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Corona und Silvester: eine gute Gelegenheit, das Böllern endgültig zu verbieten

Die Tage des Böllerns sind gezählt, findet unser Autor.

Hannover. Corona hat viel Schlechtes gebracht – aber gleichzeitig auch einige Bereiche unserer Gesellschaft radikal modernisiert. Die Digitalisierung in der Arbeitswelt ist dafür wohl das prägnanteste Beispiel. Unternehmen, die im Februar noch dachten, „das mit dem Homeoffice, das geht bei uns nicht“, merkten plötzlich im März, dass es doch geht. Und Pauschalurlauber, die sonst für ihren Urlaub um die halbe Welt reisen mussten, stellten plötzlich überrascht fest, dass der Schwarzwald auch mal ganz schön sein kann.

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Jetzt gilt es nur noch, ein ganz besonders unangenehmes Thema aus der Welt zu schaffen. Und ja, ich weiß, die Sache ist heikel. Es geht um des Deutschen liebsten Volkssport zu Silvester: Es geht ums Böllern.

Seit Jahren wird bereits darüber diskutiert, die Knallerei an Silvester abzuschaffen. Umweltverbände und Parteien machen immer wieder derartige Vorstöße, einige Städte haben in den vergangenen Jahren Alleingänge gestartet, und das Böllern etwa in historischen Innenstädten verboten. Zu einer flächendeckenden Lösung konnte man sich jedoch bislang nicht durchringen. Uns Deutschen das Böllern wegnehmen? Soweit kommt’s noch.

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Schluss mit der Knallerei

In diesem Jahr ist eines jedoch bereits im November völlig klar: Die traditionellen Trommelfellrisse und abgetrennten Finger sind am bevorstehenden Jahreswechsel einfach nicht drin. Die Krankenhäuser haben in diesem Winter mit Covid-Patienten bereits genug zu tun. Das Personal zusätzlich mit betrunkenen Feuerwerksfans zu belasten, wäre eine Zumutung. Darum mehren sich inzwischen die Forderungen aus der Medizin, zumindest in diesem Jahr das Abbrennen von Feuerwerkskörpern zu verbieten. Der Chef der Uniklink Essen, Jochen Werner, fordert beispielsweise in einem Videobeitrag, sich an den Nachbarn aus den Niederlanden ein Beispiel zu nehmen. Dort will die Regierung in diesem Jahr ein absolutes Feuerwerksverbot durchsetzen.

Doch es lohnt sich sicherlich, noch einen Schritt weiterzudenken. Ein Feuerwerksverbot in diesem Jahr, ist schön und gut. Aber wie wäre es eigentlich, wenn wir Corona zum Anlass nähmen, die sinnlose Böllerei einfach komplett abzuschaffen? Schließlich ist die Knallerei auch nur ein Relikt aus längst vergangenen Prä-Corona-Zeiten. Ein Brauchtum aus einer alten Welt, in der es zum guten Ton gehörte, einmal im Jahr die Gesundheit anderer zu gefährden. Darüber sind wir doch, spätestens seit diesem Jahr, längst hinweg, oder?

Die Gründe für ein Ende des Böllerns lagen auch schon vor Corona auf der Hand. Zunächst einmal sind wir es selbst. Die Mehrheit der Deutschen will die Böllerei zu Silvester nicht mehr sehen. Bei einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov für das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) befürworteten Ende des vergangenen Jahres ganze 57 Prozent aus Umwelt- und Sicherheitsgründen ein Verbot von Böllern zu Silvester. Nur 36 Prozent sprachen sich gegen ein Verbot aus, 7 Prozent zeigten sich unschlüssig.

Explosionen in Feuerwerksfabriken

Kein Wunder. Alljährlich brennen in Deutschland dutzende Wohnungen aus und ganze Häuser ab, weil sich wieder einmal eine Silvesterrakete auf den falschen Balkon verirrt. Das Schicksal der Bewohner und den Verlust ihres Hab und Guts nehmen wir eiskalt in Kauf, für ein bisschen bunte Farben und Knallerei. Ist das nicht wahnsinnig rückständig?

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Nicht zu vergessen die Menschen am anderen Ende der Welt. In Feuerwerksfabriken herrschen unglaubliche Zustände, immer wieder kommt es dort zu schrecklichen Unglücken. Ende 2016 beispielsweise starben 30 Menschen bei einer Explosion auf einem Markt für Pyrotechnik in Mexiko, ein Jahr später fast 50 Menschen in einer Feuerwerksfabrik nahe Jakarta. 2018 starben 24 Menschen bei Explosionen in einer mexikanischen Feuerwerksfabrik, im vergangenen Jahr weitere 21 bei einer Explosion in einer Fabrik in Indien. So ignorant können wir doch gar nicht sein. Nicht mehr nach 2020.

Und wenn wir uns schon nicht auf Menschlichkeit einigen können, dann doch wenigstens auf das Wohl unserer Tiere. Für die ist das Silvesterfeuerwerk jedes Jahr der blanke Horror – und damit sind nicht nur unsere Hunde, Katzen und Kanarienvögel gemeint, sondern auch die Wildtiere, die durch die Knallerei in Panik versetzt werden.

Die Verletzungen durch Feuerwerk sind da fast noch das Kleinste Übel: Schwere Brandverletzungen an Händen nehmen laut dem Unfallkrankenhaus Berlin seit Jahren zu. Auch Verletzungen an den Ohren, den Augen oder im Gesicht kommen häufig vor. 2018 starben zwei Männer, nachdem Böller direkt vor ihnen explodiert waren. Vom Müll und der Luftbelastung ganz zu schweigen: Allein in München musste die Straßenreinigung 2019 70 Tonnen Silvestermüll einsammeln. Die Feinstaubkonzentration in der Luft ist am Silvestertag vielerorts höher als das ganze restliche Jahr.

Jetzt oder nie

Und obwohl all das lange bekannt ist, war es zugegebenermaßen bislang nicht ganz einfach, den letzten 36 Prozent verbliebenen Böllerfans ihr Spielzeug wegzunehmen. Nicht auszudenken, welche Diskussionen das ausgelöst hätte. Von der Zerstörung eines abendländischen Brauchtums wäre da wahrscheinlich gefaselt worden. Eine dieser vielen Quatsch-Diskussionen aus längst vergangenen Prä-Pandemiezeiten.

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Aber jetzt sieht die Sache anders aus. Corona hat uns vieles genommen, was uns vorher selbstverständlich erschien. Also warum nicht auch das Recht auf die völlig sinnlose Gefährdung anderer durch völlig unnötige Böllerei?

Klar würde das zunächst ein paar Proteste auslösen, vielleicht würde auch die ein oder andere Telegram-Gruppe gegründet. Doch das wird verpuffen. Und irgendwann werden wir darüber lachen und uns fragen, wie wir früher nur so einen Unsinn verantworten konnten. Die Tage der Böllerei sind gezählt. Jetzt ist der perfekte Zeitpunkt, auszusteigen. Jetzt oder nie.

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