Corona-Skepsis: Wie eine Rechtsanwältin zum Star der Verschwörungstheoretiker wurde

Eine Heidelberger Rechtsanwältin sorgt mit ihrem Kampf gegen die Corona-Maßnahmen für Aufsehen. (Symbolbild)

Eine Heidelberger Rechtsanwältin sorgt mit ihrem Kampf gegen die Corona-Maßnahmen für Aufsehen. (Symbolbild)

Heidelberg. Die Bilder, die der Sender RTL am Donnerstag ausstrahlt, wirken wie aus einer völlig anderen Zeit. Aus dem Jahr 2013 oder so, als Flashmobs wie die “Free Hug”-Challenge in den deutschen Innenstädten ankamen.

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Inmitten einer Gruppe steht eine Frau. Sie verbeugt sich vor ihrem Publikum, dieses applaudiert ihr euphorisch. “Bravo”, rufen einige. Die Frau lächelt in die Runde, breitet dann weit ihre Arme aus und läuft auf die Menschengruppe zu. Immer wieder kommen Teilnehmer der Demonstration auf sie zu, umarmen die Frau herzlich.

Diese Aufnahmen sind tatsächlich nicht im Jahr 2013 entstanden, sondern am Mittwoch. Mitten in der Corona-Pandemie – und während geltender Kontaktsperren. Mindestabstand? Fehlanzeige: Dicht gedrängt stehen die Menschen vor dem Gebäude der Kriminalpolizei in Heidelberg, schütteln sich die Hände oder machen eng umschlungen Fotos.

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Wer ist Beate Bahner?

Bei der Frau, die inmitten der Demonstranten gefeiert wird wie ein Popstar, handelt es sich um die Heidelberger Rechtsanwältin Beate Bahner. Als ihre Spezialgebiete gelten das “Werberecht für Ärzte”, “Korruption im Gesundheitswesen” und “Recht im Bereitschaftsdienst”. Bahner hatte in den vergangenen Wochen mehrfach propagiert, das Coronavirus habe nur “grippeähnliche Auswirkungen”, und die Freiheitsbeschränkungen seien schlichtweg “nicht notwendig”.

Anfang April kündigte Bahner schließlich an, sie wolle gegen die geltenden Corona-Einschränkungen juristisch vorzugehen. Doch dabei blieb es nicht: Inzwischen gilt die 54-Jährige als heimliche Heldin der Verschwörungstheoretiker, wird im Netz und – wie zuletzt – auch auf der Straße gefeiert. Wie ist das passiert?

Ein Protokoll: Am 3. April tritt Bahner erstmals im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie in Erscheinung, als sie verkündet, gegen die verordneten Kontaktsperren der Länder vorgehen zu wollen. Wenige Tage später folgt eine 19-seitige Streitschrift: Bahner wolle die Corona-Verordnungen rechtlich prüfen lassen, heißt es darin. Sie habe “das große Vertrauen, dass spätestens die Gerichte diesen fundamentalen Angriff auf die Grundrechte” abwehren, so Bahner. Ein Eilantrag an das Bundesverfassungsgericht scheitert jedoch aus formalen Gründen.

Ostersonntag eskaliert die Situation

Doch Bahner gibt nicht auf: Mit der Zeit werden die Einträge auf ihrer Website immer bizarrer. Sie bezeichnet die “Corona-Terror-Maßnahmen” als die “schlimmste, menschenverachtendste, totalitärste und mörderischste Tyrannei, unter der die gesamte Welt je zu leiden hatte”. Bahner erlässt eine “Corona-Auferstehungs-Verordnung”, mit der sie Theater, Kinos, Saunen, Kirchen und Bordelle wieder für geöffnet erklärt.

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Am Ostersonntag dann eskaliert die Situation: Bahner stürmt nach eigener Darstellung in Panik aus ihrem Haus auf die Straße, weil sie sich durch zwei Männer in ihrer Tiefgarage bedroht sieht. Sie verständigt Passanten mit der Angabe, sie werde verfolgt. Ein Zeuge ruft die Polizei. Die später eintreffenden Polizeibeamten schildern, Bahner habe einen “verwirrten Eindruck” gemacht und ärztliche Hilfe abgelehnt. Nach ihrer Darstellung soll die Rechtsanwältin auch nach einem Beamten getreten haben. Die Polizisten legen der 54-Jährigen daraufhin Handschellen an und bringen sie in die Heidelberger Psychiatrie – zur ärztlichen Untersuchung.

Seit Montag kursiert im Netz ein verstörender Audiomitschnitt im Netz, der eine angebliche Sprachnachricht von Bahner an ihre Schwester zeigt. Die Rechtsanwältin spricht zwölf Minuten lang über ihre Festnahme und die Behandlung in der Psychiatrie. Man habe sie zu Boden gedrückt und den Kopf auf den Steinboden geknallt. “Keiner hat was gesagt, niemand hat reagiert, ich hab es bis heute noch nicht verbunden gekriegt.”

Der Rest des Audiomitschnitts bietet das gesamte Repertoire an Verschwörungstheorien. Bahner berichtet von “bösen Mächten”, die uns “tyrannisieren”. Sie habe zudem Angst, man wolle sie mit einer Giftspritze töten. Am Dienstagnachmittag wird Bahner schließlich aus der Psychiatrie entlassen.

Die Theorien überschlagen sich

Spätestens jetzt laufen die Verschwörungstheoretiker im Netz zu Hochtouren auf. Hier erzählt man sich, die Heidelberger Rechtsanwältin sei mundtot gemacht worden – und wer sich jetzt kritisch über die Corona-Maßnahmen äußere, laufe Gefahr, in der Psychiatrie zu landen oder gänzlich aus dem Weg geräumt zu werden. Dass Bahner den Polizeieinsatz am Sonntag selbst veranlasst hatte, wird nicht thematisiert.

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Gegen die Rechtsanwältin ermittelt derweil die Heidelberger Staatsanwaltschaft wegen des Aufrufs zu Straftaten. Bahner hatte im Netz zu Demonstrationen gegen die Corona-Regeln aufgerufen, obwohl diese derzeit bundesweit verboten sind.

Und so kam es am Mittwoch letztendlich zu dem skurrilen Flashmob vor der Heidelberger Kripo. Bahner hatte hier am Nachmittag eine Aussage machen müssen, rund 200 Unterstützer versammelten sich vor dem Gebäude, um sie zu unterstützen.

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Auch Bahners Unterstützer werden langsam stutzig

Unter den Teilnehmen: Diverse Verschwörungstheoretiker und auch Mitglieder der AfD, wie etwa der Landtagsabgeordnete Stefan Räpple. In dem RTL-Bericht ist zu sehen, wie ein Teilnehmer die beliebte “Reichsbürger”-Theorie verbreitet, Deutschland habe gar keine Verfassung. Ein anderer befürchtet mit den Corona-Maßnahmen eine “Zwangsimpfung für das ganze Volk”.

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Von einer angeblichen Misshandlung durch die Heidelberger Psychiatriemitarbeiter ist an diesem Tag jedoch nichts zu sehen: Die angebliche Kopfverletzung fehlt. Das macht inzwischen auch Bahners größte Unterstützer stutzig.

Der Impfkritiker Hans Tolzin beispielsweise, der sich anfangs noch positiv über Bahners Aktionen geäußert hatte, distanziert sich inzwischen auf seiner Website von der Rechtsanwältin. Auch in den Kommentarspalten der Impfkritiker und Veschwörungstheoretiker herrscht längst keine Einigkeit mehr: “Die Frau hat doch einen an der Marmel”, schreibt beispielsweise einer.

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