher Gewalt

Während der Corona-Pandemie sind in Deutschland mehr Frauen Opfer eines Tötungsdeliktes geworden als zuvor.

Die Corona-Pandemie war für Frauen offenbar noch gefährlicher als bisher vermutet. Seit Beginn der Pandemie und den Lockdowns stieg die Zahl der Femizide um 22 Prozent. Mit 311 getöteten Frauen im Jahr 2021 sind erstmals in der Bundesrepublik mehr Opfer von Mord und Totschlag weiblich als männlich (310), zeigt eine Analyse des Kriminologen Christian Pfeiffer. Besonders auffällig: 200 Frauen wurden dabei von ihrem Ehemann, Partner oder Ex-Partner umgebracht – ein Plus von 11 Prozent, wie Pfeiffer berichtet. Er hat Daten des Bundeskriminalamtes aus den Jahren 2000 bis 2021 ausgewertet und mit eigenem Datenmaterial abgeglichen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Damit setzt sich ein Trend fort, der bereits in den vergangenen Jahren zu beobachten war: Bei Frauen, die zwischen 2000 und 2021 getötet oder ermordet wurden, waren in 64 Prozent der Fälle Ehemann, Partner oder Ex-Partner Täter – ein Anstieg von 13 Prozent. Auch an anderen Stellen ist diese Entwicklung festzustellen: In den vergangenen Jahren ist die häusliche Gewalt Frauen gegenüber stark gestiegen – sowohl bei schwerer Körperverletzung als auch bei Vergewaltigungen.

Häusliche Gewalt steigt seit 2011 kontinuierlich

Während die häuslichen Übergriffe auf Frauen von 1992 bis 2011 stark – bisweilen um 40 Prozent – zurückgingen, sei der Anstieg nach 2011 auffällig. „Irgendetwas hat sich zwischen 2011 und 2022 verändert“, sagt Pfeiffer dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Seit 2011 steige die Gewalt gegenüber Frauen, seit 2017 die Anzahl der Vergewaltigungen, seit 2019 die Anzahl der Tötungsdelikte.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Pfeiffer fordert von der Politik deshalb, Geld für Forschungen bereitzustellen. Nur mit empirischen Daten, die Ursachenforschung betreiben, könnten Frauen und auch Kinder vor Gewalt geschützt werden. Die letzte Dunkelfelderhebung sei 2011 erfolgt, damals ließ sich der Rückgang der häuslichen Gewalt an Frauen damit erklären, dass Frauen ihr häusliches Umfeld durch einen eigenen Job häufiger verließen als noch zuvor.

Corona-Lockdowns für Frauen besonders gefährlich

Über die Motive und Hintergründe zur derzeitigen Zahlenlage kann Pfeiffer nur mutmaßen. „Mehrere Faktoren spielen wohl eine Rolle“, sagt er. Zuletzt sei das Konfliktpotenzial durch die Corona-Maßnahmen hoch gewesen, etwa weil Menschen sehr viel mehr Zeit auf engem Raum verbrachten, um ihren Job und ihre Existenz fürchteten und das Aggressionspotenzial hoch gewesen sei. „Man hat gesehen, dass das Risiko für Frauen und Kinder gestiegen ist. Das könnte auch eine Erklärung für den Anstieg von Tötungsdelikten sein“, sagt Pfeiffer.

Das Risiko, dass Frauen während der Pandemie zusätzlich Gewalt ausgesetzt sind, hat auch das Bundesforum Männer gesehen und deshalb einen Zehn-Punkte-Plan entwickelt und als Faltblatt verteilen lassen. „Wir haben das Potenzial gesehen, dass in den Lockdowns eine aggressive Grundsituation vorherrscht“, sagt der stellvertretende Geschäftsführer Klaus Schwerma dem RND. Deshalb habe man praktische Tipps zur Deeskalation gesammelt und in 20 Sprachen übersetzt. „Wir können Frauen nur stärker schützen, wenn wir Männern in Krisensituationen Angebote machen“, sagt er.

Der Kriminologe Christian Pfeiffer hat Daten zur Gewalt gegenüber Frauen ausgewertet.

Der Kriminologe Christian Pfeiffer hat Daten zur Gewalt gegenüber Frauen ausgewertet.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Trend zu häuslicher Gewalt schon vor Pandemie erkennbar

Der Opferverband Weißer Ring hatte bereits im vergangenen Jahr mitgeteilt, dass sich die Zahl der Hilfesuchenden nach den Lockdowns stark erhöht hatte – bei den Anrufen gab es von 2019 bis 2020 ein Plus von 20 Prozent, bei den Onlineberatungen waren es sogar 50 Prozent. Eine erste repräsentative Umfrage der Technischen Universität München zeigte vor wenigen Monaten: In Deutschland wurden 3 Prozent der Frauen während des Lockdowns Opfer häuslicher Gewalt, 3,6 Prozent wurden von ihrem Partner vergewaltigt. Auch Kinder wurden vermehrt Opfer: 6,5 Prozent der Kinder erlebten daheim Gewalt.

Allerdings sei der Trend schon vor der Corona-Pandemie und den Lockdowns erkennbar gewesen, macht Pfeiffer deutlich. Die Kontakt- und Ausgehbeschränkungen könnten den Effekt nur verstärkt haben, der bereits vor einigen Jahren einsetzte. Er glaubt, dass sich viele Männer in einer Art Männlichkeitskrise befinden. Frauen übernehmen mehr Aufgaben und mehr Verantwortung im öffentlichen Leben, sind leistungsstärker im schulischen und akademischen Kontext, haben zunehmend angesehene und gut bezahlte Jobs und kümmern sich gleichzeitig um Familie und Haushalt. „Selbst wenn Mann und Frau 50 Prozent arbeiten, macht in der Regel die Frau deutlich mehr im Haushalt. Es gibt ein reales Kräfteungleichgewicht“, sagt Pfeiffer. Das könne am Ego kratzen.

Toxische Männlichkeit: Männer zunehmend aggressiv gegenüber ihren Partnerinnen

Eine ähnliche Vermutung hat auch Schwerma vom Bundesforum Männer. „Das Männlichkeitsbild ist im Wandel“, sagt er, „die Selbstverständlichkeit, mit der sich Männer gesehen haben, ist nicht mehr gegeben.“ Männer fühlten sich einer Doppelbotschaft ausgesetzt, einer Diskrepanz zwischen den Ansprüchen, die an sie gestellt werden. Zum einen das inzwischen gewandelte gesellschaftliche Bild, zum anderen aber auch Eigenschaften, die klassischerweise Männern zugeschrieben werden wie Stärke, Durchsetzungskraft, Versorger. „Das gab es vor 20 Jahren in diesem Ausmaß noch nicht“, sagt Schwerma. Die Folge: toxische Männlichkeit.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ob und inwiefern sich die Zuwanderung der vergangenen Jahre auf die Gewaltstatistik ausgewirkt hat, ist ebenfalls nicht untersucht. Pfeiffer fordert von der Politik, Daten zu erheben. Die bisher veröffentlichten und von Pfeiffer zusammengetragenen Zahlen legen einen Zusammenhang zumindest nahe. So liegt der Anteil der Frauen ohne deutschen Pass, die Opfer von Gewalt werden, bei 26 bis 31 Prozent. Umgekehrt haben je nach Straftat zwischen 32 und 37 Prozent der tatverdächtigen Männer keine deutsche Staatsangehörigkeit. Damit kommen ausländische Personen übermäßig häufig in der Statistik vor, ihr Anteil an der Bevölkerung in Deutschland beträgt nur 12,6 Prozent.

Weltfrauentag: „Es ist noch ein langer Weg bis zur Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt“

Zum Weltfrauentag am 8. März haben wir nachgefragt: Wie steht es um die Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt?

Kriminologe Pfeiffer fordert Datenerhebungen von der Politik

Auch die Leistungsfähigkeit von Männern könnte in dem Kontext eine Rolle spielen. Eine Studie aus den USA, die untersuchte, wieso Frauen seltener durch Prüfungen fallen als Männer und generell bessere Noten schreiben, zeigte, dass 15 Prozent der Männer sehr viel Zeit ihres Tages mit Computerspielen verbrachten. In China machte man die gleiche Beobachtung – und untersagte unter 18‑Jährigen montags bis donnerstags das Spielen am PC. Die viele Zeit im Internet könnte noch weitere Folgen haben, glaubt Schwerma: Dort sei eine zunehmende Aggressivität und Gewaltbereitschaft zu beobachten, Menschen würden sich gegenseitig anstacheln.

Doch all die möglichen Erklärungen sind Mutmaßungen, weil Datenerhebungen im großen Stile – und vor allem Dunkelfelduntersuchungen – fehlen. Bei den Daten, die Pfeiffer nun ausgewertet hat, handelt es sich nur um angezeigte Straftaten. „Die Verzerrung kann enorm sein“, sagt er. Studien aus früheren Jahren und aus verschiedenen Ländern hätten gezeigt, dass vor allem im familiären Umfeld die Bereitschaft gering sei, Straftaten anzuzeigen. Die höchste Bereitschaft fand sich bei Frauen, denen fremde Männer Gewalt angetan haben.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Körperverletzung, Vergewaltigung, Mord, Totschlag: Mehr Anzeigen

So bleiben nur die gemeldeten Fälle. Die legen dar, dass die Anzahl von männlichen Opfern bei gefährlicher oder schwerer Körperverletzung von 2000 bis 2021 um 5 Prozent abnahm, die gegenüber Frauen aber um 17 Prozent stieg – wenngleich Frauen noch deutlich seltener eine schwere Körperverletzung anzeigen (34.226 Fälle in 2021) als Männer (88.419 Fälle in 2021). Die Steigerung bei der Gewalt gegen Frauen sei ausschließlich auf mehr Gewalt im häuslichen Umfeld zurückzuführen, sagt Pfeiffer.

Das BKA sieht bei Männern einen Anstieg von 4 auf 10 Prozent, was schwere Körperverletzung im Kontext von Familie und Partnerschaft betrifft – bei Frauen erhöhte sich der Wert im gleichen Zeitraum jedoch von 22 auf 41 Prozent. 2021 haben 6190 Frauen angezeigt, von ihrem Ehemann, Partner oder Ex-Partner geschlagen worden zu sein. Damit haben sich die Übergriffe auf Frauen in den vergangenen 21 Jahren mehr als verdoppelt. Im Jahr 2020 war in 35 Prozent der gemeldeten Fälle der Partner der Täter, in 33 Prozent der Fälle der Ehemann und in 32 Prozent der Ex-Partner.

Bei Vergewaltigungen zeigt sich ein ähnliches Bild: Die Zahl von dem Opfer völlig fremden Tatverdächtigen sank seit 2017 um 677 Fälle, hingegen werden Frauen innerhalb der Partnerschaft oder Ehe häufiger vergewaltigt. Wurden 2000 noch 20 Prozent der Vergewaltigungen als Partnerschaftsgewalt – also durch Ehemann, Partner oder Ex-Partner herbeigeführt – eingestuft, waren es 2021 bereits 31 Prozent. Erhöht hat sich hierbei vor allem die Zahl der Anzeigen gegen Ex-Partner um plus 39 Prozent.

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter

Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.