Corona in Russland: Impfpflicht ja, Lockdown nein

  • Mit der Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus hat sich das Infektionsgeschehen in Russland und vor allem in Moskau explosionsartig verschlechtert.
  • Die Behörden kündigen neue Schutzmaßnahmen an, zuletzt bis hin zur Impfpflicht – der stehen die Russen besonders skeptisch gegenüber.
  • Von einem Lockdown ist bislang aber nirgendwo die Rede.
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Moskau. In der Corona-Krise gibt Sergej Sobjanin inzwischen regelmäßig den einsamen Mahner. Als die Pandemie vor gut einem Jahr ausbrach, war es vor allem der Moskauer Bürgermeister, der vor der tödlichen Gefahr durch das Virus warnte und damals einen strengen Lockdown verhängte. Russlands Präsident Wladimir Putin tauchte zum Thema Corona hingegen regelrecht ab. Er äußerte sich kaum zur Epidemie und war in der Öffentlichkeit nur noch selten zu sehen. Er verstecke sich in seinem Bunker, weil er Angst vor der Seuche habe, wurde in der Bevölkerung gewitzelt.

Nun ist es wieder Sobjanin, der Alarm schlägt. Denn das Infektionsgeschehen hat sich explosionsartig verschlechtert. Registrierte Moskau vor gut zwei Wochen noch etwas mehr als 3000 Neuinfektionen pro Tag, so stieg diese Zahl am vergangenen Freitag und Samstag auf Werte von jeweils über 9000 neuen Corona-Fällen. So viele waren es noch nie. Besonders besorgniserregend: Es ist die äußerst ansteckende Delta-Variante des Virus, mit der sich nach Aussagen Sobjanins 90 Prozent der Bewohner Moskaus neu infiziert haben. „Wir sind mit dieser Geschichte neu konfrontiert“, sagte er im Staatsfernsehen. „Dieses Mal allerdings mit schwereren Konsequenzen.“

Die bisher als B.1.617.2 bekannte Delta-Variante wurde erstmals im Februar in Indien entdeckt, wo sie zu einer verheerenden Infektionswelle beitrug, die im Frühjahr begann. Delta gilt als die bisher ansteckendste Abwandlung des Coronavirus. Studien haben gezeigt, dass sie mindestens 40 Prozent übertragbarer ist als die Alpha-Variante, die erstmals im vergangenen Jahr in Großbritannien entdeckt wurde, die wiederum etwa 50 Prozent ansteckender ist als der Wuhan-Stamm, der die Pandemie im vergangenen Jahr auslöste.

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Die Impfpflicht – ein Mittel, das die Staatsführung eigentlich vermeiden wollte

Vor diesem Hintergrund erwies sich die Pandemie auch am Dienstagmorgen in Moskau mit 6555 Neuinfektionen immer noch als viel zu gefährlich, um Entwarnung geben zu können. Vielmehr kündigt Sobjanin seit zwei Wochen sukzessiv neue Maßnahmen gegen die weitere Verbreitung des Virus an.

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Erst erhöhte er die Strafen bei Nichttragen von Masken und Handschuhen, dann erklärte er eine arbeitsfreie Woche zwischen dem 15. und 19. Juni, schränkte Menschenansammlungen ein, verkündete in der Gastronomie eine Sperrstunde um 23 Uhr und rief eine Lotterie ins Leben, die jede Woche bis zum 11. Juli fünf Autos unter denjenigen verlost, die sich zum ersten Mal impfen lassen.

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Als alles nichts half, griff der Bürgermeister vergangene Woche zu einem Mittel, das die russische Staatsführung bislang eigentlich vermeiden wollte: die Impfpflicht. Präsident Wladimir Putin hatte diese noch Ende Mai im Staatsfernsehen als „unzweckmäßig und unmöglich“ bezeichnet. Die Bürger müssten schon selbst so klug sein, dass sie „einer sehr ernsten und sogar tödlichen Gefahr“ ausgesetzt seien, wenn sie den Impfstoff nicht in Anspruch nähmen.

Zwei Millionen Einwohner betroffen

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Doch leider erweisen sich die Moskauer aus Sicht Sobjanins nicht als vernünftig genug: „Unsere Sterblichkeit“, schrieb er auf seinem Blog, „liegt jetzt wieder bei den Rekordwerten des vergangenen Jahres.“ Wer sich ungeimpft im öffentlichen Raum bewege, mache sich zum Komplizen der Epidemie. Die Seuchenschutzbehörde der Stadt habe daher auf sein Geheiß hin eine Impfpflicht verfügt, die für alle Einwohnerinnen und Einwohner in der Region Moskau, in der mindestens 20 Millionen Menschen leben, gelte, die bei ihren Tätigkeiten Kontakt mit Kunden, Gästen, Schülern oder Patienten hätten.

In der Dienstleistungsmetropole Moskau ist das in besonders vielen Branchen der Fall. Betroffen sind Unternehmen im Einzelhandel, im Nahverkehr mit seinen Millionen Fahrgästen pro Tag, in der Gastronomie, im Bildungs- und im Gesundheitswesen, aber auch Banken, Hotels, Kinos, Fitnesscenter und die vielen Schönheits- und Massagesalons. Sie alle sind nun angewiesen, mindestens 60 Prozent ihrer Belegschaften bis Mitte August vollständig impfen zu lassen. Das sind zwei Millionen Menschen, die ansonsten ihren Job verlieren würden. So soll die Impfquote in Moskau deutlich erhöht werden. Denn in der russischen Hauptstadt mit ihrer notorisch impfskeptischen Bevölkerung haben bisher erst 13 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner mindestens die erste Dosis erhalten – in Deutschland ist inzwischen fast jeder Dritte vollständig immunisiert. Die Regionen Leningrad und Tula wollen die Herdenimmunität auf ihrem Gebiet nun auch erhöhen. Ihre Behörden kündigten ebenfalls Pflichtimpfungen an.

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